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„Waren kurz davor zu sterben“ – Rabbinerpaar schildert Minuten in der Synagoge

  • Er überlebte den Anschlag in Halle, war währenddessen in der Synagoge: Der Rabbinerstudent Jeremy Borowitz.
  • Im Interview erzählt er von seiner Angst und der Reaktion der Gemeinde.
  • Unbeschwert hatte sich der US-Amerikaner mit seiner Frau in das jüdische Leben in Deutschland gestürzt - der Anschlag wirft sie aus der Bahn.
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Halle. Sie überlebten den Anschlag in Halle: Der Rabbinerstudent Jeremy Borowitz und seine Frau, die Rabbinerin Rebecca Blady, waren am Mittwoch zu Gast in der Synagoge der Saalestadt. In Berlin bauen sie für die Hillel-Stiftung, die weltweit größte jüdische Studentenorganisation, einen Anlaufpunkt für jüdisches spirituelles Leben auf. Sie gehörten zu einer Gruppe von zehn US-Amerikanern, die in den Terroranschlag gerieten. Die beiden haben eine einjährige Tochter, die nicht mit in der Synagoge war. Jeremy Borowicz erzählt, wie er und seine Frau den Anschlag erlebt haben.

Wie kamen Sie an Jom Kippur ausgerechnet nach Halle?

Wir haben mit einer Gruppe von ungefähr 30 Leuten, darunter die Hälfte Amerikaner, einen Ausflug nach Halle gemacht. Wir wollten einmal aus Berlin raus. Wir kennen den Vorbeter der Gemeinde in Halle, Roman Youssel Remis, der in Berlin wohnt. Über ihn kamen wir auf die Idee, den Feiertag in Halle zu verbringen.

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Wie haben Sie in der Synagoge den Anschlag mitbekommen?

Wir waren mitten in der Thoralesung, also noch ziemlich am Anfang des Gottesdienstes, der an Jom Kippur immer mehrere Stunden dauert. Ein Wachmann sagte, er habe etwas auf dem Monitor gesehen. Dann hörten wir einen sehr lauten Knall. Wir haben angefangen, die Leute aus dem Gemeindesaal ins Obergeschoss zu bringen im hinteren Teil der Synagoge. Das war auch der Platz, wo wir übernachten wollten. Dann hörten wir eine Abfolge von tak, tak, tak. Längst nicht so laut wie der erste Knall.

Das müssen die Schüsse gewesen sein, die der Attentäter auf die Tür der Synagoge abgegeben hat. Das ist im Video des Attentäters zu sehen.

Ich habe keinerlei Kraft und Interesse, mir das Video anzuschauen. Ich kann auch nicht die Artikel über die Tat lesen. Ich weiß fast nichts davon, was draußen geschah.

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Wie haben Sie drinnen auf die Schüsse reagiert?

Ich habe gesehen, wie eine Gruppe von Gläubigen die Türen verbarrikadiert und sich darauf vorbereitet hat, die Synagoge zu verteidigen. Ich habe währenddessen einem Mann auf Krücken die Treppe hochgeholfen. Wir haben nicht genug Worte, um der Synagogengemeinde Halle ausreichend zu danken. Sie haben heldenhaft reagiert und alles Menschenmögliche für unsere Sicherheit getan.

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Der Täter fuhr dann von der Synagoge weg...

... Max [der Gemeindevorsteher Max Privorozki) hat das am Monitor gesehen. Da kamen die ersten von uns wieder runter. Als dann die Polizei da war, sind alle wieder in den Gemeindesaal gekommen und wir haben weiter gebetet.

Sie haben einfach den Gottesdienst fortgesetzt?

Es war das einzig Sinnvolle, was wir machen konnten. Und es war sehr emotional. Bei Jom Kippur geht es darum, wie der Mensch zusammen mit Gott auf einer Klippe zwischen Leben und Tod steht. Das war nie so passend wie an diesem Tag. Wir waren sehr kurz davor, alle zu sterben. Und Gott hat uns gerettet.

"Gott hat uns gerettet", sagt Jeremy Borowitz.

Weil der Attentäter nicht in die Synagoge eindringen konnte...

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... aber er hat zwei Menschen erschossen. Ich fühle große Trauer für diese beiden und ihre Familien. Und gleichzeitig bin ich unglaublich froh, überlebt zu haben.

Es gab keinen Schutz für die Synagoge. In der Berliner Synagoge, in der Sie normalerweise beten, gibt es 24 Stunden täglich Schutz durch die Polizei vor der Tür und zusätzlich einen Wachmann im Gebäude. Haben Sie sich nicht gewundert, dass das in Halle fehlte?

Wir haben uns gewundert und das auch hinterfragt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Was fühlen Sie für den Attentäter?

Nichts. Ich versuche sehr angestrengt, nichts für ihn zu fühlen, mich nicht mit ihm und seinen Motiven zu beschäftigen. Ich denke an die großartige jüdische Gemeinde von Halle, ich denke an die Ermordeten und ihre Familien, ich denke an meine Familie und ich muss auch an mich selbst denken, um das Geschehene zu verarbeiten. Ich habe keine Sekunde übrig, darüber nachzudenken, warum er uns Juden töten wollte. Denn das war es, was er wollte.

Sie sind als Familie im Frühjahr nach Berlin gekommen und haben sich voller Begeisterung ins jüdische Leben der Hauptstadt gestürzt. Haben Sie je daran gedacht, dass Ihnen in Deutschland so etwas zustoßen könnte?

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Nein, nicht eine Sekunde - und im gastfreundlichen Halle noch viel weniger. Wir mögen ein bisschen naiv gewesen sein. Aber wie soll man leben, wie sollen wir jetzt weiterleben, wenn wir immer daran denken, was passieren könnte?

Sie wollten zwei Jahre bleiben. Zweifeln Sie bereits an dieser Entscheidung?

Für den Moment sagen wir: Wir bleiben. Mehr wissen wir noch nicht. Natürlich verändert uns diese Erfahrung. Das verändert alles. Wir müssen jetzt erst einmal zur Ruhe kommen.