Walter Lindner – Deutschlands buntester Botschafter

  • Diplomaten üben sich nach außen gern in Zurückhaltung.
  • Walter Lindner, deutscher Botschafter in Indien, fällt mit seiner Leidenschaft für Musik und alte Autos aus der Reihe.
  • Am Freitag kann sich die Kanzlerin von Lindners Exotenstatus überzeugen.
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Berlin. Deutschland wird von 153 Botschaftern in der Welt vertreten. Dies sind meist ältere Herren, die – wie es sich für Diplomaten ziemt – zurückhaltend auftreten und großen Wert auf Etikette legen. Walter Lindner ist ein bisschen anders.

Der Botschafter Deutschlands in Indien gilt als Exot unter den Spitzendiplomaten des Landes. Als jemand, der von den protokollarischen Konventionen gern mal abweicht und die Welt via Twitter an seinen Erlebnissen teilhaben lässt. Etwa an seinen Ausflügen auf Tempelanlagen, seinem Einkauf auf Märkten oder auch am Besuch der Tochter und des Schwiegersohns.

Als Lindner, 62, im April dieses Jahres die Leitung der Botschaft in Neu-Delhi übernahm, verzichtete er auf eine Dienstlimousine deutscher Bauart. Stattdessen fährt er im leuchtend roten „Hindustan Ambassador“ mit Deutschland-Wimpel an der Motorhaube durch die 26-Millionen-Einwohner-Metropole. Da sitzt also ein deutscher Botschafter in einem Botschafter Indiens – „Ambassador“ ist die englische Bezeichnung für Botschafter.

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Die Entscheidung für „Tante Amby“, wie Lindner den Wagen mit Oldtimeranmutung liebevoll nennt, spricht aber nicht nur für Lindners Gefallen am Wortspiel. Es ist auch ein PR-strategisch kluger Zug: Der lange in Indien produzierte Wagen steht für die Unabhängigkeit des Landes und seinen Aufstieg zu weltpolitischer Größe. Überdies dürfte Lindners leuchtend rotes Modell selbst im Farbgewirr Neu-Delhis gut zu erkennen sein. Und der Mann mit Pferdeschwanz und Frank-Zappa-Bart will gesehen werden.

Im Juni rief er einen Wettbewerb aus: Wer ihn in der „Amby“ durch Delhi fahren sieht, möge ein Foto machen und es auf Facebook, Twitter oder Instagram hochladen. Zu gewinnen gab es ein rotes Minimodell von Lindners Wagen – „die süßeste Baby-Amby aller Zeiten“, wie der Botschafter schrieb. Die Aktion fand in indischen Medien große Beachtung. Sie brachte dem Deutschen, der gern in traditioneller indischer Kleidung mit Turban auftritt, viele Sympathien ein.

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Lindner trat vor gut 30 Jahren in den diplomatischen Dienst ein. Er war Pressesprecher unter Außenminister Joschka Fischer (Grüne), leitete eine Zeit lang das Krisenreaktionszentrum im Auswärtigen Amt und war dort bis zum Beginn dieses Jahres als Staatssekretär tätig. Immer wieder drängte es ihn aber hinaus in die weite Welt: „Ich bin im Auswärtigen Amt, weil ich gerne im Ausland bin“, sagte er, ehe er im Frühjahr von Berlin nach Delhi aufbrach. „Sonst wäre ich ins Innenministerium gegangen.“

Ein gutes Dutzend Mal war der Jurist auf Posten im Ausland. Etwa als Botschafter in Venezuela, Kenia, Südafrika und jetzt Indien. Die Musik diente Lindner stets als Mittel der Diplomatie. Der passionierte Jazzmusiker ist überzeugt von ihrer verbindenden Kraft. Bei Konzerten in der Botschaftsresidenz steht Lindner gern mit lokalen Musikern auf der Bühne. Lindner – Pianist, Flötist, Saxofonist, Gitarrist, Bassist – hat auch schon mehrere Jazzalben veröffentlicht.

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Über die Musik fand er einst zu Indien. Im Jahr 1971 sah der damalige Teenager bei einem Konzert in New York den indischen Sitarspieler Ravi Shankar auf der Bühne. Die Musik begeisterte den späteren Musikstudenten Lindner so sehr, dass er sich zu einem Rucksackurlaub in Indien entschloss. Jetzt schließt sich ein Kreis: Als Lindner im April die Botschaftsresidenz in Neu-Delhi bezog, ließ er sich dort ein Tonstudio einrichten.

Für den Besuch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Neu-Delhi anlässlich der deutsch-indischen Regierungskonsultationen haben Lindners Botschaftsmitarbeiter Treffen mit Wirtschafts- und Wissenschaftsvertretern organisiert. Das musikalische Begleitprogramm dürfte allerdings nicht zu kurz kommen. Dafür wird der Musikbotschafter Lindner gewiss Sorge tragen.