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Wahn und Gewalttaten: “Nur sehr wenige werden selbst zu Tätern”

  • Der Psychiater Thomas Stompe zieht Parallelen zwischen dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik und dem Täter von Hanau.
  • Der Bestsellerautor (“Vom Wahn zur Tat”) attestiert Tobias R. eine paranoide Schizophrenie und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
  • Schuldunfähig sei er deshalb aber nicht, sagt Stompe.
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Berlin. Herr Stompe, wie ist Ihr Eindruck vom psychischen Zustand des mutmaßlichen Attentäters von Hanau?

Der mutmaßliche Täter hatte offensichtlich eine psychische Störung, die in Richtung einer paranoiden Schizophrenie ging, wobei auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung im Raum stehen dürfte. Nach dem, was man über das sogenannte Manifest weiß, hat sich Tobias R. persönlich von Geheimdiensten bedroht und verfolgt gefühlt. Das deutet auf eine schwere psychotische Erkrankung hin.

Macht eine solche Erkrankung an sich schon schuldunfähig?

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Nein, das ist ein komplizierter Abwägungsprozess. Bei einer Persönlichkeitsstörung stellt sich die Frage der Schuldfähigkeit in den meisten Fällen nicht, bei einer Schizophrenie schon. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sind für gewöhnlich schuldfähig, während man bei einer Schizophrenie davon ausgeht, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, die mit einer Schuldunfähigkeit einhergeht.

Der norwegische Rechtsextremist und Attentäter Anders Breivik wurde trotz einer Persönlichkeitsstörung und einer psychisch relevanten Erkrankung für voll schuldfähig erklärt.

Der Fall Breivik ist durchaus mit dem von Tobias R. vergleichbar. Ich rechne auch im Fall Hanau mit einem langen Abwägungsprozess und einander widersprechenden Gutachten.

Wann wird Wahn zum Terror?

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Das Problem ist, dass psychisch Kranke immer wieder auch Inhalte aufgreifen, die gesellschaftlich relevant sind. Wenn sich jemand verfolgt fühlt, greift er Themen auf, die medial präsent sind, wie zum Beispiel die Angst vor Ausländern, die Xenophobie. Er baut seinen Verfolgungswahn auf dieser kulturellen Matrix auf, für die eigentlich andere verantwortlich sind.

Auf welcher kollektiven Matrix basierte der Verfolgungswahn von Tobias R.?

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Rechtsextreme Ideologien spielen eine entscheidende Rolle. Diese bereitliegende kulturelle Matrix wird von einem offenbar psychisch schwer kranken Menschen aufgegriffen und mit seiner persönlichen biographischen Problematik verwoben. So hat zum Beispiel der mutmaßliche Attentäter von Hanau wie häufig bei den sogenannten Incels – also unfreiwillig zölibatär lebenden Männern – Ausländer und Fremde für übermächtig potent gehalten und daraus seine eigene Erfolglosigkeit bei Frauen erklärt. Daraus wiederum resultierte ein Teil seines Hasses auf Fremde.

Wie groß ist der Schritt vom Wahn zur Tat?

Bestimmte Wahninhalte erhöhen die Wahrscheinlichkeit für ein Gewaltdelikt, wenn sich der Betroffene von dem vermeintlichen Verfolger schwer bedroht oder beeinträchtigt fühlt und wenn sich zusätzlich auf dieser erlebten Bedrohung eine hohe Aggressionsspannung mit dem Bedürfnis, den Gegner ausschalten zu müssen, aufbaut. Häufig haben diese Kranken die Überzeugung, eigentlich in einem Akt von Notwehr zu handeln oder ein Zeichen setzen zu müssen. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit eines Gewaltdelikts im Vergleich zur Allgemeinheit zwar erhöht, die Gefahr, Opfer zu werden, ist trotzdem sehr gering. Die meisten Kranken mit einem vergleichbaren Wahn sperren sich zu Hause ein und meiden die Öffentlichkeit, manche bringen sich um aus Angst vor den Verfolgern, nur sehr wenige werden selbst zu Tätern.

Welche Verbindungen gibt es zwischen psychisch kranken Einzeltätern und ausländerfeindlichen Ideologien?

Bedenklich ist, dass gewisse Ideen innerhalb der Gesellschaft, die seit der NS-Diktatur über Jahrzehnte mehrheitlich geächtet waren, wieder hoffähig geworden sind, nicht zuletzt durch Parteien und Gruppierungen wie die AfD, die im Internet sehr aktiv und im öffentlich-politischen Leben präsent sind. Die AfD ist damit mitverantwortlich dafür, dass psychisch Kranke rassistisches Gedankengut vermehrt aufgreifen.

Die völkischen Theorien gehen von einer sogenannten Umvolkung, von einem großen Austausch der Bevölkerung aus. Handelt es sich beim Rassenwahn um ein pathologisches Phänomen?

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Der einzelne psychotische Mensch kann Angst entwickeln, weil ihn jemand zum Beispiel komisch anschaut. Er gibt einem realen Ereignis eine abnorme Bedeutsamkeit, die er auf sich bezieht, und das ist pathologisch. Bei dem angesprochenen kollektiven Wahn verhält es sich anders. Da geht es um Menschen, die sich durch die Globalisierung oder ähnliche Faktoren in ihrer gesellschaftlichen Position gefährdet fühlen und versuchen, Schuldige – zumeist Angehörige von Minderheiten – auszumachen.

Vertreter der AfD behaupten, der Attentäter von Hanau sei in erster Linie psychisch krank gewesen.

Diese Ansicht kann ich nicht teilen. Es handelt sich zwar um einen psychisch Kranken. Diese Person hat aber das aufgegriffen, was gesellschaftlich bereitlag. Den Nährboden für Ausländerhass und rechtsextreme Ideologien haben die AfD und andere Gruppierungen bereitet.

Wie viel Wahn steckt in Attentätern – unabhängig von ihrem politischen, kulturellen oder pathologischen Hintergrund?

Es ist immer eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Bei Islamisten steckt auch das Versprechen dahinter, dass man als Märtyrer in den Himmel kommt. Es ist aber immer ein individuelles Entgegenkommen notwendig. Ohne eine innere Bereitschaft, ohne individuellen Wahn, bringt niemand sich selbst oder andere um. Da unterscheidet sich der Islamist nicht vom Rechtsextremisten.

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