Was bleibt, um die Welle noch zu brechen?

  • Pünktlich zum Ende des Sommers gewinnt die Pandemie an Fahrt und die politische Debatte an Hektik.
  • Gegenseitige Schuldzuweisungen prägen den Streit um die notwendigen Maßnahmen.
  • Das schadet massiv, kommentiert RND-Reporter Jan Sternberg – denn gefragt sind wir alle.
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Berlin. Das Virus hat keinen Plan und keinen Charakter. Natürlich nicht. Wäre es anders, hätte der Kollege Sars-CoV-2 zumindest einen sarkastischen und präzisen Sinn fürs Timing, für Sünden und Bestrafung. Der Sommer ist vorbei und damit auch die Illusion, die Pandemie irgendwie überwunden zu haben. Oder zumindest “eingedämmt”, dieser unklare Begriff, der uns überall in den “Eindämmungsverordnungen” begegnet. Pünktlich zum Beginn der Herbstferien in vielen Bundesländern ist aus Deutschland wieder ein Flickenteppich von Beherbergungsverboten geworden. Schnell einen Schnelltest für Sylt! Rasch eine Alternative für Usedom! Sieh an, Uznam (polnische Seite derselben Insel) nimmt es nicht so ernst, Glück gehabt!

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NRW beschließt einheitlichen Katalog für Corona-Risikogebiete
1:44 min
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet kündigte einheitliche Regeln für Corona-Risikogebiete in NRW an.  © Reuters

Nach dem Sommer der Unvernunft folgt nun die Strafe auf dem Fuße: Sperrstunde im rauschverwöhnten Berlin, Maskenpflicht auf der Reeperbahn, “Zerstreuungsgebot”. Letzteres ist nicht der freundliche Hinweis, sich von dem erneuten exponentiellen Wachstum der Infiziertenzahlen abzulenken, sondern ein verharmlosender Ausdruck für das erneut in Kraft gesetzte Verbot, sich abends mit mehr als fünf Menschen auf der Straße aufzuhalten.

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Fast wie im Frühjahr? Nein, die Lage ist eine andere

Die neuen Einschränkungen scheinen ebenso plötzlich wie im Frühjahr auf uns einzuprasseln, als erneute Last-Minute-Zumutungen der Regierenden, die Freiheitsrechte einschränken. Doch das stimmt nicht ganz. Während im März das gesamte öffentliche Leben von einem Schlag auf den anderen eingefroren wurde, um es mit einem ebenso unsichtbaren wie unbekannten Gegner aufzunehmen, ist es im Oktober anders.

Wir wissen mehr über das Virus. Wissen, dass es unnötig ist, Geschäfte zu schließen und Bahnen zu meiden – wenn, ja, wenn alle Maske tragen. Wissen, dass es widersinnig war, Spielplätze mit Flatterband einzupacken und Familien von Picknickdecken aufzuscheuchen. Wir haben gesehen, dass Deutschland am Experiment Homeschooling gescheitert ist – und deswegen vermieden werden muss, Schulen und Kinderbetreuung ein weiteres Mal flächendeckend dicht zu machen.

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Sperrstunde in Berlin: Das sagen die Betroffenen
2:09 min
Jugendliche äußerten sich am Freitagabend, dem ersten Wochenende nach Verkündung der Sperrstunde.  © Reuters
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Wir müssen Schnelltests in ausreichender Zahl bereithalten, um die zwischenmenschlichen Grausamkeiten des Frühjahrs zu vermeiden – Besuchsverbote in Altenheimen, Kontaktverbote zwischen den Generationen.

Aber es gab auch schwere Versäumnisse im Sommer des Durchatmens: Viel zu spät wurde über Teststrategien für Reiserückkehrer diskutiert, viel zu zögerlich bei Großveranstaltungen kontrolliert – und so gut wie gar nicht zum korrekten politischen Entscheidungsweg zurückgekehrt. Dass mehr als ein halbes Jahr nach den ersten Einschränkungen die Pandemie weiter mit kurzfristigen Verordnungen der Exekutive bekämpft wird und die Parlamente weiter entmachtet sind, führt zu einem handfesten Akzeptanzproblem.

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Dass der Flickenteppich zwischen den Bundesländern seit Monaten wortreich beklagt wird und dennoch jeder weiter seins macht, erst recht. Wer darf sich wo und wann mit wie vielen Personen verabreden, welche Bußgelder gibt es für Maskenverweigerer, welche Veranstaltungen finden statt – kaum jemand steigt hier mehr durch.

“Hör auf den gesunden Menschenverstand”, sagt dann bestimmt wieder einer. Aber der ist oft machtlos im Angesichts der heiß laufenden Sündenbockdebatte. Die Berliner haben ihre Stadt nicht im Griff, sagt der Ministerpräsident des Langzeit-Hochrisikolandes Bayern.

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Die Großstadtbewohner seien schuld, hört man aus den Flächenländern – bis es wieder ein Superspreader-Event auf Sylt oder in einem hessischen Dörfchen in die Nachrichten schafft. Das Nachtleben sei überflüssig, meint Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und fordert von den Jungen Verzicht für die Alten ein. Dass beide Gruppen bereits das ganze Frühjahr ihrer wesentlichen sozialen Kontakte beraubt wurden, ist schon vergessen.

Was also bleibt jetzt, um die Welle noch zu brechen? Vernunft ohne Hektik. Maskentragen ohne Diskussion. Verzicht auf große Runden. Ein Wiedergewöhnen ans Homeoffice und ein möglichst weitgehendes Ausschließen des Homeschooling. Und keine Sündenbockdebatten mehr. Die Metropolen haben die zweite Welle als erstes abgekriegt, aber jetzt sind wieder alle gefragt. Der Sommer war zu groß.


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