“Widerstand2020”: “Lieb ist das Gegenteil von harmlos”

  • Die neue Protestpartei “Widerstand2020” beginnt mit dem Aufbau von Parteistrukturen.
  • Auch nach dem Ausstieg von Gründerin Victoria Hamm soll es weitergehen. Ein Problem bleibt, die Mitglieder zu verifizieren.
  • Ein Parteikoordinator erklärt im RND-Gespräch den Politikansatz der neuen Strömung.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Nach turbulentem Start will die neue Protestpartei “Widerstand2020” jetzt mit dem Aufbau von Strukturen beginnen. Für den 29. Mai ist zu einem “Kleinen Parteitag” geladen worden, auf dem ein neuer Vorstand gewählt werden soll. Der jetzige besteht nach dem Ausstieg einer Gründerin nur noch aus zwei Personen, dem Leipziger Juristen Ralf Ludwig und dem Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann.

Unter den mehr als 100.000 Onlineanmeldungen wurden nun 50 Mitglieder verifiziert, um den Parteitag abhalten zu können, wurde auf dem Facebook-Profil der Partei mitgeteilt. Diese 50 sollen einen neuen Vorstand wählen. Danach sollen die Onlinemitglieder nacheinander angeschrieben werden.

“Wir brauchen ... eine echte Verifikation, damit nicht zu viele Hühner bei uns Mitglied werden”, teilen die Parteiorganisatoren auf Facebook mit. Das ist eine Anspielung auf einen AfD-Politiker, der das “Widerstand2020”-Mitgliederformular für seinen Hahn ausfüllte und bestätigt bekam.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige
Fernando Dimeo, 55, Moderator bei “Widerstand2020” Berlin. © Quelle: Jan Sternberg

Parteifunktionäre werben um Geduld

Alle Mitglieder sollen zudem bestätigen, dass sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und zudem Paragraf 1 der Parteisatzung akzeptieren, Darin wird “totalitären, diktatorischen und faschistischen Bestrebungen” eine Absage erteilt und ein “liebevoller, friedlicher Umgang miteinander” eingefordert.

In “vier bis fünf Monaten” soll dann ein regulärer Parteitag die Satzung und ein Programm beschließen sowie erneut einen Vorstand wählen.

Anzeige

“Wir geben gerade die Parole aus: erst einmal ruhig, erst einmal Geduld”, sagt der Berliner Arzt Fernando Dimeo. Der 55-Jährige stellt sich als “Bezirksmoderator” für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf vor. Kreisverbände gibt es noch nicht, auch der Berliner Landesverband ist noch nicht offiziell gegründet. Zurzeit gibt es Moderatorengruppen, die sich in Videokonferenzen zusammenfinden.

Freie Bahn für Verschwörungen

Anzeige

Und es gibt Diskussionsforen in sozialen Netzwerken wie Telegram, in denen von Geduld wenig zu spüren ist. “Wann geht es endlich los?”, fragen dort die Mitglieder, “Kann was tun!” bieten sie fast flehentlich an, zwischendurch teilen welche Verschwörungsvideos und dubiose Artikel. Andere beschweren sich darüber. Wirklich groß ist keiner dieser Kanäle bisher. Dimeo spricht von rund 700 Berlinern in den lokalen Telegram-Gruppen.

Video
Demonstrationen gegen Corona-Einschränkungen
1:43 min
Laut Polizei sei zu inoffiziellen Ansammlungen und zu regulären Versammlungen aufgerufen worden. Etwa zwanzig Demonstrationen wurden in Berlin angemeldet.  © Reuters

Statt eines Treffens rief Dimeo regelkonform zum gemeinsamen Eisessen im Südwesten Berlins auf. 26 Erwachsene, zwei Babys und ein Hund kamen, zählt er auf – und ihm kamen die Tränen. Denn er war nicht mehr allein mit seinen Zweifeln, wie sinnvoll die Corona-Beschränkungen wären, deren “Begründungen immer fadenscheiniger” würden.

“Wir sind keine Spinner”, sagt Dimeo. “Oder besser: Wir spinnen alle ein bisschen. Wir greifen auf esoterisches und spirituelles Vokabular zurück, aber wir stehen voll im Leben.” Es ist eine Achtsamkeitsrevolte, die der Mediziner Dimeo skizziert, überproportional getragen von Psychotherapeuten und Yogalehrerinnen mit einem sehr allgemeinen politischen – oder muss man sagen: vorpolitischen? – Ziel: “Unser Thema heißt Menschlichkeit, daraus ergeben sich alle wesentlichen Themen.”

Das Unbehagen an der Politik wuchs schon lange

Die Menschen seien überwiegend gut, sagt Dimeo. Das Problem sei nur, dass die Regierung zu wissen glaube, was gut für die Menschen ist. Politiker manipulierten – und sie ließen einander nie ausreden. Bei “Widerstand2020” ließen sie immer alle ausreden. Auch die Reichsbürger, auch die Verschwörungsfantasten.

Anzeige

Corona ist für Dimeo nur der Anlass, politisch aktiv zu werden. Das Unbehagen an den Regierenden ist jahrelang gewachsen und bricht jetzt hervor.

Video
Chronologie des Coronavirus
2:47 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Aber was ist mit dem Gerede der Gründer von “Systemparteien”, von der parlamentarischen Demokratie als “Auslaufmodell”, vom Staat als Einheit, der “Viren und Bakterien eliminiert”? Die Gründer seien unausgeschlafen und überanstrengt, entschuldigt Dimeo seine Parteichefs. Bodo Schiffmann sei garantiert ein Humanist, so käme er wenigstens in seinen Videos rüber. Persönlich kennen sie sich noch nicht.

Anzeige

“Wenn wir in einem halben Jahr merken, dass der Laden voller Nazis und Verschwörungstheoretiker ist, machen wir ihn eben wieder zu”, sagt Dimeo. Für ihn ist es – wie für die meisten – das erste Engagement in einer Partei.

“Wir sind vielleicht naiv”, sagt Dimeo, deutscher Staatsbürger und Einwanderer aus Buenos Aires, in seinem leichten argentinischen Akzent dann noch. “Aber wir sind nicht harmlos. Wir sind lieb, aber lieb ist das Gegenteil von harmlos.”

RND



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen