Verbrannte Erde: Die Feuer am Amazonas

  • In Brasilien toben im Amazonasgebiet Waldbrände.
  • Zugleich vermeldet die Agrarindustrie, die abgebrannte Flächen nutzt, Rekordgewinne.
  • Diese stabilisieren die Wirtschaft des Landes – auch jetzt in der Corona-Krise.
|
Anzeige
Anzeige

Brasília. Zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber doch miteinander verbunden sind: Die Handelsbilanz für die brasilianische Agrarindustrie verzeichnete von Januar bis August 2020 einen Rekordüberschuss von 61,5 Milliarden US-Dollar. Das berichtete jüngst das Magazin „Istoé“ unter Berufung auf das Wirtschaftsministerium. Brasiliens Agrarbusiness wächst, gedeiht und verschafft so dem Land inmitten der Corona-Pandemie eine vergleichsweise wirtschaftliche Stabilität. Davon sind die Nachbarn wie Argentinien, das Fleisch und Erdgas exportiert, und Venezuela, das Erdöl und Kohle ausführt, weit entfernt. Beide Länder setzen ebenfalls auf klimafeindliche Exportprodukte, bleiben aber von der internationalen Kritik weitgehend verschont.

Vor allem aber half der wirtschaftliche Erfolg der wichtigsten brasilianischen Branche der Regierung um den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, die monatlichen Hilfen in Höhe von jeweils 600 Real (umgerechnet 100 Euro) pro Person an die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zu zahlen. Das wiederum sorgt dafür, dass laut aktuellen Wahlumfragen Bolsonaro derzeit als Favorit in eine Präsidentschaftswahl 2022 gehen würde.

Anzeige

Brasilien, das Land der Agrarwirtschaft

Für Brasilien ist das Agrargeschäft eine ähnlich wichtige Schlüsselindustrie wie für Deutschland die Autoindustrie. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere sind die Berichte über die verheerenden Großfeuer in Brasilien. Besonders betroffen ist das Pantanal, eines der größten Binnenlandfeuchtgebiete der Erde und Unesco-Weltnaturerbe. Die Feuer zerstörten in den vergangenen Wochen nicht nur die Vegetation, sondern bedrohten auch besonders viele seltene und gefährdete Tierarten wie den Jaguar, der zum Symbol des Leids in der Region geworden ist. Über das Ausmaß der Brände gibt es widersprüchliche Angaben. Als verlässlich gilt, dass seit Jahresbeginn fast 20.000 Brandherde registriert wurden, das ist dreimal mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Waldbrände in Brasilien hat es in den vergangenen Jahren immer gegeben, doch diesmal sind sie so groß und außer Kontrolle, dass selbst die Brasilianer über das Ausmaß erschrocken sind. Mindestens 10 Prozent des Pantanals sind bereits zerstört, das entspricht in etwa der Größe Israels. Die langfristigen Folgen für das Ökosystem sind unabsehbar. Zudem versucht die brasilianische Regierung gezielt, das wahre Ausmaß der ökologischen Katastrophe durch eine Aushöhlung der Kompetenzen der Umweltbehörden zu verschleiern.

Armee soll Brände am Amazonas stoppen

Anzeige

So schickte Vizepräsident und Ex-General Herman Mourao zur Beruhigung der internationalen Partner die Armee in die betroffenen Gebiete, um illegale Abholzung und Waldbrände zu stoppen. Jetzt wurde bekannt, dass die Armeepräsenz bis ins Jahr 2021ausgedehnt werden soll. Die Weltraumbehörde Inpe konnte mit ihrer Sattelitenüberwachung allerdings keinerlei Erfolge dieser Initiative feststellen. Im Gegenteil: Stattdessen wurden im Juni – also in dem Monat, in dem die Agrarindustrie einen neuen Exportrekord aufstellte – 2248 Brände im Amazonaswald registriert. Es ist der höchste Wert für einen einzigen Monat seit 2007. Nach Überbringen der schlechten Nachricht reagierte die Bolsonaro-Regierung so wie immer – und suspendierte die Leiterin der Abteilung für die Überwachungssysteme.

Anzeige

Das schafft nicht gerade Vertrauen in den angeblich neuen Kurs der Regierung. „Die Armee sollte die Staatsanwälte unterstützen und nicht deren Platz einnehmen. Sie hat dafür gar nicht die technische Kompetenz, die Erfahrung. Das kann gar nicht funktionieren“, sagt Marina Silva, ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin, Umweltministerin und Umweltaktivistin.

Umweltschützer werfen der brasilianischen Regierung vor, bei dem perfiden Spiel von Brandstiftung und anschließender Landnutzung nicht nur tatenlos zuzuschauen, sondern diese Art der „Landgewinnung“ für Agrar- und Viehwirtschaft auch aktiv durch Unterlassung zu unterstützen. „Brasilien erlebt eine ständige Zunahme der Gewalt gegen Indigene, die von Agrobusiness, Bergbau und Holzindustrie ausgeht. Während der Pandemie haben sich die Spannungen noch verschärft“, sagt Juliana Miyazaki, Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Viehwirtschaft am Amazonas wird ausgeweitet

Zu diesen Einschätzungen kommt auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International: Gerade in der sensiblen Amazonasregion wird die brasilianische Viehwirtschaft massiv ausgeweitet, berichtet Amnesty. So habe sich die Zahl der Rinder in diesem Gebiet von 1988 bis 2018 fast vervierfacht. Insgesamt sind aus 63 Prozent des zwischen 1988 und 2014 abgeholzten Regenwaldes Weideflächen geworden. Und all das geschah bereits vor dem Amtsantritt von Jair Bolsonaro – geduldet und forciert durch die Linksregierungen unter Lula da Silva und Dilma Rousseff.

Noch vor ein paar Jahren war das für den Rest der Welt kaum ein Problem. Da galt Brasiliens Kurs wegen der damit verbundenen Erfolge in der Armutsbekämpfung – auf Basis von Agrarindustrie und Erdölförderung – noch als vorbildlich. Jetzt aber hat sich der Blick auf Brasilien verändert, denn inzwischen ist die westliche Gesellschaft eine andere. Die engagierte Fridays-for-Future-Generation übt Druck auf Europa aus, mit dieser klimafeindlichen Politik aus dem 20. Jahrhundert zu brechen. Die Aktivisten erklären: Diese brasilianische Regierung und ihre Politik kann kein Partner für Europa sein.

Die Klimaschutzbewegung übernimmt dabei Umweltpositionen, die die indigenen Völker Brasiliens eigentlich schon seit Jahrhunderten vertreten. Nur wurden sie in Europa nie gehört. Nun ändert sich das. Die europäischen Konzerne und Investoren haben Angst, dass sie selbst am Pranger landen, wenn ihr Geschäftspartner Bolsonaro seinen Abholzungskurs so ungeniert fortsetzt und sich weigert, die eigene Politik zu überdenken. „Die Tendenzen, die wir in Brasilien sehen, sind sehr besorgniserregend“, sagte Daniela da Costa-Bulthuis vom niederländischen Investor Robeco mit Blick auf die Regenwaldabholzung.

Anzeige
Die Fläche des Regenwaldes im brasilianischen Amazonasgebiet, die eine „Umwidmung“ erfährt, ist weit größer als die Waldfläche, die durch Abholzung verloren geht. © Quelle: Victor R. Caivano/AP/dpa

Brasília kürzt Umweltgelder

Tatsächlich hat die Regierung in Brasília das Geld für die Umweltbehörden massiv gekürzt. Illegale Holzfäller oder Goldgräber fühlen sich durch das Desinteresse der Bolsonaro-Regierung am Umweltschutz ermächtigt, auf eigene Faust zu agieren. Nicht selten folgt auf Waldbrände in einer Region die anschließende Nutzung des Areals durch die Agrarindustrie. Mit Blick auf das geplante EU-Mercosur-Handelsabkommen heißt es aus Brüssel oder Berlin, dass eine Ratifizierung unter den aktuellen Umständen nicht möglich sei. Brasilien müsse einen erkennbaren Willen zum Umweltschutz und zum Erhalt des Regenwaldes leisten.

