Wer knackt das Russland-Rätsel?

  • Welche Absichten Wladimir Putin gerade verfolgt, wissen weder Freund noch Feind.
  • Gab es für den Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine einen strategischen Plan?
  • Die Vorstellung, hier habe ein einsamer Herrscher etwas Irrationales in Gang gesetzt, lässt immer mehr Experten frösteln.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Krieg oder Frieden? Was will Wladimir Putin? Nicht nur Laien haben mit dieser Frage Mühe. Auch die besten Fachleute im Westen wissen inzwischen nicht mehr weiter: Der russische Staatschef ist nicht zu entschlüsseln.

Monatelang haben viele Menschen im Westen die Nachrichten vom russischen Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine so gut es ging beiseite­geschoben. Auch als schon 100.000 russische Soldaten ihre Panzer, Haubitzen und sogar Lazarett­fahrzeuge und rollenden Küchen aufgefahren hatten, flüchteten viele in Richtung Beschwichtigung: alles nur Säbel­rasseln, eine Droh­gebärde. Neunmal­kluge erhoben den Zeigefinger und sagten, nun sei es Zeit für einen Dialog.

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Putin: einsam und umringt von Jasagern

Dialog? Als Vertreter von USA und Russland die ganze Woche hindurch bei immer neuen Terminen zusammen­saßen, ließ Putin noch mehr Militär auffahren. Krachende Schüsse aus Panzern am Don boten die Begleit­musik zu den ergebnislosen Begegnungen der Diplomaten in Brüssel.

Die meisten westlichen Außen­politiker glauben immer noch, den russischen Präsidenten am Ende durch irgendeinen gesichts­wahrenden Deal wieder beruhigen zu können: Putin denke und handle schließlich rational.

Was aber, wenn genau das nicht – oder nicht mehr – stimmt?

Wir haben uns umgehört bei Experten, die sich an dieser Stelle inzwischen ernsthaft Sorgen machen. Dabei kam eine düstere Geschichte über einen sehr einsamen Angstmacher im Kreml heraus. Putin, seit dem Jahr 2000 an den Schalt­hebeln der Macht, trifft schon seit Langem niemanden mehr, der ihm widerspricht. Solche Konstellationen haben sich, warnen Psychologen und Historiker, schon oft als unheilvoll erwiesen: Es drohe ein Realitäts­verlust.

Die Betrachtung der Corona-Wirklichkeit

„Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit“: Dieser Satz des großen Sozial­demokraten Kurt Schumacher (1895–1952) gilt auch für die aktuellen Berliner Debatten um eine Impf­pflicht.

Kanzler Olaf Scholz und Gesundheits­minister Karl Lauterbach gaben die irreale Parole aus, es sei das Beste, wenn die Regierung „in einer solchen Gewissens­frage“ darauf verzichte, einen Gesetz­entwurf einzubringen. In Wirklichkeit aber soll das geplante Hantieren mit fraktions­übergreifenden Gruppen­anträgen nur verschleiern, dass die Koalition in dieser Frage keine eigene Mehrheit hat.

RND-Journalistin Eva Quadbeck bei „Maybrit Illner“. © Quelle: ZDF

Eva Quadbeck, stellvertretende RND-Chefredakteurin und Leiterin unseres Hauptstadt­büros, blieb stets schonungslos in ihrer Analyse: Scholz und Lauterbach müssten mehr Führung wagen. Diese Haltung nahm Quadbeck auch in der Sendung „Maybrit Illner“ ein.

In ihrem heutigen Leitartikel fordert Quadbeck von Scholz eine „kommunikative Wende“. Doch sie deutet nicht nur auf den Kanzler. Auch die Union, die derzeit genüsslich die Arme verschränkt, muss sich nach ihrer Ansicht bewegen. Das sei nicht zu viel verlangt. „Diese größte Notlage seit Ende des Zweiten Weltkriegs kann eine Gesellschaft nur überwinden, wenn sie zusammenhält.“

Zitat des Tages

Leseempfehlungen

Steht ein Unstern über Großbritannien? Erst verliert der Premier­minister wegen Partys in Corona-Zeiten an Rückhalt. Nun steht auch noch das Königs­haus dumm da: Dem Prinzen Andrew droht wegen Missbrauchs­vorwürfen ein Prozess. Die Queen lässt ihren angeblichen Lieblings­sohn fallen. RND-Korrespondentin Susanne Ebner berichtet aus London.

Impfung fürs „Dschungelcamp“? In Deutschland gilt in Gastronomie, Kultur und vielen anderen Bereichen mittlerweile 2G plus. Doch wie sieht das eigentlich bei großen TV-Shows wie „Let’s Dance“ oder „Germany’s Next Topmodel“ aus? RND-Redakteurin Hannah Scheiwe hat sich umgehört.

Aus unserem Netzwerk: Protest in Kitteln

Medizin­studierende aus Dresden stellten sich mutig Leugnern der Corona-Pandemie entgegen – müssen nun aber mit Bußgeldern rechnen. Doch sie bekommen viel Zuspruch aus der Politik. Auch Minister­präsident Michael Kretschmer (CDU) lobte die Studierenden.

Termine des Tages

Protestaktionen gegen die Corona-Politik von Bund und Ländern sind heute in einer Vielzahl von deutschen Städten geplant, unter anderem um 11 Uhr in Schwerin und um 15 Uhr in Düsseldorf.

Zugleich finden heute zahlreiche Proteste gegen Corona-Leugner statt. In Hamburg beginnt um 12.30 Uhr eine Demonstration unter dem Motto „Solidarität und Aufklärung statt Verschwörungs­ideologien“. In Emden ist eine Menschenkette geplant.

Die Linkspartei will heute ab 10 Uhr bei einer bundes­weiten Online­konferenz ihre Schwer­punkte für das neue Jahr sortieren. Bei der Bundestags­wahl hatte die Partei nur 4,9 Prozent der Stimmen erzielt. Weil sie drei Direkt­mandate gewonnen hatte, durfte sie gemäß einer Sonder­­regelung an der Fünfprozent­hürde vorbei in den Bundestag einziehen.

Wer heute wichtig wird

Eine unendliche Geschichte? Heute könnte sich entscheiden, ob dem Tennisweltstar Novak Djokovic eine schnelle Abschiebung aus Australien droht. © Quelle: Getty Images

Der Podcast des Tages: Geyer & Niesmann

Mit Kristin Becker (ARD-Hauptstadt­studio) reden wir über Mangel und Mängel bei Corona-Tests, über Parteien­spielchen in der Impfpflicht­debatte, über Robert Habecks Klimaschutz­turbo und über Europas Ohnmacht gegenüber Russland. Außerdem erklärt uns Irina Peter vom „Steppen­kinder“-Podcast, was in ihrer alten Heimat Kasachstan los ist.

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Die News zum Hören

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Ihr Matthias Koch

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