Winken ins Nichts

  • Dass die Sportlerinnen und Sportler aufgrund der Corona-Maßnahmen bei der Eröffnungsfeier leeren Rängen zujubelten, zeigt, dass auch im Sommer 2021 nichts ist, wie es mal war.
  • Im Gegenteil: Die Inzidenzen steigen weltweit.
  • Mancherorts ist der Urlaub in Gefahr. Und die Sorge vor dem Herbst wächst.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist so weit: Die Spiele haben begonnen. Das Einlaufen der 206 Teams ins Olympiastadion von Tokio gestern hatte jedoch nichts von der emotionalen Strahlkraft, mit der die Wettkämpfe in anderen Jahren eröffnet worden sind. Im Jahr 2016 hatten noch Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Tribünen gesessen, als die Sportlerinnen und Sportler feierlich in das Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro einliefen. In Tokio dagegen versuchten die Olympioniken gestern tapfer gute Miene zu machen – und winkten leise jubelnd ins Nichts. In der ansonsten leeren Arena waren aus Gründen des Infektionsschutzes nur wenige Ehrengäste erlaubt, die Atmosphäre geisterhaft.

Im Umfeld der Eröffnungsfeier gab es derweil Proteste. Auf den Plakaten der Demonstrie­renden stand „Löscht die olympische Fackel“. Dass Olympia mit Teilnehmenden aus aller Welt trotz steigender Fallzahlen während der Pandemie in der Millionenstadt Tokio stattfindet, wird nicht nur im Austragungsland Japan sehr kritisch gesehen. Schon allein deshalb hat „Tokio 2021″ schon jetzt Geschichte geschrieben.

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Eine Gefahr für das Land: Demonstrierende protestieren am Freitag in Tokio gegen die Olympischen Spiele. © Quelle: Ryosuke Uematsu/Kyodo News/dpa

Tokio 2021 – eine „technokratisch kalte Inszenierung“

Der stellvertretende RND-Sportchef Sebastian Harfst kommentierte die emotionsarme Eröffnungsfeier gestern dann auch mit folgenden Worten: „All die notwendigen Corona-Schutz­maßnahmen und die leeren Ränge lassen das Spektakel zu einer technokratisch-kalten Inszenierung verkommen. Offiziell werden zwar die Athletinnen und Athleten in den Vordergrund gestellt. Am Ende freut sich jedoch in erster Linie das IOC darüber, dass die gigantischen Fernsehgelder nun doch fließen. Der Eindruck: Diese Spiele finden statt, weil sie zugunsten der Bestandswahrung stattfinden müssen. Eine Basis für das viel zitierte Licht am Ende des Corona-Tunnels ist das nicht.“

+++ Alle Infos zu den Olympischen Spielen finden Sie in unserem Liveblog. +++

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Noch dazu fiel das Datum der olympischen Eröffnung auf einen Tag, an dem die Unsicherheit vor dem weiteren Verlauf der Pandemie einmal mehr wuchs. Weltweit steigen die Inzidenzen derzeit stark an, auch in Europa und Deutschland. Die Politik in Bund und Ländern schaltet deshalb langsam wieder in einen verschärften Krisenmodus, wie RND-Chef­korrespondent Thoralf Cleven und Lena Köpsell aus dem Berliner Büro berichtet. Die ersten Bundesländer haben sich bereits dafür ausgesprochen, das nächste Treffen der Länder­regierungs­chefs mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Corona-Lage vorzuziehen. Die Themen liegen auf der Hand: Es soll dabei vornehmlich um die Ausbreitung der Delta-Variante und die Frage nach Impfungen für Jugendliche gehen. Denn der derzeitige Anstieg der Corona-Inzidenz in Deutschland betrifft Senioren wenig, dafür aber die oftmals noch ungeimpften jüngeren Menschen – und in einigen Ländern beginnt schließlich schon bald das nächste Schuljahr.

