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Corona-Hotspot Westfleisch: Verschwundene Mitarbeiter sollen in den Urlaub gefahren sein

  • Neun Schlachthofmitarbeiter im Kreis Coesfeld waren bei Kontrollen nicht in ihrer häuslichen Quarantäne angetroffen worden.
  • Zunächst sollten laut Kreis Gesundheitsamtmitarbeiter nicht geprüft haben, ob alle Arbeiter noch dort wohnen, die dort gemeldet waren.
  • Jetzt teilt der Kreis mit: Die Arbeiter seien vor dem Infektionsgeschehen “in den Urlaub nach Polen” gefahren.
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Die Meldung kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Gerade hatte der Landkreis Coesfeld mit dem Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen beschlossen, die wegen des Corona-Ausbruchs bei Westfleisch aufgeschobenen Lockerungen zu erlauben, da bestätigte der Kreis am Freitagabend, dass einige Mitarbeiter nicht auffindbar sind.

Wie Recherchen von RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und der ZDF-Sendung “Frontal 21” zeigten, waren in einer Unterkunft in der Gemeinde Nottuln im Kreis Coesfeld neun Westfleisch-Mitarbeiter in häuslicher Quarantäne vom Ordnungsamt nicht angetroffen worden. Nachdem der Kreis zugab, schon bei der Anweisung der Quarantäne nicht genau kontrolliert zu haben, ob alle 25 dort gemeldeten Personen überhaupt anwesend sind, gibt es nun eine weitere Erklärung.

Wie der Leiter des Kreisgesundheitsamts Coesfeld, Dietrich Aden, dem RND mitteilte, sind die neun gesuchten Personen von vornherein “fälschlicherweise unter Quarantäne gestellt worden”. Grundsätzlich würde es so gehandhabt, dass alle Bewohner einer Unterkunft unter Quarantäne gestellt werden, sobald auch nur eine Person positiv getestet werde. “Tatsächlich befanden sich diese neun Personen schon vor dem Ausbruchsgeschehen bei Westfleisch im Urlaub in Polen”, so Aden in einer schriftlichen Erklärung zu dem Fall in Nottuln.

“Das heißt, dass diese neun Personen keine Kontaktpersonen von Corona-Positiven waren.” Die Ursache liege in einem “EDV-Übermittlungsfehler”: Das Ordnungsamt sei davon ausgegangen, dass Mitarbeiter des Gesundheitsamtes die Quarantäneverfügung mündlich ausgesprochen hätten, “deshalb sah man seitens des Ordnungsamtes von einer persönlichen Zustellung ab”. Die Verfügung ist aber offenbar nur in den Briefkasten geworfen worden.

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Mitarbeiter müssten sich nicht abmelden für Urlaube

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Die neun Westfleisch-Mitarbeiter, die Ende vergangener Woche fehlten, sind nach Angaben des Gesundheitsamts vom 20. April bis zum 3. Mai in den Urlaub gefahren. “Dies wurde der Bürgermeisterin am Montag in einem Gespräch mit dem Subunternehmer erläutert. Diese Angaben werden von Aussagen der Mitbewohner getragen.” Von behördlicher Seite sei dies nicht festgehalten worden, da sich EU-Bürger frei bewegen dürften und sich für Urlaube nicht “abzumelden” hätten. Alle Mitarbeiter, die in dem Haus gemeldet waren, sind laut Gemeinde polnische Staatsbürger.

Der erste Bewohner der Unterkunft war am 7. Mai positiv auf das Corona-Virus getestet worden – also vier Tage, nachdem die Mitbewohner in den Urlaub gefahren sind. So jedenfalls stellt es das Subunternehmen dar. Ob sie tatsächlich in Polen sind oder gegebenenfalls auf eigene Initiative den Arbeitsplatz innerhalb Deutschlands gewechselt haben, kann letztlich niemand sagen. “Abschließend lässt sich das nicht verifizieren”, heißt es vom Kreis.

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Unterdessen hat Westfleisch am Hauptstandort Coesfeld an diesem Dienstag wieder seinen Betrieb aufgenommen. Im ersten Schritt sollen aber noch keine Schweine geschlachtet werden. Das stufenweise Hochfahren des Betriebes wird von Überwachungsbehörden begleitet. Eingesetzt werden sollen nur Mitarbeiter, die mehrfach negative Testergebnisse auf das Coronavirus vorweisen können.

Bei Westfleisch in Dissen steht der Betrieb weiter still

Der Kreis Coesfeld hatte das Werk vor eineinhalb Wochen vorübergehend geschlossen, nachdem sich zahlreiche Werksarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Auch in Niedersachsen sind bei Mitarbeitern eines Fleischbetriebs im Kreis Osnabrück zahlreiche Coronavirus-Infektionen bekannt geworden – beim Unternehmen Westcrown in Dissen, das ebenfalls vom Schlachtunternehmen Westfleisch gemeinsam mit Danish Crown betrieben wird. Dort hatte der Landkreis 92 Mitarbeiter positiv getestet.

Am Montag ruhte daraufhin der Betrieb. Laut Landkreis dürfen noch rund 2000 Tonnen Fleisch verarbeitet werden. Danach muss der Betrieb für 14 Tage komplett schließen. Insgesamt arbeiten in Dissen rund 300 Mitarbeiter. Der Landkreis Osnabrück hatte wie andere Kreise in Niedersachsen auch Reihenuntersuchungen für Mitarbeiter der Fleischindustrie angesetzt, nachdem es unter anderem im Westfleisch-Schlachthof in Coesfeld in NRW zu hohen Infektionszahlen gekommen war.


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