Was wir brauchen: Eine Virenabwehr für die Welt

  • Nach der Blamage mit dem Coronavirus braucht die Weltgesundheitsorganisation einen Neustart, technologisch und personell.
  • Nötig ist jetzt eine Virenabwehr für die ganze Welt, transparent und verlässlich wie ein System moderner vernetzter Rauchmelder.
  • Wenn Gefahr droht, muss jeder es erfahren – nicht irgendwann, sondern in Echtzeit.
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Schon in der Art und Weise, wie die Konferenz begann, lag eine historische Blamage. Als die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf ihre zweitägige Jahresversammlung eröffnete, konnte sie die Teilnehmer rund um die Erde nur per Video zuschalten: Den ganzen Planeten plagt eine Pandemie.

Die WHO habe es “vermasselt”, sagt US-Präsident Donald Trump. In Wahrheit aber hat niemand sich mit Ruhm bekleckert. China war anfangs zu wenig transparent. Europa war uneins und ineffizient. Und in den USA störte die Verhöhnung der Wissenschaft durch Trump.

Was nun? Die Politik darf sich nicht aufs Management der entstandenen Notlage beschränken. Sie muss jetzt auch eine Wiederholung ausschließen. Dazu gehört ein Neustart der Virenabwehrpolitik auch auf globaler Ebene. Die Staatenwelt muss der WHO mehr Geld geben, gute neue Leute und vor allem neue Autorität.

Eigentlich müsste die Lektion gelernt sein. Eine global vernetzte Wirtschaft braucht eine global vernetzte Virenabwehr. Alles muss so laufen wie bei Rauchmeldern, die Signale ins Netz geben: Wenn Gefahr ist, muss jeder es erfahren, nicht irgendwann, sondern in Echtzeit.

Das “Immunsystem des Planeten”: Thema für G-7 und G-20

Die Technologie steht längst zur Verfügung, zuletzt potenziert durch das Internet der Dinge und durch künstliche Intelligenz. In amerikanischen Denkfabriken nehmen bereits Strukturen für ein “Immunsystem des Planeten” Gestalt an. Erreger sollen extrem früh aufgespürt, isoliert und eingedämmt werden, in einem zwar global koordinierten, aber stets dezentral bleibenden Abwehrkampf. Wer, bitte, hätte im Prinzip etwas dagegen – abgesehen von Verschwörungstheoretikern etwa aus der deutschen Pandemie-Pegida?

Das Thema Virenabwehr für die Welt gehört ganz nach oben auf die Tagesordnungen bei den nächsten Videorunden der großen Mächte, G-7 im Juni und G-20 im Juli. Washington und Peking täten gut daran, bis dahin ihre nationalistischen Aufwallungen zu bremsen und eine Vermittlung durch die Europäer zuzulassen. Wäre nicht ein weltweites Virenwarnsystem ebenso wie eine weltweite Impfstoffpolitik im Interesse aller Beteiligten?

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Merkel stärkt WHO den Rücken
1:18 min
Kanzlerin Angela Merkel wirbt für weltweite Zusammenarbeit gegen Corona. Sie richtete diese Worte an die WHO-Koferenz in Genf per Videobotschaft.  © Matthias Koch/Reuters

Zusätzliche Strahlkraft brächte neues Personal an der Spitze der WHO. Die amerikanische Aids-Stiftung brachte einen prominenten Namen ins Spiel: Barack Obama. Zwar erscheinen, solange Trump regiert, Erwägungen wie diese als pure Tagträume. Doch nichts und niemand in der Politik bleibt ewig machtvoll.

Jene, die jetzt allem lärmenden Nationalismus zum Trotz für einen großen Schritt in Richtung weltweite Vernetzung werben, haben mächtige Fürsprecher in der Wirtschaft. Denn eins steht fest: Gemessen an den drei- bis vierstelligen Milliardenverlusten durch die Corona-Krise wären großzügige Investitionen in eine Stärkung der WHO noch immer eine überschaubare Summe.

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