Lehren aus der Geschichte

Wie Kriege enden

Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica. Im Bild ein Vater auf dem Weg zum Grab seines Sohnes. Das Massaker von Srebrenica gilt als eines der schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Serbische Soldaten unter dem Kommando von General Mladic töteten mehr als 8000 Menschen, vorwiegend Muslime.

Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica. Im Bild ein Vater auf dem Weg zum Grab seines Sohnes. Das Massaker von Srebrenica gilt als eines der schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Serbische Soldaten unter dem Kommando von General Mladic töteten mehr als 8000 Menschen, vorwiegend Muslime.

Es ist der 7. Mai 1945. Ein Mann mit schütterem Haar unterzeichnet in der französischen Stadt Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Der Mann ist Generaloberst Alfred Jodl. Fotos zeigen einen Mittfünfziger, der den Blick fest nach unten richtet. Neben ihm ein britischer Militär, der auf das Dokument starrt, als wolle er sichergehen, dass Jodl tatsächlich unterschreibt. Am 8. Mai wird die Erklärung in Kraft treten und das Datum in die Geschichte eingehen. In der DDR als „Befreiung“ gefeiert, in Westdeutschland lange als „Niederlage“ verschwiegen. Es ist der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Ende von einem Krieg, in dem 50 Millionen Menschen starben. In dem die Deutschen sechs Millionen Jüdinnen und Juden brutal ermordeten.

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Das stark beschädigte Berliner Reichstagsgebäude zu Kriegsende. Heute jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus. Beim Kampf um Berlin fiel im Oderbruch damals auch der Neustädter Georg Stamm. FOTO: HENRY GRIFFIN

Das stark beschädigte Berliner Reichstagsgebäude zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Nach dem zwölf Millionen Vertriebene in Deutschland heimatlos waren. Jodl wird durch den Strick sterben.

Waffenruhe ist noch kein Frieden

Wann sind Kriege zu Ende? Wenn die Waffen ruhen, ist technisch gesehen Frieden. Aber Kriege hinterlassen Feindschaften, Trauer und Misstrauen.

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Wenn eine Partei siegt, kommt es oft schnell zu einem Waffenstillstand. Konflikte können auch vertraglich beendet werden – oder einfach nur einfrieren. Bis die seelischen Wunden einer Gesellschaft heilen, vergehen oft Jahrzehnte. Manchmal versuchen Menschen verzweifelt, das Geschehene aufzuarbeiten, aber scheitern. Forschende sind sich sogar uneins, ob Aufarbeitung immer Frieden fördert.

Sieg, Niederlage und Kapitulation

Die Kapitulationsurkunde, die Alfred Jodl am 7. Mai 1945 unterschreibt, ist das Eingeständnis einer Niederlage und das Anerkennen des Siegers. Die Alliierten haben das Konzentrationslager Ausschwitz befreit, viele deutsche Städte sind zerbombt und zahlreiche Wehrmachtssoldaten befinden sich in Kriegsgefangenschaft. Der Großteil des Deutschen Reichs ist besetzt. Deutschland hat den Krieg verloren.

Wer kapituliert, verliert. Niederlagen kommen zustande, wenn eine Partei, wie die Wehrmacht, aufgibt. „Totale militärische Siege sind sehr selten“, erklärt Ullrich Kuehn, Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Oft erscheint ein weiterer Angriff für eine Partei schlichtweg wenig erfolgsversprechend. Dann ist es für diese sinnvoller zu kapitulieren, als Ressourcen und Menschenleben in einer weiteren Schlacht zu riskieren, die sie wahrscheinlich nicht gewinnen würde. Dabei ist nicht ausschlaggebend, wie die Machtverhältnisse tatsächlich stehen. Wichtig ist, wie gut eine Seite ihre Siegchancen einschätzt.

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Aber es gibt auch einen sehr einfachen Grund, weshalb Parteien als Sieger aus Kriegen hervorgehen: die Stärke der Waffen. Kriege, in denen eine Seite militärisch deutlich überlegen ist, enden in der Regel schnell. Als die Nato am 24. März 1999 in der damaligen serbischen Teilrepublik Kosovo intervenierte, war sie weniger als drei Monate im Einsatz. Der Eingriff ist bis heute völkerrechtlich und ethisch hoch umstritten. Nach 78 Tagen zogen sich die jugoslawische Armee und die serbische Polizei aus dem Kosovo zurück. Doch ein Ende des Krieges bedeutet nicht automatisch ein Ende der Gewalt. Gerade erst am 27. Dezember 2022 hatte Serbien seine Truppen wieder einmal in Kampfbereitschaft versetzt. Zuvor war es zu Schüssen nahe serbischen Straßenblockaden im Kosovo gekommen.