Anna Cavazzini, handelspolitische Sprecherin der Grünen im Europäischen Parlament, kritisiert das brasilianische System stellvertretend für viele NGOs: „Brände verwüsten in Rekordtempo den Regenwald, und die Abholzung geht ohne jede Kontrolle weiter. Die EU hat viel zu lange tatenlos zugesehen. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, von der Handelspolitik bis hin zu unserem Konsumverhalten, haben einen enormen Einfluss auf das Amazonasgebiet.“

Cavazzinis Kritik mündet in einer Forderung, die sich auf die europäische Perspektive beschränkt: „Wir brauchen zwingend entwaldungsfreie Lieferketten und den endgültigen Stopp des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens“, sagt sie. „Das Abkommen ist nicht ausreichend an den Erhalt der Wälder und die Erfüllung des Pariser Klimaabkommens geknüpft, ganz im Gegenteil: Es zementiert ein Wirtschaftsmodell, das nicht nachhaltig ist – und das sehr deutlich die Entwaldung in den Mercosur-Ländern vorantreiben wird.“

Anzeige

Das Dilemma: Eine wirklich überzeugende Alternative, wie Brasilien die Milliardeneinnahmen aus der Agrarindustrie ersetzen soll, damit das eigene Überleben sichergestellt wird, gibt es bislang nicht. Und Brasilien schaut sich längst nach alternativen Partnern um: in Indien, Russland und China.

Nicht ganz zu Unrecht verweist Bolsonaro darauf, dass die aktuelle europäische Landwirtschaft ebenfalls auf Flächen produziert, die früher einmal bewaldet waren. In seiner gewohnt populistischen Art fasst er zusammen: Länder, die Brasilien kritisierten, hätten ja selbst schon alles niedergebrannt. Bolsonaro nutzt die internationale Kritik, um sich im eigenen Land als Opfer einer neokolonialen Politik Europas zu inszenieren, mit der Europa Brasilien die Entscheidungshoheit über den Amazonas wegnehmen wolle. „Je mehr sie uns angreifen, desto besser“, sagte Bolsonaro jüngst – wohlwissend, dass er damit den brasilianischen Nationalismus gezielt anspricht. Das hilft zwar nicht dem Klima, aber seiner Wiederwahl.

Auf diesem von der brasilianischen Einrichtung Sema zur Verfügung gestellten Bild überfliegt ein Löschflugzeug das brennende Pantanal. © Quelle: Christiano Antonucci/Sema/dpa

Europas Euphorie über den Biosprit

Hinzu kommt die irritierende Erfahrung der Brasilianer mit dem wechselnden europäischen Zeitgeist: Noch zu Beginn des Jahrhunderts war die Euphorie über Biosprit in Europa groß. Das war die Zeit, als der damalige deutsche grüne Umweltminister Jürgen Trittin den Biosprit noch als „Kraftstoff für unsere Zukunftsfähigkeit“ pries. Doch die vor allem in Europa, aber auch in Brasilien forcierte Umstellung auf – vermeintlich – umweltfreundlichere Kraftstoffe hatte für die Regenwälder am Amazonas gravierende Konsequenzen. Durch eine Ausdehnung des Anbaus von Zuckerrohr (für Ethanol) und Sojabohnen (für Biodiesel) wurden Rinderzüchter an den Rand des Regenwaldes verdrängt, wo sie bewaldete Flächen für die Viehhaltung abholzen.

Pater Michael Heinz vom Lateinamerikahilfswerk Adveniat sieht Europa deshalb in der Mitverantwortung und kritisiert das aktuelle Kaufverhalten: „Auch wir Europäer tragen dafür Verantwortung, dass sich die Zahl der Brände im Amazonasgebiet nach den Rekordwerten 2019 in diesem Jahr nochmals erhöht hat.“ Pater Heinz verweist darauf, dass das US-Wissenschaftsmagazin „Science“ in einer Studie klargestellt hat, dass ein Fünftel der Soja- und Rindfleischimporte der Europäischen Union aus Brasilien im Zusammenhang mit illegaler Abholzung im Amazonasgebiet und der Cerrado-Savanne stehe. „Das Ändern unseres eigenen Lebensstils ist genauso wichtig wie der politische Wandel“, ist der Adveniat-Chef überzeugt, der vor einem Jahr als Berater an der Amazonassynode von Papst Franziskus teilgenommen hatte. „Die Vertreter der indigenen Völker und unserer Partner vor Ort haben mich immer wieder eindringlich aufgefordert: ‚Setzt euch dafür ein, dass die ILO 169 von Deutschland ratifiziert wird!‘“ Die ILO 169 soll die Rechte indigener Völker stärken. Die Hoffnung dahinter: Wenn ein wirtschaftlich so mächtiger Player wie Deutschland die einzige internationale Bestimmung zum Schutz der indigenen Völker ratifiziert, steigt der Druck auf die lateinamerikanischen Staaten, die Bestimmungen auch einzuhalten. „Die Indigenen müssen mit ihrem Verhältnis zur Natur und ihrem Umgang mit der Schöpfung zu unseren Vorbildern werden“, sagt der Adveniat-Chef.

