Wie wählt die Generation Z? Jugendforscher glaubt: „Sie könnten das Zünglein an der Waage sein“

  • Die Generation der Menschen um die 20 Jahre gilt als sehr politikinteressiert und steuert jetzt auf ihre erste Bundestagswahl zu.
  • Was macht diese Gruppe aus und sind sie wirklich so politisch wie angenommen?
  • Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann gibt im Interview einen Überblick, erklärt warum keiner der Kanzlerkandidaten so richtig ankommt und prognostiziert, welche Parteien am stärksten abschneiden.
|

Herr Hurrelmann, ein großer Teil der Generation Z (circa zwischen 1997 und 2010 geboren) darf in diesem Jahr zum ersten Mal wählen, einige bereits zum zweiten Mal. Was macht diese Generation aus?

Klaus Hurrelmann: Es ist eine Generation mit einem verhältnismäßig hohen politischen Interesse. Das liegt daran, dass sie in einer sehr sicheren Welt aufgewachsen ist. Eine so tolle Perspektive für das berufliche Leben hat es schon lange nicht mehr gegeben. Somit hat sie den Rücken frei für politisches und soziales Engagement. Das ist der größte Unterschied zur vorherigen Generation Y, die mit riesigen Unsicherheiten aufgewachsen ist und sich daher in erster Linie um sich selbst kümmern musste.

Dennoch ist für die Generation Z auch Sicherheit und Stabilität wichtig. Viele junge Leute erwarten, dass sich die Politik dafür einsetzt – vor allem mit Blick auf Arbeitsplätze, aber auch die innere Sicherheit und natürlich Klima- und Umweltschutz.

Video
Briefwahl: Was muss ich dabei beachten?
0:44 min
Die Briefwahl bietet Bürgerinnen und Bürgern eine einfache und sichere Alternative zur Stimmabgabe im Wahllokal.  © RND

Ist schon absehbar, welche Einflüsse die Corona-Pandemie auf diese Generation hat?

Die Pandemie stärkt in jedem Fall die Bruchlinien. Die soziale Ungleichheit wird größer. Das sehen wir bereits jetzt im Bildungsbereich. Vor Corona waren schon 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler an ihrer Grenze und konnten den Anforderungen nicht gerecht werden. Diese Gruppe ist besonders gebeutelt durch die Schulschließungen und die Hürde, einen Ausbildungsplatz zu finden. Aber die Pandemie hat denjenigen Chancen zugespielt, die schon vorher sehr offen, sensibel und engagiert waren. Diese Gruppe ist gewissermaßen gewachsen und digital kompetenter geworden.

Laut unserer Umfrage bezeichnet sich gut ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen als „stark” interessiert an Politik, aber 49 Prozent wissen nicht, wie viele Stimmen sie bei der Bundestagswahl haben. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Wir haben ein sehr kompliziertes Wahlsystem. Viele wissen nicht genau, wen sie wählen müssen, wenn sie einen bestimmten Kandidaten oder Kandidatin haben wollen. Zumal man zwei Stimmen bei der Bundestagswahl hat – das ist schon sehr verwirrend und das gibt es in anderen Ländern so nicht. Großbritannien hat das klarste und einfachste Modell. Da gibt es den Kandidaten, die Partei und den Wahlkreis. Ich habe dort eine Stimme und wenn ich den Kandidaten wähle, wähle ich auch seine Partei. Bei uns kann ich eine Partei wählen, aber einen anderen Kandidaten. Ich weiß aber nicht, ob sich die Partei, die ich wähle, am Ende an der Regierung beteiligen kann.

© Quelle: Montage Ranke

Könnten Modelle wie eine direkte Demokratie helfen, das zu ändern?

Ja, es würde viele junge Leute abholen, eine klare Stimme haben. Gleichzeitig gibt es Erfahrungen, die zeigen, wie riskant das ist. Zuletzt das Brexit-Votum hat viele junge, politisch Interessierte nachdenklich gestimmt. Es war erkennbar, dass bei diesen existenziell wichtigen Fragen für ein ganzes Land und die gesamte Europäische Union nicht das Sachthema im Vordergrund für die Wählerinnen und Wähler stand, sondern alle möglichen anderen Aspekte. Dadurch ist ein deutlicher Dämpfer für solche direkt demokratischen Wahlvorgänge entstanden.

Video
„Ich finde es widerwärtig“: Erstwählende reagieren auf die Wahlwerbespots
13:58 min
Die Wahlwerbespots der Parteien sollen für Aufmerksamkeit sorgen. Manchen gelingt das, manchen nicht. Wie reagieren Erstwählende auf die Spots?  © RND

Aus unseren Gesprächen mit Erstwählerinnen und Erstwählern wurde deutlich, dass viele ihren Politikunterricht schlecht finden oder fanden. Inwiefern können Schulen dazu beitragen, Interesse zu wecken und Wissen zu erweitern?

Schulen können hier sehr viel machen. Das zeigt zum Beispiel der Fall, als in einigen Bundesländern das Wahlalter für Kommunal- und Landtagswahlen auf 16 Jahre herabgesetzt wurde. Schülerinnen und Schüler wurden systematisch aufgeklärt und das hatte ganz tolle Effekte. Die wussten ganz genau, wie die Wahl funktioniert, und haben sich die Parteiprogramme angeschaut. Das waren wirklich Superwählerinnen und Superwähler. Bei Älteren muss das über andere Kanäle laufen. Da spielen Medien eine sehr große Rolle und auch die Parteien müssen ihre Wählerinnen und Wähler im Wahlkampf ganz genau aufklären. Sonst tappen diese im Dunkeln und gehen im schlimmsten Fall nicht zur Wahl.

