Cellbroadcasting verschleppt: Berlins tödliche Trödelei

  • Jahrelang hat die Bundesregierung Augen und Ohren gegenüber der Tatsache verschlossen, dass nicht Warn-Apps, sondern nur Cellbroadcast-Warnungen als digitale Sirene des 21. Jahrhunderts fungieren können.
  • Erst nachdem es mehr als 160 Tote gab, geht Innenminister Horst Seehofer die Sache jetzt an.
  • Warum wurden nicht schon im Jahr 2018 die Vorgaben einer EU-Richtlinie über öffentliche Warnsysteme ernst genommen? Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Plötzlich soll es schnell gehen. Bundesinnenminister Horst Seehofer habe „im Prinzip schon entschieden, dass die Warnung per Cellbroadcasting kommt“, verriet der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, Armin Schuster, am Donnerstag im ARD-„Morgenmagazin“.

„Schon entschieden?“ Dit is Berlin.

Nach jahrelanger Trödelei an dieser Stelle strotzen jetzt alle vor Dynamik und Tatkraft – so viel Sarkasmus kann man sich nicht ausdenken.

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Erfahrungen aus den USA, Japan und Israel

In Wahrheit hat Seehofer sich nie ernsthaft gekümmert um die Umsetzung einer – in Deutschland weithin unbekannt gebliebenen – EU-Vorschrift zu einem Öffentlichen Warnsystem. Nach Artikel 110 der vor drei Jahren beschlossenen EU-Richtlinie 2018/1972 müssen alle EU-Staaten bis Juni 2022 die Mobiltelefonnetze zur Schaffung neuer Warnsysteme nutzen. Ziel ist ein europaweites System namens „EU Alert“.

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Deutschland hatte auf Warn-Apps wie Nina und Katwarn verwiesen und gehofft, damit auch auf EU-Ebene durchzukommen. Doch die Chancen dafür standen von Anfang an schlecht. Schon in der EU-Richtlinie von 2018 wird an Effizienz und Gleichwertigkeit der Apps gezweifelt.

Aus den USA, aus Japan, aus Israel weiß man: Wirklich effektiv ist nur Cellbroadcasting (CB). Warn-Apps erreichen nur eine Minderheit, CB erreicht jeden Nutzenden. Warn-Apps lassen sich stummschalten, CB durchbricht mit schrillen Warntönen individuelle Einstellungen. Und solange die Akkus laufen, funktioniert die Warnung auch nach einem Stromausfall. Kurzum: Cellbroadcast ist die digitale Sirene des 21. Jahrhunderts.

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Eine in der Tat „menschengemachte Katastrophe“

In Deutschland fehlte am vorigen Wochenende diese Sirene. Und so starben allein im engen rheinland-pfälzischen Ahrtal 128 Menschen allein deshalb, weil in einem vorausberechneten Umfang und zu einem vorausberechneten Zeitpunkt Dorfbäche anschwollen. Experten in aller Welt kratzen sich am Kopf angesichts dieser frappierenden Vorführung von Inkompetenz und Fahrlässigkeit.

Seufzend verweisen deutsche Regierende auf den Klimawandel und sprechen salbungsvoll von einer „menschengemachten Katastrophe“. Mitunter klingt das so, als zürnten den Deutschen, die allzu lange allzu wenig gegen den Klimawandel getan haben, nun die Götter.

Die Klimadebatte aber, so wichtig sie ist, lenkt die Aufmerksamkeit weg vom scharf konturierbaren Versagen beim Katastrophenschutz.

Null Tote, null Verletzte in den Niederlanden

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Menschengemacht ist die Katastrophe etwa im Ahrtal in der Tat, aber in viel banalerer Weise. Es ist egal, um wie viele Meter der eine oder andere Bach sich erhebt: Jeder und jede kann dem Wasser aus dem Weg gehen, wenn er oder sie denn rechtzeitig gewarnt wird.

Der Vergleich mit den Niederlanden macht sprachlos. Dort trieb das Cellbroadcast-Warnsystem „NL Alert“ entlang der Maas Tausende rechtzeitig aus ihren Häusern. Bilanz trotz großer Schäden: null Tote, null Verletzte. Diese Bilanz gibt dem Wort von der menschengemachten Katastrophe im Ahrtal einen wahrhaft makaberen Klang.

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