Was tun bei Lockdownmüdigkeit?

  • Während in Deutschland drohend von „Ischgl 2.0“ geschrieben wird, hebt Österreich seinen Lockdown auf.
  • Eines der Argumente: Das Land sei lockdownmüde.
  • Weiter südlich liegt die Aufmerksamkeit mal nicht gänzlich auf Corona – Mario Draghi hat in Italien ein aufsehenerregendes Kabinett gebildet.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Sonne scheint und die Menschen bummeln durch die Straßen. Vor den Shoppingzentren bilden sich bereits Schlangen, Friseure sind gut besucht und sogar in den Museen betrachten Besucher wieder konzentriert die unterschiedlichen Ausstellungsstücke. Und selbstverständlich sind auch die Schulen wieder voll.

Ein Bild aus einer anderen Zeit? Mitnichten. Vielmehr eine Momentaufnahme aus Wien, Hauptstadt unseres südlichen Nachbarn. Bei bestem „Kaiserwetter“ – sonnig und klar, aber kalt – sind die Menschen ein Stück weit zurückgekehrt in das normale Leben. Der harte Lockdown ist vorbei.

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Österreichs „Spiel mit dem Feuer“

Aber Moment, Österreich, war da nicht was? Ist nicht Tirol der europäische Hotspot für die hochinfektiöse südafrikanische Corona-Mutation? Und liegt der Inzidenzwert in Österreich nicht fast doppelt so hoch wie in Deutschland? Gibt es nicht seit gestern wieder Kontrollen an der bayerischen Grenze zu Österreich?

Die Antworten lauten: Doch, ja und doch. Und dennoch hat das Land seinen harten Lockdown gelockert.

Entsprechend geteilt sind die Meinungen zu diesem Schritt. Buchhändlerin Alexandra Zumoberhaus etwa hält die Öffnungen für einen Fehler. „Mir wäre der restriktive deutsche Weg lieber“, sagt sie. Und auch der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems hält die aktuelle Politik für ein „Spiel mit dem Feuer“.

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Warum also wieder aufmachen? Meine Kollegin Simone Brunner hat sich den neuen Alltag in Wien angeschaut und mit vielen Menschen gesprochen. Sie ist dabei auf viele Widersprüche und eine ganz praktische Überlegung gestoßen, die sich vielleicht wie folgt vereinfachen ließe: „Stell dir vor, es ist Lockdown und keiner macht mit.“

Das Licht im Hier und Jetzt

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Lockdownmüdigkeit: Dieses Problem ist sicher kein rein österreichisches. Wie man mit dieser Müdigkeit, aus der auch ernsthafte psychische Probleme erwachsen können, am besten umgeht, hat die Hamburger Ärztin und Buchautorin Mirriam Prieß meinem Kollegen Daniel Killy erzählt.

Für Prieß hat der richtige Umgang mit der Krise ganz viel mit Kommunikation zu tun. Sowohl auf politischer als auch auf privater Ebene. Sie rät davon ab, den Blick nur auf das „apokalyptische Jetzt“ oder nur auf das sprichwörtliche „Licht am Ende des Tunnels“ zu fokussieren. Sinnvoller sei vielmehr, sich auf das Licht im Hier und Jetzt zu konzentrieren, „etwas mitzugeben, für das es sich lohnt, den Weg weiterzugehen“.

Politik statt Corona

Wird Mario Draghi zum italienischen Joe Biden? Für einen kurzen Moment zumindest steht in Italien nicht die Corona-Krise im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern der neue Ministerpräsident und sein jüngst vereidigtes Kabinett. Wie der US-Präsident vor ihm hat der neue italienische Ministerpräsident alle Ministerposten sehr überlegt besetzt. Entweder mit parteilosen Experten oder mit proeuropäischen Politikern, die aus fast dem gesamten Parteienspektrum des Parlaments kommen. Nur die Postfaschisten sind künftig nicht vertreten.

Dominik Straub, unser Korrespondent in Rom, zieht ein fast enthusiastisches Fazit: „Mit der Vereidigung des neuen Kabinetts erhält Italien die europafreundlichste und kompetenteste Regierung seit Langem.“

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Zitat des Tages

So langsam kann man die sogenannten Experten gar nicht mehr hören, auch Herrn Lauterbach.

Hansi Flick, Trainer des FC Bayern München

Da ist sie wieder, die bayerische Breitbeinigkeit. Zuletzt war der FC Bayern München immer öfter sympathisch – und sportlich überragend. Doch jetzt teilen Flick, Rummenigge und Co. gegen „sogenannte Corona-Experten“ wie den SPD-Gesundheits­experten Karl Lauterbach aus. Der FCB reiht sich damit ein in eine beispiellose Hasskampagne gegen Lauterbach in den sozialen Medien. Der Münchner Klub zeigt sich so hochnäsig wie früher, kommentiert Hauptstadt­korrespondent Markus Decker.

Leseempfehlungen

Krabbelgruppen, Spaziergänge mit anderen Eltern oder das Stillcafé – normalerweise gibt es zahlreiche Anlaufstellen für Mütter und Väter in Elternzeit. Doch durch den Lockdown bleiben viele davon geschlossen oder finden nur digital statt. Das macht den Alltag mit Baby oft sehr einsam.

Peking hat der britischen BBC die Sendelizenz entzogen. Es ist der vorläufige Höhepunkt des Medienstreits zwischen beiden Ländern. Warum das nicht das Ende der Eskalationsspirale ist, erklärt unser China-Korrespondent Fabian Kretschmer.

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Für Donald Trump heißt es jetzt: Nach dem Impeachment-Freispruch ist vor dem Prozess. Die Staatsanwaltschaften in Georgia und in New York sind ihm wegen des Versuchs der Wahlmanipulation und zweifelhafter Finanzgeschäfte auf der Spur, berichtet unser US-Korrespondent Karl Doemens.

Aus unserem Netzwerk: Grenze dicht, Insel dicht

Seit gestern sind nicht nur die Grenzen zu Tschechien und Teilen Österreichs geschlossen. In Mecklenburg-Vorpommern war der Touristenansturm auf die Insel Usedom so groß, dass die Polizei einschreiten musste, berichtet die „Ostsee-Zeitung“. Spoiler: Die Inselbewohner fanden das ganz gut.

Termin des Tages

15 Uhr: Der erhoffte wirtschaftliche Neustart nach der Corona-Krise beschäftigt heute die Euro-Gruppe. Die Finanzminister der 19 Staaten mit der gemeinsamen Währung beraten über die jüngste Konjunktur­prognose der EU-Kommission. Diese sagt voraus, dass die Wirtschaft im Euro-Raum ab dem zweiten Quartal wieder zulegt.

Wer heute wichtig wird

Die Welthandels­organisation (WTO) will am Montag in Genf die Ökonomin und Entwicklungs­expertin Ngozi Okonjo-Iweala aus Nigeria zur neuen Generaldirektorin ernennen. Dazu treffen die Botschafter der 164 Mitgliedsländer am Nachmittag online zusammen. Die Ernennung der 66-Jährigen gilt als Formsache: Bis auf die USA hatten sich schon im Oktober alle Länder für sie ausgesprochen. Unter US-Präsident Joe Biden gaben die USA ihren Widerstand auf. Okonjo-Iweala war 25 Jahre lang bei der Weltbank in Washington. © Quelle: Martial Trezzini/Keystone/dpa

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