Laut der Studie Junge Deutsche 2021 finden 73 Prozent der 18- bis 29-Jährigen einen persönlichen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz wichtig, aber für nur 46 Prozent ist eine nachhaltige Lebensweise prägend. Warum ist die Bereitschaft, etwas zu verändern, so gering?

Wir sind alle in dieser Gesellschaft aufgewachsen, so, wie sie ist. Außerdem leben viele in einem Elternhaus, in dem sie nicht allein entscheiden können. Deswegen ist es ganz wichtig, auf die aktiven, jungen Leute zu hören, die in den Umweltbewegungen tätig sind. Denen ist die Kluft zwischen dem Ziel und dem eigenen persönlichen Verhalten bewusst. Daher plädieren sie stark dafür, dass strukturelle Lösungen gefunden werden.

Beispielsweise, ob die Nahrungsmittelproduktion durch ein Gesetz verändert werden soll oder auch die Energiewende durch politische Entscheidung beeinflusst wird und nicht durch mein individuelles Verhalten. Das wird von den Aktivistinnen und Aktivisten immer wieder gefordert, da sie wissen, dass sie allein durch ihr individuelles Verhalten wenig verändern können.

2019 ploppte der Trend des „Child free Movement“ auf. Immer mehr junge Menschen wollen zugunsten des Klimaschutzes kinderlos bleiben. Werden wir in Zukunft noch weniger Kinder haben?

Das dürfte insgesamt nur ein kleiner Akzent sein. Alle Studien, die wir haben, deuten daraufhin, dass die große Mehrheit der jungen Leute sagt, sie wollen einmal eine Familie mit Kindern haben. Der Wunsch ist stärker bei jungen Frauen als bei jungen Männern. Aber junge Frauen wollen gleichzeitig auch beruflich aktiv sein, da gibt es also Konflikte. Das alles könnte dazu führen, dass der Anteil junger Leute, die sich für eine Familie mit Kindern entscheiden, etwas schrumpft. Aber es sieht nicht nach einer dramatischen Veränderung aus. Die Gruppe, die sich bewusst gegen Kinder entscheidet, ist momentan noch eine Minderheit.

Kommen wir zur aktuellen Bundestagswahl: Weder Armin Laschet (CDU) noch Olaf Scholz (SPD) oder Annalena Baerbock (Grüne) scheinen bei der jungen Zielgruppe so richtig anzukommen. Woran liegt das?

Die jüngeren Wählerinnen und Wähler und vor allem die Frauen unter ihnen sind Inhaltswähler. Sie interessieren sich stärker für klare Positionen als viele Ältere. Armin Laschet wählt oft diplomatische Formulierungen, ohne sich klar auszudrücken. Das ist für junge Leute schon immer irritierend gewesen. Die wollen wissen, was Sache ist, und eine gewisse Authentizität sehen, die dann auch ihrem Handeln bei einer Regierungsbeteiligung entspricht.

Genau das hat Baerbock zu Beginn des Wahlkampfes versucht. Sie wollte mit klaren Positionen eine inhaltliche Diskussion über die richtige Politik führen und damit verhindern, dass es zu einer Rangelei unter den Kandidaten kommt. Allerdings ist ihr das wegen der Diskussionen um ihren Lebenslauf und ihr Buch entglitten. Der SPD-Kandidat Scholz bekommt eine gewisse Resonanz in der Altersgruppe. Im Grunde zeigt er sich ähnlich moderierend wie Merkel und bringt klare Positionen mit. Das ist sein Plus im Moment. Allerdings hat die SPD in der Altersgruppe stark verloren.

Das zeigt auch unsere Umfrage. Nur 9 Prozent (Stand Anfang August) würden die Sozialdemokraten wählen. Woran liegt das?

Viele junge Leute sind irritiert. Sie wissen nicht, wofür die Partei steht oder was ihre Mission ist. Die SPD war bis vor gut 15 Jahren bei jungen Leuten noch sehr gut im Kurs. Sie stand für gewisse Positionen und Inhalte, die jungen Leuten sehr am Herzen liegen, wie beispielsweise Arbeit und Beruf, Gerechtigkeit oder Armut. Vieles davon ist bei den Linken gelandet, die von der Altersgruppe auch als klar profilierte Partei wahrgenommen werden.

Aber da Scholz in den Umfrage nur knapp hinter Baerbock liegt, wäre es spannend für die SPD, darauf zu setzen, die jungen Leute zu überzeugen, dass sie gemeinsam mit den Grünen klimapolitische Akzente setzen können. Das liegt aktuell in der Luft. Die Gruppe der jungen Leute könnten daher das Zünglein and der Waage bei der Wahlentscheidung sein.

Zum Abschluss bitten wir Sie um eine Prognose: Welche Partei wird die meisten Stimmen in der Zielgruppe erhalten?

Die Grünen sind vorne, das steht fest. Die AfD wird recht gut abschneiden. Tja, aber wer bekommt den dritten Platz? Wenn es der SPD mit Scholz gelingt zu punkten, könnte der an die SPD gehen. Ansonsten hat aber auch die FDP sehr gute Chancen.

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Geisteswissenschaftler an der Hertie School in Berlin. Er setzt sich unter anderem mit den Entwicklungen verschiedener Generationen auseinander und untersucht, welche Einflüsse die Jugendgenerationen beeinflussen und verändern.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen