Wiener: “Wir vernichten Ressourcen, die wir zum Überleben brauchen”

  • Die Starköchin Sarah Wiener machte zuletzt Konsumenten von Rindfleisch aus Massentierproduktion mitschuldig an den Bränden im Amazonas-Regenwald.
  • Seit ein paar Monaten sitzt sie zudem als Abgeordnete mit im Europaparlament.
  • Im Interview spricht sie über zu billiges Fleisch, das geplante Freihandelsabkommen der EU mit dem Mercosur-Staatenverbund und die Mängel des Wirtschaftssystems.
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Brüssel. Frau Wiener, wann haben Sie zum letzten Mal Rindfleisch gegessen?

Das ist tatsächlich schon eine Weile her.

Erinnern Sie sich noch, woher das Rindfleisch stammte?

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Ich esse meist Rindfleisch von meinem eigenen Hof. Da bin ich natürlich in einer glücklichen Lage. Wir haben Kühe auf der Weide, eine eigene Schlachterei und Fleischerei. Ich kann also meinen Lebensmitteln gewissermaßen in die Augen schauen.

Haben Sie schon einmal Rindfleisch aus Brasilien gegessen?

Ja. Als Köchin habe ich in den letzten 30 Jahren alles Mögliche aus sehr vielen Ländern gegessen. Auch südamerikanisches Rindfleisch.

Und?

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Nun, ja. Früher war Rindfleisch einfach nur Rindfleisch, und Rindfleisch aus Brasilien war etwas Besonderes. Das hat sich grundlegend verändert. Wir leben in Zeiten der Billigmassenproduktion. Heute wissen wir sogar in den meisten Fällen gar nicht mehr, was wir essen und was da auf dem Etikett steht. "Modifizierte Stärke, Phosphorsäure, Würze, E-Nummern, Trockenhuhn": Wer weiß denn, was das ist? Aber auch dort, wo wir etwas schon tellerfertig serviert bekommen, haben wir keine Ahnung, wer da was wo wie produziert hat. Auch in öffentlichen Kantinen sieht es nicht anders aus. Wer den Zuschlag für die Kost in Krankenhäusern, Schulen, Mensen bekommen will, der muss wegen der Konkurrenz billig anbieten. Und billiges Zeug ist das Gegenteil von preiswerten Lebensmitteln. Wenn das Billigste immer gewinnt, dann muss man nicht mehr über Qualität reden.

Wie lässt sich das verändern?

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In Anbetracht unserer zahlreichen Probleme brauchen wir mutige Denker und Denkerinnen und neue Lösungsansätze. In den Industrienationen verlieren wir das individuelle Ess-Erlebnis und die Souveränität über unseren Körper. Wir werden fremdgefüttert. Und das auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners, was Geschmack, Aussehen und Auswahl betrifft. Die Nahrungsmittelindustrie will Rendite machen und denkt dabei weder an die Biodiversität noch an unsere Gesundheit. Die EU etwa steckt viel Geld in dieses falsche Landwirtschaftssystem, damit es konkurrenzfähig bleibt.

Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Das größte Problem für mich als Köchin ist heute, dass wir nicht mehr wissen, was wir essen und wie wichtig die Vielfalt und guter, unverfälschter Geschmack als Indikator für die Mittel zum gesunden und guten Leben sind. Wir verlieren die Verbindung zu unserem Körper und zur Natur. Das macht nicht nur uns krank, sondern belastet das Wasser, den Boden, andere Völker, Tiere und auch das Klima. Wenn am Amazonas die Regenwälder brennen, dann ist ein Grund dafür auch, dass wir immer billigere Lebensmittel erwarten und befördern. Den Preis zahlen andere in Form von Landvertreibung, Tierleid, Emissionen, Müll und Krankheiten.

Populisten wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro leugnen diesen Zusammenhang. Was kann man da machen?

Es gibt natürlich einige politische Werkzeuge. Aber: Wir alle müssen immer wieder standhaft die Wahrheit sagen, aufklären und hoffen, dass sich die Vernunft durchsetzt. Wir sind doch die Wirtschaft und wir sind die Politik. Wir haben nicht noch einmal 100 Jahre Zeit, um unsere zahlreichen Probleme zu lösen. Es sind nur wenige Jahre. Es wäre besser, wenn wir klug und entschlossen handeln als zu jammern und uns die Augen zuzuhalten. Wir alle werden Veränderungen erleben, die uns einschränken und verletzlich machen. Die Hütte brennt lichterloh, und es wird jedes Jahr schlimmer. Es ist an uns, den Brand zu löschen.