Europas Botschafter üben Druck aus

Inzwischen ist diese vor allem europäische Botschaft auch in Brasília angekommen. Ob sie auch verstanden werden wird und will, ist eine andere Frage. Europas Botschafter üben auf Vizepräsident Herman Mourao Druck aus. Der ehemalige General ist Chef einer Amazonaskommission, die das ganze Imagedesaster irgendwie abwenden soll. Zumindest nach außen wirkt und gibt sich Mourao höflicher, seriöser und verständnisvoller als sein überforderter Präsident.

Für einen „neuen“ Kurs wären ohnehin erst einmal personelle Änderungen im Kabinett notwendig. Dass ausgerechnet Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles in einer Kabinettssitzung vor wenigen Wochen dazu aufrief, das mediale Interesse an der Corona-Krise zu nutzen, um in deren Schatten Gesetze und Vorschriften zugunsten der Agrarindustrie mit ihrem nie enden wollenden Hunger nach Fläche und Pestiziden zu ändern, hat internationale Umweltschützer fassungslos gemacht. Und es offenbart das Umweltverständnis dieses Kabinetts. „Das war ein feiges Verhalten ohne jede Ethik und Respekt vor der Menschenwürde“, sagt Marina Silva. „Seine Erklärungen sind ein Attentat auf die Ethik, die Moral und die Verfassung, eigentlich auf alles, was man sich als wertvoll vorstellen kann.“ Bolsonaro ficht all das nicht an. Er erklärte, Salles sei ein außergewöhnlich guter Minister und bleibe im Amt.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht auch Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina. Sie gilt als die fleißigste und erfolgreichste Ministerin im Kabinett Bolsonaro – rein ökonomisch betrachtet. Doch auch ihr haftet der unappetitliche Ruf an, für den Erfolg ihrer Industrie über gefällte Bäume hinwegzusehen.

China kauft Rekordmengen ein

Europa steht indes vor der schwierigen Frage: auf das Abkommen und damit auch auf politische Einflussmöglichkeiten gänzlich zu verzichten? Oder das Feld komplett China überlassen, das gerade in Rekordmengen in Brasilien einkauft und keine unbequemen Fragen wie die Europäer stellt? Theoretisch wäre Brasilien bei einer Umsetzung des Abkommens verpflichtet, sich dem Klimaschutzabkommen von Paris zu beugen und Wälder zu schützen, statt sie abzuholzen. Doch Maria Laura Canineu, Brasilien-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, macht sich da wenig Hoffnung: „Präsident Bolsonaro verspottet nicht nur die Umweltverpflichtungen des Abkommens, er macht es auch zunehmend unrealistischer, dass es selbst künftigen brasilianischen Regierungen möglich sein wird, diese Bedingungen zu erfüllen.“

Das alles nährt Zweifel, dass Brasilien überhaupt einen Kurswechsel will. Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina gibt ausgewählten Medien Interviews, in denen sie erklärt, dass die Agrarindustrie wachsen könne, ohne dass ein weiterer Baum gefällt werden müsse. Der chinesischen Agentur Xinhua durfte sie jüngst unwidersprochen erklären, die Sojaexporte nach China würden dem Amazonas in keiner Weise schaden. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Marina Silva sagt: „Die Abholzung ist jetzt außer Kontrolle. Während im Rest der Welt versucht wird, die CO2-Emissionen zu reduzieren, steigen sie in Brasilien weiter an.“ Wie die Umsätze.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen