Zahl der Unterernährten steigt deutlich

„Bittere Realität“: Krieg in der Ukraine verschärft Welthunger

Die Dürre in Somalia zwingt Menschen zur Flucht in Lager für Vertriebene. Bereits eine Million Menschen wurden vertrieben. Hilfsorganisationen warnen vor einer Hungersnot mit Hunderttausenden Toten.

Die Dürre in Somalia zwingt Menschen zur Flucht in Lager für Vertriebene. Bereits eine Million Menschen wurden vertrieben. Hilfsorganisationen warnen vor einer Hungersnot mit Hunderttausenden Toten.

Die Not ist groß. Allein in Somalia fehlen bereits 812 Millionen Euro an zusätzlichen Hilfsgeldern, um dringend notwendige humanitäre Hilfe zu finanzieren, warnte das UN-Nothilfebüro (OCHA) am Dienstag. Insgesamt geht das somalische OCHA-Landesbüro damit von 2,3 Mrd. Euro Hilfsbedarf aus – etwa 800 Millionen mehr als prognostiziert. Bis Ende des Jahres erwartet die UN-Behörde in mehreren Regionen in Zentralsomalia Hungersnöte, sollte keine Hilfe ankommen. Dass die Zentralregierung mit Unterstützung verschiedener bewaffneter Clans zugleich in Kämpfen gegen die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab steckt, kommt erschwerend hinzu.

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Es ist ein düsteres Bild, nicht nur für Somalia, sondern für weite Teile Südasiens und Subsahara-Afrika: Jahrzehntelange Fortschritte bei der Überwindung des Hungers werden gerade zunichtegemacht, warnt die Welthungerhilfe. Sie spricht von einer „bitteren Realität“ und einer „toxischen Mischung aus Konflikten, Klimakrise und der Covid-19-Pandemie“.

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Welthungerindex: Zahl Unterernährter weltweit steigt

828 Millionen Menschen sind laut dem jüngst vorgelegten Welthungerindex unterernährt – etwa jeder zehnte Mensch der Erde. Allein dieses Jahr stieg die Zahl der Unterernährten von 811 Millionen im Vorjahr um 17 Millionen. In 44 Ländern ist die Hungersituation ernst, neben Somalia auch im Jemen, in Syrien, der Zentralafrikanischen Republik, Tschad oder Madagaskar.

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Vor allem Länder in Subsahara-Afrika und Südasien sind laut Welthungerindex am stärksten von Hunger betroffen. Am Horn von Afrika herrscht derzeit eine historische Dürre.

Vor allem Länder in Subsahara-Afrika und Südasien sind laut Welthungerindex am stärksten von Hunger betroffen. Am Horn von Afrika herrscht derzeit eine historische Dürre.

Der Krieg in der Ukraine verschärft die bestehenden Krisen: Er stört die weltweite Versorgung mit Nahrung, aber auch mit Düngemitteln und Treibstoffen – und verteuert sie: Der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen zufolge sind die Nahrungsmittelpreise mit Beginn des Ukraine-Krieges auf ein Rekordniveau gestiegen. Der Nahrungsmittelpreisindex lag im März um 34 Prozent über dem Niveau des Vorjahrs.

Afrikanische Staaten abhängig von Getreide aus Russland und Ukraine

Russland und die Ukraine gehören zu den fünf größten Exporteuren von Weizen. Mit 28 Prozent entfielen 2020 mehr als ein Viertel der Weizenexporte weltweit auf die beiden Staaten. Das zeigen Daten des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft. Abhängig von ukrainischem Weizen waren als wichtigste Abnehmer Ägypten mit mehr als 3 Millionen Tonnen sowie Indonesien und Pakistan. Und auch viele afrikanische Staaten sind von den Getreideimporten abhängig.

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Neben Weizen ist die Ukraine auch bedeutender Exporteur von Körnermais, Sonnenblumenöl und Dünger. Gerade die Verteuerung letzterer würde dazu führen, dass Kleinbauern weniger ertragreiche Ernten einführen, so eine Analyse vom Kiel-Institut für Weltwirtschaft zu den Folgen des Ukraine-Krieges. Demnach werde durch den Krieg nicht nur weniger Getreide produziert. Zusätzlich ließen Hürden im Handel die Handelskosten steigen und die Exportmengen sinken. Einige Länder stoppten oder reduzierten außerdem ihre Getreideexporte, sodass Lieferketten gestört würden.

Weitere Ursachen für den Welthunger

Der Ukraine-Krieg sei aber nicht alleinige Ursache: „Das Ausmaß der Auswirkungen auf die globale Hungersituation ist indes größtenteils darauf zurückzuführen, dass Millionen von Menschen schon zuvor am Rande des Hungers lebten, da in der Vergangenheit versäumt wurde, gerechtere, nachhaltigere und resilientere Ernährungssysteme aufzubauen“, kritisiert die Welthungerhilfe. Schuld am Hunger seien am Ende Armut, Ungleichheit, mangelhafte Regierungsführung, schlechte Infrastruktur und geringe landwirtschaftliche Produktivität.

Ukraine, Odessa: Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure weltweit. Seit Kriegsbeginn wird weniger Getreide exportiert. Die Preise sind stark gestiegen und verschlechtern die Hungersituation in vielen Ländern.

Ukraine, Odessa: Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure weltweit. Seit Kriegsbeginn wird weniger Getreide exportiert. Die Preise sind stark gestiegen und verschlechtern die Hungersituation in vielen Ländern.

Der Welthungerindex weist deutliche regionale Unterschiede auf: Während Europa und Zentralasien kaum von Hunger betroffen seien, verzeichne Südasien die weltweit höchsten Raten von ausgezehrten und wachstumsverzögerten Kindern. In Afrika südlich der Sahara sei die Kindersterblichkeit am höchsten und prozentual am meisten Menschen seien unterernährt.

Somalia droht ohne humanitäre Hilfen Hungersnot

Für Teile Somalias sei eine „dramatische Entwicklung“ zu befürchten. Mehr als die Hälfte aller somalischen Kinder (55 Prozent) könnten bis Juli nächsten Jahres unterernährt sein. Auch das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, bittet um „dringende Unterstützung für die von der katastrophalen Dürre am Horn von Afrika betroffenen Vertriebenen und die Menschen, die sie aufgenommen haben“. Am Horn von Afrika, zu dem Somalia, Kenia und Äthiopien gehören, waren im Sommer bereits schätzungsweise 18,4 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. Das UN-Hilfswerk bat daher bereits im Juni um 42,6 Millionen US-Dollar, also rund 40,5 Millionen Euro, für „lebensrettende Hilfe und Schutz“.

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