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Bolsonaro hat eine relativ simple Herangehensweise. Er denkt in wirtschaftlichen Kategorien: Weniger Wald gibt mehr Anbaufläche für Soja und Weidefläche für Rinder, mehr Rinder steigern den Export, mehr Export ist gut, weil dann die Kasse stimmt.

Da will ich vehement widersprechen. Die Kasse stimmt eben nicht. Die Massenproduktion von Fleisch ist so teuer, dass wir sie uns schlichtweg nicht mehr leisten können. Wir vernichten Ressourcen, die wir zum Überleben brauchen. Diese Produktionsmethode bedient nur die Gier einiger weniger Konzerne. Dass dabei mit dem Amazonas der Sauerstofflieferant der Welt kaputt geht, interessiert diese Konzerne überhaupt nicht. Der Regenwald am Amazonas verlangsamt den Klimawandel, ist aber auch eines der größten und vielfältigsten Ökosysteme der Welt. Wir brauchen mehr Bäume, mehr Natur. Dann geht es uns allen besser: körperlich und geistig. So simpel ist die Sache in Wahrheit.

Seit ein paar Monaten sind Sie nicht mehr nur Köchin, sondern als Europaabgeordnete auch Politikerin. Was denken Sie über das Freihandelsabkommen, das die EU mit dem südamerikanischen Staatenverbund Mercosur geschlossen hat, dem auch Brasilien angehört?

Dazu will ich erst einmal grundsätzlich sagen: Ein Freihandelsabkommen zwischen zwei Staatengruppen ist für mich doch kein Freihandelsabkommen, wenn davon die große Mehrheit aller Staaten auf der Welt ausgeschlossen wird. Es geht darum, dass die EU als einer der größten Wirtschaftsräume neue Absatzmärkte für seine Produkte bekommt. Es ist offenbar völlig egal, dass dabei die Umwelt zerstört und Existenzen vernichtet werden. Es ist genug für alle da, aber nicht für jedermanns Gier. Wenn wir billiges Rindfleisch aus Brasilien nach Europa einführen, dann werden bei uns noch mehr (klein)bäuerliche Strukturen vernichtet. Europa hat bei Gott keinen Mangel an Fleischproteinen, im Gegenteil. Wir haben ein Gülleproblem, ein Nitratproblem im Wasser, ein Pestizidproblem, ein Tierschutzproblem.

Sollte die EU das Mercosur-Abkommen aufgeben?

Natürlich sollte die EU das Mercosur-Abkommen aufgeben. Wenn wir wirklich Wert auf die Ökologie, das Klima und die soziale Frage legen wollen, dann müssen wir das tun.

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Und dann?

Dann fördern wir unsere eigenen unterschiedlichen Regionen, das Handwerk, die Bauern, die Produzenten. Dann essen wir wieder Lebensmittel und nicht nur Nahrungsmittel. Ich denke an das Vier-Augen-, maximal Sechs-Augen-Prinzip in dezentralen Ernährungssystemen, also vom Bauern direkt zur Köchin oder von der Bäuerin über einen Zwischenhändler zum Essenden. Das ist transparent. Das lässt sich kontrollieren. Das funktioniert und ist zukunftsweisend und nachhaltig.

Klingt gut, aber ein Problem bleibt: Regionales Biofleisch ist teurer als konventionelles. Was machen die Leute, die sich das nicht leisten können?

Ein ökologisches und zudem fulminantes Tierschutz-Desaster löst man nicht mit dem Ausspielen gegen die soziale Frage. Zudem: Ein Kilo Gemüse ist oft teurer als ein Kilo Billigfleisch. Wenn Menschen in einem der reichsten Länder der Welt kein Geld haben, um sich gesund und vielfältig zu ernähren, dann ist daran sicher nicht der Biobauer schuld und auch nicht die Weidekuh. Dann stimmt etwas grundlegend nicht am Wirtschaftssystem. Außerdem, seien wir mal ehrlich: Fleisch aus Massentierhaltung hat nichts, aber auch gar nichts, mit Genuss und Gesundheit zu tun. Es macht vielleicht satt, aber nicht glücklich. Ab und an köstlich zubereitetes Gemüse und Getreide zu essen, das ist ganz sicher befriedigender und macht glücklicher als jeden Tag einen Lappen Fleisch zu essen, von dem wir nichts, aber auch gar nichts wissen.

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