Warum US-Präsident Joe Biden so oft flüstert

  • US-Präsident Joe Biden hat eine Angewohnheit, die auf einige befremdlich wirkt: Wenn es wichtig wird, flüstert er.
  • Bidens Kritiker schüren die Legende, das Flüstern sei „sonderbar“ und der Präsident dadurch untauglich für sein Amt.
  • Kommunikationsexperten sehen darin eine Taktik, sich den Zuhörenden zu nähern.
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Washington. US-Präsident Joe Biden besuchte gerade die Verkehrsbetriebe in La Crosse, Wisconsin, und sprach über die Reparaturen von Straßen und Brücken — da wechselte er plötzlich das Thema. Er verteidigte seinen Plan, Eltern ein Kindergeld zu zahlen, den einige Kritiker ein „Werbegeschenk“ schimpfen. Biden verschränkte die Arme, lehnte sich auf das Rednerpult und sagte leise, fast flüsternd ins Mikrofon: „Wisst ihr was, ich denke, es ist Zeit, dass wir den normalen Leuten eine Steuerpause gönnen. Den Reichen geht’s doch gut.“

Das war nicht das erste Mal, dass der US-Präsident flüstert, als es wichtig wird. Das Weiße Haus und Kommunikationsexpertinnen sind der Ansicht, Bidens Flüstern sei nur eine altmodische Art und Weise, sich den Zuhörenden zu nähern und dabei seinen Aussagen mehr Nachdruck zu geben.

Seine Kritiker wie auch manch ein Moderator einer Late-Night-Talkshow finden das Flüstern dagegen „gruselig“ oder „sonderbar“. Konservative schüren die Legende, der demokratische Präsident sei untauglich für den Job, Komiker wollen Lacher ernten.

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„Es ist eine intime Art der Kommunikation“, sagt Vanessa Beasley, Dozentin für Kommunikationswissenschaften an der Vanderbilt University in Tennessee.

Biden flüsterte bei Pressekonferenz

Auch bei einer außerplanmäßigen Pressekonferenz im Juni im Weißen Haus, als es eigentlich um das 973-Milliarden-Dollar-Paket (824 Milliarden Euro) für die Infrastruktur ging, flüsterte Biden einige seiner Antworten. Gefragt, wann er Familien zusätzliche finanzielle Hilfen zukommen lassen wolle, beugte er sich mit weit geöffneten Augen vor und sagte leise: „Ich habe ihnen schon 1,9 Billionen Dollar (1,6 Billionen Euro) an Erleichterung verschafft. Sie werden folgenreiche Schecks in ihren Briefkästen finden.“

Während einer längeren Antwort auf eine weitere Frage flüsterte Biden: „Ich habe den Gesetzentwurf geschrieben“, um sich dann weiter dem Mikrofon zuzuneigen und hinzuzufügen: „Für den Umweltschutz.“

Biden ist Politikveteran, insgesamt mehr als 40 Jahre lang war er Senator und Vizepräsident. Sein Flüstern ist nach Ansicht von Beasley eine Erinnerung an vergangene Zeiten, als die Beziehung zwischen Politikern und Hauptstadtjournalisten noch anbiedernder war. „Ich denke, das ist eine symbolische Geste von Nähe und Vertrautheit“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

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Bidens Vorgänger schlug dagegen ganz andere Töne an: „Eines der Dinge, die Trump nie tat, war flüstern“, sagt Robin Lakoff, emeritierte Professorin für Linguistik an der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Viele Politiker, Prominente und Unternehmenschefs spielen mit der Lautstärke ihrer Stimme, um einen dramatischen Effekt zu erzielen oder einen Witz zu erzählen, damit ihr Publikum nicht einschläft. Für Beasley wirkt der politische Diskurs dieser Tage so laut, dass „es alle ein wenig in die Schranken weist, wenn jemand genau das nicht macht und leiser spricht“.

Bidens Gewohnheit ist „Bühnenflüstern“

Lakoff sagt, dass Biden eigentlich nicht flüstert, weil seine Stimmbänder dabei vibrieren und Töne hervorbringen. „Ein echtes Flüstern könnte man nicht gut hören.“ Sie vergleicht Bidens Gewohnheit eher mit einem „Bühnenflüstern“, wenn ein Schauspieler aus seiner Rolle heraustritt, um dem Publikum ein Geheimnis zu verraten oder was als nächstes passieren wird.

Im Weißen Haus ist man sich einig, woher die Kritik an Bidens Flüstern und auch Stottern kommt: aus Mangel an alternativen Themen für die Wähler. „Seit Biden Präsident ist, ist die Zahl der Corona-Infektionen um mehr als 90 Prozent gesunken“, sagt Vizepressesprecher Andrew Bates. „Wir haben so viele Jobs geschaffen wie noch nie, die Wirtschaft wächst so stark wie seit 40 Jahren nicht, und auf der Weltbühne haben wir den Durchbruch geschafft, um das Abwandern amerikanischer Arbeitsplätze zu stoppen.“

Diese „performative Kritik“ sei einfach nur das jüngste Eingeständnis der Republikaner, dass Biden „sie in die Tasche steckt, während sie nach irgendeinem Vorwand für Kritik suchen“.

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Eine Pressesprecherin im Weißen Haus zu Donald Trumps Zeiten, Kayleigh McEnany, nannte Bidens Flüstern „eigenartig“ und „verrückt“, bevor sie mit Gästen einer Sendung auf Fox News darüber diskutierte. Andere Moderatoren und TV-Gäste des Senders kritisierten ebenfalls Bidens leise Sprechweise.

Komiker zieht über Biden her

Aber auch Komiker Stephen Colbert zieht in seiner Show auf CBS über die Lautstärke des Präsidenten her. So zeigte er jüngst einige Film-Ausschnitte über Biden, lehnte sich dann über sein Mikrofon und flüsterte: „Herr Präsident, Herr Präsident. Sie wissen, ich bin Fan von Ihnen. Aber die Art, wie Sie sich vorbeugen und flüstern, wissen Sie, das ist ein klein wenig unheimlich. Ein klein wenig unheimlich.“

Auf der anderen Seite kann Biden auch laut werden, so wie in seiner Rede vor dem Weißen Haus am Nationalfeiertag, dem 4. Juli. „An diesem heiligen Tag blicke ich auf die Denkmäler unserer National Mall und darüber hinaus in die Herzen unserer Menschen im Land, und ich weiß“, sagte er und erhob die Stimme: „Es war noch nie gut, gegen Amerika zu wetten. Noch nie. Wir müssen daran denken, wer wir sind. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Und dann donnerte der Präsident: „Es gibt nichts, was wir nicht tun können, wenn wir es nur gemeinsam tun.“

RND/AP

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