Lauterbach: „Discobesuche nur mit Maske“

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„Je eher die Minister­präsidenten­runde zusammenkommt, desto besser“, sagte SPD-Gesundheits­politiker Karl Lauterbach gestern dem RND. „Wir kommen wahrscheinlich noch vor der Bundestagswahl in eine Situation hoher Fallzahlen und dreistelliger Inzidenzen. Darauf müssen die Länder jetzt reagieren. Außerdem stecken wir noch nicht so tief im Wahlkampf.“ Lauterbach riet auch, vorsichtig zu sein. Das bedeute auch: „Diskotheken­besuche nur für Menschen, die geimpft, genesen oder getestet sind und nur mit Maske.“ Christian Drosten, Sars-Cov-2-Experte und Chefvirologe an der Charité in Berlin, betonte in einem gestern veröffentlichten Interview mit der Deutschen Presse-Agentur noch einmal die Bedeutung einer jetzt unbedingt zu beschleunigenden Impfkampagne: „Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit von erneuten schmerzhaften Eingriffen im Winter.“

Auch Reisende bekommen die wachsende Sorge derzeit deutlich zu spüren. Gestern erst erklärte die deutsche Bundesregierung Spanien und die Niederlande zu Hochrisikogebieten. Zahlreiche Urlauberinnen und Urlauber hatten im Vorfeld der bereits erwarteten Entscheidung ihre Reisen storniert. Vor allem Familien sind betroffen. Bei der Wiedereinreise müssen noch ungeimpfte Kinder von nun an in Quarantäne.

Die Hoffnung auf einen entspannten Sommer voller neuer alter Freiheiten, von der im Lockdown­winter die Rede war, beginnt sich, so traurig das ist, zu verflüchtigen.

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Zitat des Tages

Viele Menschen wähnen sich angesichts einer niedrigen Inzidenz in Deutschland in einem falschen Sicherheitsgefühl. Es ist wichtig, jetzt sehr viel mehr Informations­arbeit zu leisten – auch im privaten Umfeld –, damit die Impfquote schneller ansteigt.

Christian Drosten, Virologe an der Charité in Berlin
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Leseempfehlungen

Hier infizieren sich die Deutschen im Urlaub mit dem Coronavirus: Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland steigt weiter an. Reiserückkehrer und Reiserückkehrerinnen aus dem Ausland spielen dabei eine größere Rolle als bislang angenommen. Eine Studie des Robert Koch-Institutes hat untersucht, in welchen Ländern sich die Menschen am häufigsten mit Corona infizieren.

„Zurück in die normale Welt“: Nach 13 Jahren unter der Vormundschaft ihres Vaters tastet sich US-Superstar Britney Spears schrittweise in ein selbstbestimmtes Leben zurück. Es scheint, als seien ihre Chancen auf ein Ende der Fremdbestimmung gestiegen, berichtet RND-Autor Imre Grimm. Ihr Fall macht Millionen Entmündigten in den USA Hoffnung.­

Aus unserem Netzwerk

Mit der Rückkehr der Reisenden schnellen die Corona-Infektions­zahlen in die Höhe. Auch in Schleswig-Holstein. Die „Kieler Nachrichten“ haben bei den Gesundheits­ämtern nachgefragt, wie groß der Anteil der Reiserückkehrer unter den Neuinfizierten ist. Und sie sind auf deutliche Zusammenhänge gestoßen.

Termine des Tages

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14 Uhr: Aktivisten der LGBT-Community treffen sich in Budapest zum Pride-Marsch, in Berlin beginnt um 12 Uhr der Christopher Street Day.

20.15 Uhr: Die Live-Benefizaktion „Deutschland hilft“ zugunsten deutscher Flutopfer beginnt im Fernsehsender Sat.1.

Der Tag in Tokio

9.15 Uhr: Die Handballer treffen in der Gruppenphase auf Spanien

12 Uhr: Die Hockeymänner spielen gegen Kanada

13.38 Uhr: Finale im Fechten – Säbel mit Medaillen­chancen für Max Hartung

Wer heute wichtig wird

Das Komitee für die Aufnahme von Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste entscheidet heute über die Ernennung. Neben Bad Ems (Bild) hat sich auch Baden-Baden mit neun anderen europäischen Kurorten beworben. © Quelle: Thomas Frey/dpa

Der Podcast des Tages: Olympia für Anfänger

Wohl nur für die Tokio-Spiele hat es „der Weg der leeren Hand“, was Karate übersetzt heißt, ins olympische Programm geschafft. Grund: Karate kommt aus Japan, hat seinen Ursprung in der Inselwelt von Okinawa, ist somit ein kleines Geschenk an die Gastgeberinnen und Gastgeber. Warum Karate mehr ist als das Zerschmettern von Ziegelsteinen, erklärt dieser Podcast.

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihre Dany Schrader

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