Wie der belarussische Geheimdienst Roman Protassewitsch aufspürte

Wie ist der Geheimdienst KGB dem belarussischen Regimekritiker Roman Protassewitsch auf die Spur gekommen?

Wie ist der Geheimdienst KGB dem belarussischen Regimekritiker Roman Protassewitsch auf die Spur gekommen?

Als Ryanair-Flug 4978 am Pfingstsonntag kurz vor der Landung am Zielort im litauischen Vilnius in eine scharfe Rechtskurve mit drastischem Höhenverlust einschwenkte, ahnte Passagier Roman Protassewitsch sofort Schlimmes.

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„Er hat sich an die anderen Passagiere gewandt und gesagt, ihm drohe die Todesstrafe“, sagte Protassewitschs Mitreisende Monika Simkiene der französischen Nachrichtenagentur AFP. Auch Edvinas Dimsa, der ebenfalls an Bord war, spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war: „Er hat nicht geschrien“, erzählte der 37-jährige Litauer der AFP, „aber es war klar, dass er enorme Angst hatte. Er sah so aus, als ob er aus dem Fenster springen würde, hätte dieses offen gestanden.“

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Einen Tag nach der erzwungenen Landung eines Passagierflugzeugs in Belarus hat sich der festgenommene Blogger Protassewitsch in einem Video zu Wort gemeldet.

Ein Kampfjet zur „Begleitung“

Die Bedenken des belarussischen Dissidenten, der vor zwei Jahren ins litauische Exil flüchtete, waren berechtigt. Noch befand sich die Boeing 737, in der er saß, im belarussischen Luftraum. Und die Kursänderung geschah wohl tatsächlich auf Druck der belarussischen Behörden. Unter dem Vorwand, es befände sich möglicherweise eine Bombe an Bord, wurde die Passagiermaschine vom Tower in Minsk allem Anschein nach aufgefordert, in der belarussischen Hauptstadt notzulanden.

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Es gibt Indizien dafür, dass die Ryanair-Piloten der Anweisung nicht nachkommen wollten. Warum auch? Der Zielflughafen Vilnius war in dem Augenblick nur halb so weit entfernt wie die Landebahn in Minsk. Doch es war ein MiG-29-Kampfjet der belarussischen Luftwaffe aufgestiegen – offiziell zur Begleitung, de facto, um die Zwischenlandung in Minsk unter Androhung von Waffengewalt zu erzwingen. Am Boden wurde Protassewitsch sofort festgenommen.

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Nur ein kleiner Kreis wusste Bescheid

Doch wie fanden die belarussischen Behörden überhaupt heraus, dass sich der Aktivist, Blogger und Herausgeber von Websites, die in Belarus als extremistisch gelten, an Bord befand? Nur ein kleiner Kreis von Freunden und Verwandten wusste über Prottasewitschs Reisepläne ungefähr Bescheid.

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Seinen Eltern etwa war bekannt, dass ihr Sohn am Pfingstsonntag aus Athen abreisen wollte, wo er eine Konferenz besucht hatte. Sie wussten aber nicht, welchen Flug er wohin nehmen würde: „Als wir hörten, dass eine Linienmaschine von Athen nach Vilnius in Minsk notgelandet ist“, zitierte die Micro-Blogging-Plattform Telegra.ph Protassewitschs Vater Dmitrij, „hatten wir sofort die Befürchtung, dass etwas nicht Ordnung war. Und so war es dann auch.“

Tatsächlich dürfte der belarussische Geheimdienst KGB über die Reisepläne des Sohnes besser im Bilde gewesen sein als sein Vater. Das ist zunächst gar nicht verwunderlich, denn staatliche Sicherheitsdienste haben Zugriff auf die Verkaufszahlen von Reisebüros und Fluggesellschaften.

Allerdings ist die Erhebung dieser Zahlen bei der großen Anzahl von Verkaufsstellen und unterschiedlichsten Regelungen in den verschiedenen Ländern nicht nur schwierig, sondern führt im Fall von Umbuchungen und Erstattungen auch oft in die Irre. Auch die Daten der Grenzschutzbehörden, die den Geheimdiensten potenziell vorliegen, helfen diesen nur eingeschränkt weiter. Denn sie werden erst im Moment des tatsächlichen Grenzübertritts erhoben, und aus ihnen geht auch nicht das Endziel des Fluges hervor, es sei denn, es ist ein Direktflug.

Posieren für öffentlich zugängliche Fotos

Doch es bleibt den Sicherheitskräften eine weitere und zuverlässigere Informationsquelle: Sie können die Check-in-Daten spezieller Flüge ausspähen. Diese Angaben liegen den Flughäfen vor, da immer mehr Passagiere aber auch online einchecken, sind sie auch im Internet abzugreifen.

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Und auf diesem Wege dürfte es dem belarussischen Geheimdienst KGB gelungen sein, sich ein exaktes Bild von Protassewitschs Reiseplänen zu machen. Der 26-Jährige war wohl ohnehin auf dem Radar der belarussischen Behörden. Das heißt, sie vollzogen über seine sozialen Netzwerke nach, wo er sich gerade aufhielt.

Insofern könnte es dem Blogger zum Verhängnis geworden sein, dass er in Athen gemeinsam mit der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die dort dieselbe Konferenz besuchte wie er, für öffentlich zugängliche Fotos posierte. Protassewitschs Freundin Sofia Sapega, die ihn nach Athen begleitete, postete auf Instagram Eindrücke aus Griechenland, die den KGB-Spähern ebenfalls den Weg nach Athen gewiesen haben könnten.

Dort brauchten sie dann nur noch ein Szenario für Protassewitschs Rückreise zu entwickeln und dieses mit den Check-in-Daten am Flughafen Eleftherios Venizelos in Athen abzugleichen. Was nicht allzu schwer war, denn sehr viele Flüge von Athen in Richtung Litauen verkehren pro Tag nicht.

Nach Angaben der britischen Boulevardzeitung „Daily Mail“ befanden sich mindestens vier belarussische KGB-Agenten auf Flug FR 4978. Dass sie aus ihrer Sicht just zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, verdankten sie wohl den unbekümmerten Postings ihrer Zielpersonen in den sozialen Netzwerken bei gleichzeitigem Zugriff auf die Check-in-Daten von infrage kommenden Flügen.

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