Wenn Kriege einfrieren

Das eine Land ist eine Demokratie mit diplomatischen Beziehungen in die ganze Welt, das andere gilt als am stärksten abgeschottete Diktatur überhaut. Südkorea ist ein globalisierter Industriestaat, Nordkorea verfolgt eine straffe Planwirtschaft. Bis heute sind die Staaten verfeindet, dabei liegt der Krieg schon über 60 Jahre zurück. Doch einen Friedensvertrag hat es nie gegeben. Der Konflikt ist praktisch eingefroren.

Beide Teile Koreas hatten militärisch starke Partner. Der Norden wurde von China und der Sowjetunion unterstützt, der Süden von den Vereinten Nationen (UN). Deren Truppen bestanden zum Großteil aus denen der USA. Der UN-Sicherheitsrat hatte in Abwesenheit der vetoberechtigten Sowjetunion die Unterstützung Südkoreas beschlossen. Weil beide Seiten militärisch hohe Unterstützung hatten, ließ sich im vorhinein kein eindeutiger Sieger absehen. Konstellationen, in denen Kriegsparteien ähnlich stark sind, begünstigen „frozen conflicts“. Dann schätzen beide Seiten ihre Chancen auf einen Sieg schlecht ein und bevorzugen es deshalb, nicht weiter zu kämpfen.

Doch wegen einer menschlichen Neigung legen Kriegsparteien oft nicht die Waffen nieder, bevor eine Seite siegt. „Die Parteien wollen nicht, dass die Soldaten umsonst gefallen sind“, erklärt Philosoph Olaf Müller von der Humboldt-Universität Berlin. Wer schon viel investiert hat, ist weniger bereit, vom eigenen Ziel abzulassen. In der Verhaltensökonomik ist das Phänomen als „Sunk Cost Fallacy“ bekannt.

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Zwischen Nord- und Südkorea herrscht heute Waffenruhe. Die verfeindeten Staaten befinden sich vorerst nicht mehr in der Negativspirale von Gewalt und Gegengewalt. Doch wie im Kosovo ist es eine zerbrechliche Stille. Erst im Oktober führte Nordkorea eine Reihe von Raketentests durch. Südkorea und die USA feuerten als Reaktion ebenfalls Geschosse ab. Diese andauernde Gewalt ist durchaus typisch, erklärt Friedensforscher Ullrich Kühn: „Auch nach einem Waffenstillstand kommt es oft immer wieder zu indirekter Gewalt, beispielsweise durch Aufrüstung und Drohungen.“ Denn eingefroren heißt auch: Es gab nie einen offiziellen Frieden, der zum Beispiel per Vertrag geschlossen wurde. Anders im sogenannten Bosnien-Krieg.

Frieden per Vertrag

Frauen und Kinder kauern sich aneinander. Häuser brennen. Dazwischen Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen, die offenbar verzweifelt versuchen, die Lage zu kontrollieren. Es ist Juli 1995. Diese Bilder aus Srebrenica gehen um die Welt. Unter Führung von Ratko Mladić töten serbische Truppen innerhalb von vier Tagen über 8000 bosnische Jungen und Männer. Die meisten von ihnen verscharren sie in Massengräbern. Rund 400 Blauhelme sind im Einsatz. Sie sind nur leicht bewaffnet und verhindern die Gräueltaten nicht. Nach dem Massaker bombardieren die USA und die Nato serbische Stellungen. Rund 5000 Soldaten aus 15 Ländern sind auf Nato-Seite beteiligt. Der Bosnien-Krieg endet formal mit einem Friedensvertrag. Die Rolle der UN-Soldaten und ihre mögliche Mitschuld am Massaker wird bis heute diskutiert. Auch der Einsatz der Nato-Truppen wird von unterschiedlichen Seiten kritisch betrachtet. Die Zahl der getöteten bosnischen Serben wurde nie von offizieller Stelle veröffentlicht.

Bosnien-Herzegowina im Juli 2022. Die Witwe Bahta Aljic trauert neben dem Sarg mit den sterblichen Überresten ihres Mannes, der zu den 50 neu identifizierten Opfern des Völkermords von Srebrenica gehört. Tausende versammeln sich in der ostbosnischen Stadt für die Opfer des Massakers von Srebrenica.

Bosnien-Herzegowina im Juli 2022. Die Witwe Bahta Aljic trauert neben dem Sarg mit den sterblichen Überresten ihres Mannes, der zu den 50 neu identifizierten Opfern des Völkermords von Srebrenica gehört. Tausende versammeln sich in der ostbosnischen Stadt für die Opfer des Massakers von Srebrenica.

Damit Friedensverträge zustande kommen, bevor eine Partei militärisch am Boden ist, müssen Staaten überhaupt bereit sein, zu verhandeln. Das ist oft leichter, wenn es einen Vermittler gibt. Friedenspsychologe Klaus Boehnke erklärt zu solchen Fällen: „Die Forschung hat gezeigt, dass nachhaltige Friedensverträge in der Regel nur unter Zuhilfenahme Dritter entstehen können.“ Die Vermittlerin könne dafür sorgen, dass die Kriegsparteien sich nicht in gegenseitigen Anschuldigungen verlieren. Wenn eine Seite droht benachteiligt zu werden, kann Vermittlung für einen Ausgleich sorgen.

