Warum wir Anonymität im Netz brauchen

Im Internet nutzt manch einer den Schutz der Anonymität schamlos aus. Die Forderung nach einer Klarnamenpflicht liegt also nahe. Es sollte sie trotzdem nicht geben – aus guten Gründen, kommentiert Tobias Peter.

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Berlin. Im Internet geht es kommunikativ oft roh zu. Es ist einfacher, am Bildschirm – weit entfernt vom anderen – etwas Gemeines zu schreiben als es der Person ins Gesicht zu sagen. Ohnehin tummeln sich im Netz ja viele im Schutz der Anonymität.

Da scheint es auf den Blick naheliegend zu sein, einer Forderung von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) zuzustimmen. Er spricht sich für eine Klarnamenpflicht im Internet aus.

Doch Schäubles Vorschlag führt in die Irre. Gegen ihn spricht, dass er erstens nicht besonders praktikabel ist. Das lässt sich bei Facebook beobachten.

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Dort sollen sich die Menschen nach dem Willen des Unternehmens mit dem richtigen Namen anmelden. Doch wer das nicht möchte, tritt dort eben nicht als „Bienchen 98“ auf, sondern mit einem ganz normalen, plausibel klingenden Namen, der nicht der eigene ist.

Ein besonderer Kommunikationsraum

Was ist der Plan? Ein Internet-Einwohnermeldeamt, bei dem sich jeder registriert? Wer sollte die Klarnamenpflicht denn kontrollieren? Es ist ja nicht so, als könnte man jemanden wie bei einer Straßenverkehrskontrolle mal eben kurz an die Seite winken.

Schwerer noch wiegt ein inhaltliches Argument. So ärgerlich es ist, wenn Menschen die Anonymität des Netzes missbrauchen – es hat eben auch seinen Wert, dass das Internet ein besonderer Kommunikationsraum ist.

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In vielen Betrieben gibt es eine Box, in die anonym Kritik und Verbesserungsvorschläge eingeworfen werden können. Dort kommt oft anderes heraus als im direkten Gespräch mit dem Chef.

Jenseits von Exzessen, die strafrechtlich verfolgt werden müssen, ist es gut, dass im Internet manche Debatte freier geführt wird als anderswo.

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Diesen anarchischen Charakter des Internets sollte eine freie Gesellschaft aushalten – schon, um ein Vorbild gegenüber jenen Ländern zu sein, in denen die Meinungsfreiheit wenig bis nichts gilt.

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Von Tobias Peter/RND

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