Personalnot durch Corona: Welche Branchen jetzt Arbeitskräfte suchen

  • Homeoffice, Kurzarbeit und mehr: Die Corona-Krise verändert die Arbeitswelt in Deutschland radikal.
  • Während in vielen Branchen die Beschäftigung wegfällt, suchen andere händeringend weitere Arbeitskräfte.
  • Wie Gesundheitswesen, Einzelhandel und Landwirtschaft der Personalnot begegnen.
Tobias Dinkelborg
Johanna Stein
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Berlin. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf Öffentlichkeit und Arbeitsleben sind groß - aber sehr unterschiedlich. Während etwa in der Veranstaltungsbranche massenhaft Jobs wegfallen, suchen andere Wirtschaftszweige dringend Mitarbeiter. Ein Überblick über die betroffenen Branchen.

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Gesundheitswesen aktuell auch auf Freiwillige angewiesen

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"Schon vor der Krise gab es 200.000 fehlende Pflegekräfte in Krankenhäusern, Altenheimen und der ambulanten Versorgung”, sagte Rolf Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes (DPV), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Wir sind nun auf jeden angewiesen, der jetzt ins System kommt.”

Darunter fallen “Pflegekräfte, die ausgestiegen sind, und im Ruhestand befindliche Experten”, ergänzte Höfert. “Das sind auch intensivmedizinische, anästhesistische und geriatrische Fachkräfte, die wir da benötigten.”

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“Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst”, sagte Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache zum Coronavirus.  © Tobias Dinkelborg, Johanna Stein/ARD

Wie viel zusätzliches, ausgebildetes Personal potenziell zur Verfügung steht, ist allerdings unklar. Lediglich in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein existieren sogenannte Pflegekammern, in der Berufsangehörige registriert sind.

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Deshalb sei das Gesundheitswesen aktuell auf Freiwillige angewiesen. Bei der Wiedereingliederung ist laut dem DPV-Geschäftsführer Sensibilität nötig. “Rückkehrer müssen erst mit der neuen Technik vertraut gemacht werden, die hat sich in den letzten Jahren verändert”, erläuterte Höfert.

Robert-Koch-Institut erhält Bewerbungsflut

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat unterdessen Stellen für “Containment-Scouts” ausgeschrieben, die Infektionsketten telefonisch nachverfolgen, mögliche Kontaktpersonen benachrichtigen und administrative Aufgaben erfüllen. Es handelt sich um Vollzeit-Posten, die zunächst auf sechs Monate befristet sind.

Die Hilfsbereitschaft und das Interesse waren so groß, dass das Verfahren nach dem Eingang von knapp 10.000 Bewerbungen inzwischen wieder gestoppt ist. “Wir sind begeistert und danken allen, die in diesen schwierigen Zeiten Engagement zeigen wollen”, heißt es auf der Homepage des RKI.

Folgen für Einzelhandel: Personalnot in Supermärkten

Auch der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland benötigt zunehmend Personal. Die infolge der Corona-Krise massiv gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln belastet die Kapazitäten besonders in Verkauf und Logistik.

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Eine mögliche Lösung machen McDonald’s und Aldi vor: Die beiden Unternehmen sind eine Personalpartnerschaft eingegangen. Dabei werden Mitarbeiter der Fast-Food-Kette, die durch eingeschränkten Restaurantbetrieb betroffen sind, an Aldi-Märkte vermittelt. Sie werden befristet eingestellt und können nach dem Einsatz wieder zu McDonald’s zurückkehren.

Corona und die Landwirtschaft: Erntehelfer fehlen

Die Grenzschließungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben auch für die Landwirtschaft in Deutschland schwere Folgen. Erntehelfer aus Osteuropa, die bald zu Hunderttausenden auf den Äckern hierzulande gebraucht werden, gelangen nicht mehr ins Land. Es brauche nun kreative Lösungen, sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

In einem Brief bittet sie Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) um “eine gewisse Flexibilität” bei den Arbeitsbedingungen für Saisonarbeitskräfte: Wer schon im Land ist, soll länger bleiben und mehr als zehn Stunden pro Tag arbeiten dürfen. Zudem schlägt Klöckner vor, einheimischen Arbeitskräften, die nun auf Kurzarbeitergeld angewiesen sind, Selbstständigen und auch Asylbewerbern ohne Arbeitserlaubnis kurzfristig eine Tätigkeit in der Landwirtschaft zu ermöglichen.

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Coronavirus treibt Spargelbauern Sorgenfalten auf die Stirn
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Wegen der Einreisebeschränkungen und Angst vor Krankheiten kommen die ausländischen Erntehelfer nicht mehr nach Deutschland.  © Tobias Dinkelborg, Johanna Stein/Reuters
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Auch hier ist die Hilfsbereitschaft offenbar groß: Das vom Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützte Portal „Das Land hilft“ war zum Start am Montagmittag wegen zahlreicher Abrufe teils überlastet. Bauern können dort Arbeitsangebote einstellen, Interessierte ihre Mitarbeit anbieten. Eine ähnliche Plattform betreibt der Bauernverband mit seiner Seite „Saisonarbeit in Deutschland“.

Mehr Bestellungen: Amazon schreibt neue Jobs aus

Der weltgrößte Online-Händler will einem starken Anstieg der Bestellungen aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus mit einer Einstellungsoffensive begegnen. Das Unternehmen kündigte in der vergangenen Woche an, in den USA 100.000 zusätzliche Voll- und Teilzeitkräfte für Lager und Auslieferung anzuheuern, um die gestiegene Nachfrage bewältigen zu können.

In deutschen Logistikzentren schaffe das Unternehmen aktuell 350 neue Voll- und Teilzeitstellen, sagte ein Sprecher dem RND. Damit richte sich Amazon ausdrücklich auch an Menschen, deren Arbeitsplätze in Bereichen wie Hotels, Restaurants und Reisen als Teil dieser Krise wegfallen. “Wir möchten, dass diese Menschen wissen, dass wir sie in unseren Teams willkommen heißen, bis sich die Dinge wieder normalisieren und ihr früherer Arbeitgeber in der Lage ist, sie weiter zu beschäftigen”, teilte der Unternehmenssprecher mit.

Lieferdienste übernehmen Fahrer aus anderen Branchen

Steigende Zahlen an Bestellungen verzeichnen derzeit auch Lieferdienste wie der Online-Getränkelieferservice Flaschenpost. Um die erhöhte Nachfrage bedienen zu können, sucht das Unternehmen neue Mitarbeiter, etwa Fahrer aus anderen Branchen. “Wir sind mit anderen Unternehmen im Austausch, um Arbeitnehmer zu übernehmen. Wer jetzt eine Arbeit sucht, weil sein Arbeitgeber sie oder ihn im Moment nicht beschäftigen kann, ist bei uns willkommen”, sagte Geschäftsführer Stephen Weich.

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