Im Falle des Bosnien-Kriegs im Jahr 1995 traten die USA als Vermittlerin auf. Die Kriegsparteien trafen sich auf dem Stützpunkt der US-Airforce „Dayton“ und verhandelten wochenlang. Am Ende stand ein Friedensvertrag, den die Kriegsparteien weitestgehend achteten. Doch weitere Eskalationen in der Region konnte er nicht verhindern. Oft werden Friedensverträge gebrochen. Zum Beispiel das Abkommen Minsk II, in dem der Waffenstillstand in den ostukrainischen Gebieten festgelegt wurde.

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Was muss also passieren, damit Friedensverträge nicht nur geschlossen, sondern auch von beiden Siegen akzeptiert werden? „Üblicherweise sollte eine außenstehende Partei die Einhaltung des Friedensvertrags überwachen“, sagt Experte Ullrich Kühn. Außerdem sei wichtig, dass das Abkommen von beiden Seiten als einigermaßen gerecht wahrgenommen wird. Wenn nur eine Partei alle ihre Interessen im Vertrag durchsetzt, wird die andere wahrscheinlich wenig bereit sein, ihn einzuhalten, so Ullrich. Besonders in Demokratien spielt auch die Zivilgesellschaft eine sehr wichtige Rolle. Akzeptiert sie den Friedensvertrag nicht, kann sie eine Regierung wählen, die das Abkommen nicht einhält.

Nach dem Krieg – endlich Frieden?

Mit Siegen, Einfrieren oder per Vertrag – so können Kriege enden. Aber wann können Gesellschaften Frieden finden? Der Weg ist nie leicht und immer lang. Den perfekten Frieden, in dem es keine Feindbilder und kein Misstrauen mehr gibt, wird es wahrscheinlich nie geben. Aber es gibt Versuche, sich dem anzunähern. Einer davon ist, die Kriegsgeschehnisse aufzuarbeiten. Das kann zum Beispiel durch sogenannte Wahrheitskommissionen passieren, die Kriegsverbrechen dokumentieren. Auch Strafprozesse dienen oft dem Versuch, Gerechtigkeit und Frieden herzustellen.

„Die Fronten verhärten sich während der Aufarbeitung oft.“

Susanne Buckley-Zistel,

Friedensforscherin

„Wenn die ehemaligen Feinde den Krieg aufarbeiten, hilft das immer“, sagt Sicherheitsexperte Ullrich Kühn von der Universität Hamburg. China und Japan hätten ihre Kriegsvergangenheit zum Beispiel nie aufgearbeitet und deshalb bis heute ein extrem angespanntes Verhältnis.

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Anders sieht das Susanne Buckley-Zistel, die das Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Marburg leitet. „Die Fronten verhärten sich während der Aufarbeitung oft“, so Buckley-Zistel. Nachdem die Kriegsverbrecher des Jugoslawien-Kriegs zum Beispiel vom Internationalen Strafgerichtshof verurteilt wurden, feierten die eigenen Leute sie oft als Kriegshelden, so die Forscherin. Die Anerkennung von Leid in Form von Gerichtsprozessen und Bestrafung kann den Opfern aber auch ein Stück Würde zurückgeben, meint sie. Doch friedensförderlich seien sie deswegen noch lange nicht.

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Psychologe Klaus Boehnke glaubt, dass insbesondere Gerichtsprozesse nicht hilfreich sind, weil sie das Racheprinzip fördern. „Auge um Auge, Zahn um Zahn, kann nie Frieden bringen“, sagt er. Aufarbeitung müsse immer freiwillig passieren. „Wenn nicht beide Seiten die Aufarbeitung wirklich wollen, wird eine Seite immer von Siegerjustiz sprechen“, sagt er.

Vielleicht stehen sich Gerechtigkeit und Frieden hier frontal gegenüber. Wahrheitskommissionen und Gerichtsprozesse können eine Form von Gerechtigkeit schaffen, indem sie Täter bestrafen. Die Fronten, die sie verursachen, erschweren auch den Weg zum Frieden. Aber was wäre eine Frieden ohne Gerechtigkeit?

Alfred Jodl, der am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterschreibt, wird in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt. Sie gehen als Mutter aller Kriegsverbrecherprozesse in die Geschichte ein. Westdeutschland wird zur Demokratie. Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt fällt vor dem Ehrenmal der Helden des Warschauer Gettos auf die Knie. Es gibt deutsch-israelische Begegnungsfahrten und der Nationalsozialismus ist fester Bestandteil des deutschen Geschichtsunterrichts. Doch der Prozess dauert bis heute an. Noch 2019 verhandelten Israel und Deutschland um Wiedergutmachungszahlungen für Holocaustüberlebende. Polen fordert bis heute Reparationszahlungen für die von Deutschland verursachten Kriegsschäden.

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