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Welthungerhilfe: “Es droht eine Katastrophe größten Ausmaßes”

  • Die westliche Welt ist in der Corona-Pandemie weitgehend mit sich selbst beschäftigt.
  • Das ist ein großer Fehler, sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe.
  • Der weltweite Shutdown hat für die ärmsten Länder fatale Folgen.
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Berlin. Die Entwicklungsorganisation Welthungerhilfe ist in 37 Ländern aktiv. Sie hat deshalb einen guten Überblick darüber, wie sich die Corona-Pandemie auf die ärmsten Staaten der Welt auswirkt. Marlehn Thieme ist seit Ende 2018 Präsidentin der Organisation. Die Juristin, die auch Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, über die Folgen des weltweiten Shutdowns für Näherinnen in Bangladesch oder Wanderarbeiter in Afrika.

Frau Thieme, die westliche Welt ist in der Corona-Krise weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Krisenherde und Entwicklungsländer werden derzeit kaum noch beachtet. Das ist verständlich angesichts der eigenen Probleme, oder?

Ganz und gar nicht. Wir sind zu sehr auf uns fixiert und das wird schon bald wie ein Boomerang zurückkommen und uns mit voller Wucht treffen. In der globalen Welt von heute gibt es keine Entscheidungen, die nicht irgendwelche Auswirkungen tausende Kilometer entfernt haben. Der Shutdown mag bei uns unangenehm sein, weil wir zum Beispiel gerade nicht in Kaufhäusern einkaufen oder im Cafe haltmachen können. Aber dass in Bangladesch oder Kambodscha Millionen von Näherinnen ihre Existenzgrundlage verloren haben, spielt hier keine Rolle.

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Welche Folgen hat das?

In den Ländern des Südens steht uns das Schlimmste noch bevor. Die UNO erwartet, dass sich die Zahl der akut vom Hunger bedrohten Menschen in diesem Jahr auf 260 Millionen Menschen verdoppelt. Da viele Menschen Selbstversorger sind und jeden Tag arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, ist jeder Tag ohne Beschäftigung existenzbedrohend. Home-Office ist keine Option, denn ein Großteil der Einwohner Afrikas arbeitet in der Landwirtschaft oder dem informellen Sektor. Zudem sind die Lieferketten unterbrochen, weil Grenzen und Märkte geschlossen sind. Und dazu kommen auch noch die Heuschrecken.

Die Präsidentin der Welthungerhilfe Marlehn Thieme. © Quelle: Welthungerhilfe

Die Heuschrecken sind immer noch da?

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Äthiopien, Kenia und Somalia werden nach wie vor von einem riesigen Heuschreckenschwarm heimgesucht, der alles auf seinem Weg verwüstet. Abermillionen Insekten haben einen Schwarm von 60 Kilometern Länge und 40 Kilometern Breite gebildet und fressen an einem Tag eine Nahrungsmenge, die 35.000 Menschen satt machen würden.

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Inwieweit ist Afrika auch von der Unterbrechung der internationalen Lieferketten betroffen?

In Äthiopien gibt es bereits einen nennenswerten Textilsektor, der wie die Branche in Asien daniederliegt. Zudem müssen viele afrikanische Länder Lebensmittel importieren. So ist beispielsweise Sierra Leone auf Reis aus Indien und Bangladesch angewiesen. Wir befürchten, dass beide Länder ihre Exporte stoppen. Schon jetzt sehen wir erste Steigerungen der Nahrungsmittelpreise.

Wo ist die Lage am schlimmsten?

Sicherlich dort, wo Kriege herrschen. Vier Millionen syrische Flüchtlinge sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. In der Zentralafrikanischen Republik, die durch einen Bürgerkrieg seit 2013 in Gewalt versinkt, benötigen 2,6 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Im Südsudan sind 7,5 Millionen Menschen auf Nothilfe angewiesen, die Hälfte davon Kinder. Nicht zu vergessen der Krieg im Jemen, wo auch noch Cholera herrscht. Hier brauchen 24 Millionen Menschen humanitäre Unterstützung.

Was passiert nun mit all diesen Menschen?

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Nach unseren Beobachtungen funktioniert die Versorgung durch die internationalen Hilfsorganisationen sowie die Vereinten Nationen noch. Aber die Situation wird täglich schwieriger. Die wegen der Corona-Pandemie verhängten Beschränkungen verschlimmern überall die schwierige Ernährungslage und wirken wie ein Beschleuniger der Krise. Studien zeigen: Schon bei einem Prozent weniger Wirtschaftswachstum könnte die Zahl der Armen und Hungernden um zwei Prozent steigen. Bereits heute hungern weltweit 820 Millionen Menschen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind nach Ihrer Einschätzung die Auswirkungen des weltweiten Shutdowns für die ärmeren Staaten ernster als die Gefahren durch das Corona-Virus selbst.

Die Ärmsten haben ihre Arbeitskraft auf dem Feld oder als Tagelöhner als einzige Einkommensquelle. Sie sind von den Ausgangssperren überproportional betroffen. Dies gilt auch für Wanderarbeiter oder Staaten, die von den Überweisungen aus Übersee abhängen wie etwa Nepal. Das Hauptproblem ist eine drohende Ernährungskrise als Folge der wirtschaftlichen Auswirkungen. Viele Menschen, die in Afrika das Corona-Virus überleben, werden später an Hunger sterben. Bleibt die internationale Staatengemeinschaft untätig, besteht die große Gefahr, dass das verhängnisvolle Zusammenspiel aus Corona-Pandemie, bewaffneten Konflikten und Klimawandel zu einer Hungerkatastrophe größten Ausmaßes führt.

Was muss die Staatengemeinschaft, was muss Deutschland tun?

Wir brauchen milliardenschwere Sofortprogramme, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern und die humanitäre Hilfe zu sichern. Dabei wird man nicht damit auskommen, nur Gelder in den Entwicklungsetats umzuschichten. Es wird auch neues Geld nötig sein. Entwicklungsminister Gerd Müller hat ja zu Recht gerade drei Milliarden Euro zusätzlich gefordert.

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Die G20-Staaten haben sich zumindest auf eine Stundung der Schulden geeinigt. Brauchen wir nicht eine sofortige Entschuldung?

Da bin ich immer vorsichtig. Eine Entschuldung macht nur Sinn, wenn sichergestellt werden kann, dass die betroffenen Staaten die eingesparten Mittel auch tatsächlich für die Belange ihrer Bevölkerung ausgeben und das Geld nicht in dunklen Kanälen versickert. Das muss sehr gut vorbereitet sein.

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Venezuela: Von Hunger und Überfluss
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Weil die Benzinpreise wegen der US-Sanktionen extrem nach oben gegangen sind, kommt das Gemüse nicht mehr von den Feldern in die Läden.  © Reuters



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