Wende in Ankara: Pence erreicht Waffenruhe in Nordsyrien

  • Der türkische Staatschef Erdogan stoppt seine Syrien-Invasion – zumindest vorerst.
  • Zuvor schloss Ankara einen Waffenstillstand in Nordsyrien kategorisch aus.
  • Die Doppelstrategie der USA zeigt offenbar Wirkung.
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Ankara. Gutes Zureden und Drohkulisse: Mit einer Doppelstrategie versuchen die USA, den türkischen Präsidenten zu einem Stopp seiner Militäroffensive in Syrien zu bewegen und so den eskalierenden Konflikt zu entschärfen. Lässt Erdogan sich nicht überreden, will US-Präsident Donald Trump mit Sanktionen die türkische Wirtschaft „zerstören“. Die Strategie geht auf, zumindest vorerst: Am Donnerstagabend erklärte sich Erdogan unter dem massiven Druck der USA bereit, den Vormarsch seiner Truppen für die nächsten fünf Tage zu stoppen.

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Pence verkündet Waffenruhe in Nordsyrien
1:09 min
US-Vizepräsident Pence hat sich nach eigenen Angaben mit dem türkischen Präsidenten Erdogan auf eine Waffenruhe für den Nordosten Syriens verständigt.  © Reuters

Die kurdischen Milizen der YPG sollen damit die Gelegenheit zum Rückzug erhalten. Kommt es zu einer dauerhaften Waffenruhe, wollen die USA ihre bereits verhängten und weitere angedrohte Sanktionen zurückziehen.

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Es schien zunächst eine Mission ohne große Erfolgsaussichten, zu der US-Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo am Donnerstagmittag nach Ankara kamen. Anfangs hatte Erdogan es strikt abgelehnt, überhaupt mit Pence und Pompeo zu sprechen. Die beiden Besucher würden von ihren Amtskollegen empfangen, also dem türkischen Vizepräsidenten und dem Außenminister, sagte Erdogan dem Sender Sky News. Er selbst werde nur mit Präsident Trump sprechen. Dann ruderte er zurück. Später bestätigte Erdogans Kommunikationsdirektor, der türkische Staatschef werde doch mit Pence und Pompeo reden.

Syrien-Konflikt: Überraschende Wende

Noch kurz vor Beginn der Gespräche hatte die Türkei signalisiert, dass sie die Offensive fortsetzen wolle. Die türkische Offensive richtet sich gegen die syrische Kurdenmiliz YPG. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen Terrororganisation PKK, will sie aus der Grenzregion vertreiben und dort eine rund 400 Kilometer lange und 35 Kilometer breite „Sicherheitszone“ einrichten. Die YPG war bisher der wichtigste Verbündete der von den USA angeführten Koalition zur Bekämpfung des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS) in Syrien. Es gibt deshalb die Befürchtung, dass die türkische Offensive gegen die YPG zu einem Wiedererstarken der IS-Terrormiliz in Syrien führen könnte.

Ein Kommandeur der Kurdenmilizen erklärte am Mittwochabend einem kurdischen Fernsehsender, man habe angesichts des türkischen Angriffs „alle Aktivitäten gegen den IS eingefroren“. Der IS habe noch etwa 12.000 Mitglieder in der Region und sei dabei, sich vielerorts neu zu organisieren, warnte der Kommandeur.

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300.000 Menschen auf der Flucht

Die amerikanische Delegation war mit dem Ziel angereist, den türkischen Vormarsch zu stoppen und so ein Wiederaufleben des IS zu verhindern. „Unser Ziel Nummer eins ist, eine Waffenruhe zu erreichen und die Situation unter Kontrolle zu bringen“, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Doch die türkische Seite schien zunächst nicht bereit, darauf einzugehen – trotz einer Drohung Trumps, er werde mit Sanktionen die türkische Wirtschaft „zerstören“.

Man sei „meilenweit voneinander entfernt“, hieß es noch am Donnerstagmorgen in Regierungskreisen in Ankara. Türkische Medien zitierten Erdogan mit der Aussage, er werde „niemals“ einen Waffenstillstand in der Region erklären. Pence und Pompeo haben ihn offenbar eines Besseren belehrt.

Das könnte auch daran liegen, dass Erdogans Offensive auf massive Probleme stößt. Die türkischen Truppen haben es in Nordsyrien nicht nur mit den Kurdenmilizen zu tun, die Widerstand leisten. Inzwischen droht den Türken auch die direkte Konfrontation mit der syrischen Armee, die in die Grenzregion vorrückt. Die Regierungstruppen kontrollieren dort bereits die Städte Manbidsch und Kobane, die die Türkei zu erobern hoffte.

„Operation Friedensquelle“ nennt sich das türkische Unternehmen, das den „Terrorkorridor“ der Kurdenmilizen YPG, so Ankaras Diktion, zerschlagen und zwei Millionen Flüchtlingen die Rückkehr nach Syrien ermöglichen soll. Aber zunächst einmal sind nun weitere 300.000 Menschen durch die türkische Invasion zu Flüchtlingen geworden. Auch diese von ihm angerichtete humanitäre Katastrophe bringt Erdogan unter immer größeren Druck.

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