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Wer stoppt den Wahnsinn?

Unter Beschuss in Putins Krieg: Kiew am 1. März 2022.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie schon mal von der Goldwater-Regel gehört? Sie besagt, dass es unethisch ist, wenn Psychiater oder Psychiaterinnen aus der Ferne Diagnosen über Personen des öffentlichen Lebens stellen.

Hintergrund war ein Wahlkampfskandal in den USA. Ein Magazin hatte gemeldet: „1189 Psychiater sagen, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater psychologisch ungeeignet ist, Präsident zu sein.“

Klarer Fall, so geht es nicht. Vermutungen über den Geisteszustand von Politikerinnen und Politikern haben in Wahlkämpfen nichts zu suchen. Die Regel fand Eingang ins Handbuch der American Psychiatric Association (APA) als eine sinnvolle medizinethische Wegbestimmung.

Was aber ist mit dem Geisteszustand von Wladimir Putin? Bei dieser Frage geht es um den Weltfrieden. Und deshalb darf man sich hier über die Goldwater-Regel getrost hinwegsetzen.

Immer mehr Zivilistinnen und Zivilisten sterben in Putins Krieg, die vergangene Nacht brachte erneut Elend und Leid.

Schon 2014 gab ein Psychiater Alarm

In den Lagezentren des Westens fragen sich immer mehr Putin-Beobachter, ob der einst als so kühl und so rational beschriebene Kremlherr nicht längst den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. In unserer Story „Mad Man in Moskau“ gehen wir heute der Frage nach, was dies vor dem dramatischen Hintergrund des Kriegs in der Ukraine bedeutet.

Der Psychiater, Hirnforscher und Sachbuchautor Ian Robertson schlug bereits im Jahr 2014 mit Blick auf den russischen Präsidenten Alarm. In der Zeitschrift „Psychology Today“ beschrieb er „die Gefahr, die in Wladimir Putins Gehirn lauert“. Der Aufsatz erwies sich geradezu als seherisch.

Isolation plus absolute Macht – das halten nach seiner Ansicht auch anfangs Gesunde auf Dauer nicht aus: Ian Robertson, Psychiater, Hirnforscher und Buchautor.

Isolation plus absolute Macht – das halten nach seiner Ansicht auch anfangs Gesunde auf Dauer nicht aus: Ian Robertson, Psychiater, Hirnforscher und Buchautor.

Robertson hatte bei Putin schon damals drei Dinge festgestellt, die ihn beunruhigten:

  1. Putins zunehmende Isolation, verbunden mit extremer Macht. Für diese Kombination, sagt Robertson, sei das menschliche Gehirn „einfach nicht gemacht“, sie führe auf Dauer auch anfangs Gesunde auf Abwege. Putin trifft schon seit mehr als 20 Jahren niemanden mehr, der ihm widerspricht.
  2. Putins tiefe Verachtung für alle anderen Menschen, egal ob es die eigenen Minister sind oder westliche Politiker, ist laut Robertson nicht nur unsympathisch, sondern unnormal: ein Zeichen des Hybrissyndroms.
  3. Putins tiefe Verachtung für Institutionen aller Art, die seine Macht begrenzen könnten – Medien, Parlamente, Gerichte, internationale Verträge –, deute auf zunehmenden Realitätsverlust hin und markiere eine gefährliche Bedrohung des Rechtsstaats.

Hoffen auf eine Palastrevolution

Im Januar, noch vor dem Einmarsch in die Ukraine, habe ich mit Robertson telefoniert und ihn gefragt, ob er noch Chancen für Frieden sehe. Er drehte den Daumen deutlich nach unten – im Gegensatz zu einer Mehrheit von Experten und Expertinnen, die damals noch meinten: Putin ist doch nicht verrückt.

Gestern habe ich Robertson gefragt, ob er glaube, dass Putin wenigstens vor dem Einsatz von Atomwaffen zurückschrecken werde. Auch hier sieht er schwarz. Putin sei nun mal „ein gewalttätiger Mann“. Keine Sekunde werde er zögern, auch den nächsten, für viele noch undenkbaren Schritt zu gehen. Der Westen muss also auf nichts Geringeres hoffen als eine Palastrevolution. Dass das ziemlich illusionär ist, hält Markus Decker in seinem heutigen Leitartikel fest.

Dennoch wird die Frage jetzt von Tag zu Tag drängender: Wer stoppt den Wahnsinn? Immerhin ist der Wahnsinn inzwischen als solcher entlarvt. Das zumindest lässt hoffen.

 

Zitat des Tages

Die Europäische Union wird sehr viel stärker mit uns sein.

Wolodymyr Selenskyj,

Präsident der Ukraine

 

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Termine des Tages

10 Uhr: Die Bundesagentur für Arbeit stellt die aktuellen Arbeitslosenzahlen vor.

Bundeskanzler Olaf Scholz bricht zu seinem Antrittsbesuch nach Israel auf. Dort besucht er unter anderem die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

Der umstrittene Kardinal Woelki nimmt nach einer Auszeit seine Arbeit als Erzbischof von Köln wieder auf.

 

Was heute wichtig wird

Das Viertelfinale im DFB-Pokal geht heute weiter – fast ausschließlich mit Außenseitern. Die Partien lauten Hamburger SV gegen Karlsruhe, Hannover gegen Leipzig und Bochum gegen Freiburg.

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Matthias Koch

 

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