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„Der Feind steht rechts“

100 Jahre Mord an Walther Rathenau: von der Verletzlichkeit der Demokratie

Starb mit 54 Jahren: Walther Rathenau.

Starb mit 54 Jahren: Reichsaußenminister Walther Rathenau.

Berlin. Was hat ein politischer Mord vor 100 Jahren mit der heutigen Demokratie zu tun? Gibt es eine direkte Linie vom Attentat auf Reichsaußenminister Walther Rathenau zu den Schüssen auf den Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke vor drei Jahren? Am Freitag versucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Gedenkveranstaltung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, eine Antwort auf diese Fragen zu finden.

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Der Mord an Rathenau erschütterte vor 100 Jahren die junge Weimarer Republik. Am Vormittag des 24. Juni 1922 ließ sich Rathenau von seiner Villa im offenen Wagen in Berlin-Grunewald ins Auswärtige Amt chauffieren. Personenschutz hatte er trotz konkreter Warnungen abgelehnt. Den offenen Mercedes, der dem Wagen folgte, hatten weder Rathenau noch dessen Chauffeur bemerkt. Gegen 10.45 Uhr setzte sich der Mercedes in einer Kurve neben das Ministerauto. Einer der beiden Attentäter feuert neunmal aus einer Maschinenpistole, der zweite wirft eine Handgranate. Der 54-jährige Rathenau stirbt wenige Minuten später.

Am Folgetag sprach Reichskanzler Joseph Wirth die berühmten anklagenden Worte, die in den vergangenen Jahren wieder und wieder zitiert wurden: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!“ Der Schriftsteller Kurt Tucholsky kommentierte: „Walther Rathenau ist für die Republik ermordet worden, die ihn niemals geschützt hat.“

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Fast 400 politische Morde werden zwischen dem Kriegsende 1918 und 1922 gezählt. Vor Rathenau waren bereits die sozialistischen Politiker Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und der frühere Finanzminister Matthias Erzberger von rechtsextremen Paramilitärs ermordet worden. Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann, der 1918 die Republik ausgerufen hatte, entging drei Wochen vor dem Rathenau-Mord nur knapp einem Blausäureanschlag. Neben Hass auf die führenden Köpfe der jungen Republik trieb die Attentäter aus der rechtsterroristischen „Organisation Consul“ auch Kalkül: Sie wollten einen Bürgerkrieg auslösen, an dessen Ende die ersehnte Militärdiktatur stand. Der Mord an Rathenau sollte einen „Tag X“ einleiten.

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Rathenau war als „Erfüllungspolitiker“ und Jude schon länger eine Hassfigur der radikalen Rechten. Ein Lied machte in ihren Kreisen die Runde: „Schlagt tot den Walther Rathenau / die gottverdammte Judensau“.

Der Berliner Geschichtsprofessor und frühere Leiter des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung Martin Sabrow ist vielleicht der bestinformierte Rathenau-Experte im Land. Als junger Studienrat an der Walter-Rathenau-Schule, nur wenige Hundert Meter vom Attentatsort entfernt, begann er sich mit dem Namensgeber zu beschäftigen. Die Faszination für Rathenau verließ ihn sein ganzes akademisches Leben nicht.

Der Historiker Martin Sabrow vor dem Gedenkstein für Walther Rathenau am Ort des Attentats.

Der Historiker Martin Sabrow vor dem Gedenkstein für Walther Rathenau am Ort des Attentats.

„Die terroristische Bedrohung von rechts blieb und bleibt auch in der Bundesrepublik aktuell“, sagt Sabrow heute. „Die demokratische Ordnung ist dauerhaft verletzlich. Wir sehen doch eine nie ganz abreißende Kette rechtsextremen Terrors, vom Werwolf in den letzten Kriegstagen über die Wehrsportgruppen bis zum Oktoberfestattentat 1980. Rechtsextreme schossen auf Rudi Dutschke, ermordeten Walter Lübcke, bildeten den NSU und sein Unterstützernetzwerk, schossen in Hanau und Halle.“

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Die „Organisation Consul“, die hinter den Morden an Erzberger und Rathenau und dem Mordversuch an Scheidemann stand, habe neben 5000 Aktiven auch eine halbe Million „Schläfer“ umfasst. Ihre Mitglieder waren tief im Bürgertum verwurzelt, verkehrten in angesehenen Kreisen.

Auch der NSU und der Mörder von Walther Lübcke hatten ein Unterstützernetzwerk, aber sie kamen nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Sabrow sieht keine „gleichartige Bedrohungslage“ zwischen Weimar und Berlin. Er führt aus: „Die ‚Organisation Consul‘ hielt sich für den Staat, sie wollte die Weimarer Republik stürzen und ermordete kaltblütig und funktional führende Repräsentanten dieser Republik, um einen Bürgerkrieg herbeizuführen. Die Attentäter waren vernetzt, kamen aus bürgerlichen Kreisen. Heute sehen wir zwar keine isolierten Einzeltäter, aber eher Menschen vom Rand der Gesellschaft, die aus flammendem Hass Angehörige bestimmter Gruppen angreifen.“

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Doch kommende Woche wird das Urteil im Prozess gegen den Bundeswehroffizier Franco A. erwartet. Die Bundesanwaltschaft fordert mehr als sechs Jahr Haft für den 33-Jährigen. Sie sieht es als erwiesen an, dass A. „ein rechtsradikaler Terrorist“ sei, der Anschläge auf das Leben hochrangiger Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens geplant habe. Sollte daraus ein „Tag X“-Szenario mit Unruhen und einem Losschlagen klandestiner Netzwerke („Nordkreuz“) werden? Auch der Prozess fand hier keine klare Antwort

Warnung vor unreflektierten Weimar-Vergleichen

Sabrow ist es wichtig, die Unterschiede zwischen Weimar und heute zu betonen. „Von der CSU bis zur Linkspartei beobachten wir gegenwärtig eine einigermaßen homogene politische Kultur. Darin liegt ein fundamentaler Unterschied zu den Verhältnissen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg“, sagt er. „Der beängstigende Aufstieg einer radikalen Rechtspartei ist auch der Preis dafür, dass sich die alten politischen Lagergegensätze vielfach aufgelöst haben.“

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Er warnt vor einem „unreflektiert verwendeten Weimar-Vergleich“, dieser könne „zum alarmistischen Problemverstärker werden, der die Gefahr noch schürt, die er abwehren will“. Weimar und Berlin sei eben nicht dasselbe: „Suggestiv verwendete Vergleiche bergen die Gefahr, dass wir die entschiedene Gelassenheit verlieren, die am ehesten dafür sorgen kann, dass der Rechtspopulismus wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt“, meint Sabrow.

Die Hamburger Soziologin Teresa Koloma Beck wird am Freitag mit Steinmeier und Sabrow über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen 1922 und 2022 diskutieren. Sie betont eher die neuen Herausforderungen: „1922 ging es den Mördern Rathenaus darum, die junge Weimarer Republik grundlegend zu destabilisieren, indem man eine Gewaltspirale erzeugt. Heute ist die Demokratie gefestigt, steht aber vor der Herausforderung einer immer pluraleren Gesellschaft“, sagt sie. „Für die Verteidigung der Demokratie ist es essenziell, die durchaus konfliktbeladenen Unterschiede der pluralen Gesellschaft zu thematisieren, anstatt sie durch neue vereinheitlichende Narrative zu verdecken.“

Wichtige Worte einer angehenden Abiturientin

Für einen Vortrag ist Sabrow in diesen Tagen wieder an seine alte Schule zurückgekehrt. Die Schülerinnen und Schüler der Walther-Rathenau-Schule haben sich intensiv mit dem Namensgeber auseinandergesetzt.

Eine angehende Abiturientin zieht in einer Begleitbroschüre die Linien zur Gegenwart: „Der NSU-Komplex ist bloß eines der vielen beunruhigenden Ereignisse, das beweist, wie kostbar und schutzbedürftig die deutsche Demokratie ist.“ Und: „Wir erinnern uns heute an Walther Rathenau, da wir zwar nicht wie er in der ständigen Furch leben müssen, aufgrund unserer politischen Einstellung oder Herkunft Opfer eines Attentats zu werden, jedoch weiterhin Verantwortung tragen, keine Bedrohungen der Demokratie zu verharmlosen.“

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