Wahlkampf in Pennsylvania: Wo Trump als Arbeiterführer gilt

  • Der Niedergang ist in der Industriestadt Erie allgegenwärtig.
  • Im Gegensatz zu den US-Demokraten traf Donald Trump 2016 hier einen Nerv bei den Arbeitern.
  • Obwohl seither nichts besser geworden ist, hat Trump gute Chancen auf eine Wiederwahl in dem womöglich wahlentscheidenden Bezirk.
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Erie. Die Umfragen, die Joe Biden vor Donald Trump sehen? „Manipuliert“, sagt Matthew Felion, „alles Propaganda“. Er sehe doch die glühende Begeisterung der Leute hier im Landkreis Erie, ganz im Nordwesten Pennsylvanias, für ihren Präsidenten, so Felion.

Schon wieder fährt draußen einer hupend vorbei und kommt damit der Aufforderung auf dem Schild nach, das Felion vor seinem Laden platziert hat: „Honk for Trump“, steht da. Hupt für Trump. Es ist ein lauter Vormittag im Städtchen Union City.

Matthew Felion betreibt einen Trump-Fanshop. Er gibt Schilder, Sticker und T-Shirts gegen eine kleine Spende aus. Ein wohlhabender Freund habe die Trump-Devotionalien angeschafft; mit der offiziellen Trump-Kampagne haben sie nichts zu tun. „Wir sind eine Bewegung“, sagt Felion, einst Ingenieur in der Lokomotivsparte von General Electric, früher mal großer Arbeitgeber hier in der Region. Der Rentner wähnt sich im Kampf gegen eine korrupte Elite in Politik, Wirtschaft und Medien. Er wähnt sich auf Erfolgskurs.

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„Trump wird die Wahl gewinnen“, sagt Felion. Und wenn nicht? „Dann ist es Betrug.“

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Wie eine Kulisse aus einem Charles-Dickens-Film

Die Stadt Erie und ihr ländliches Hinterland waren einst ein industrielles Kraftzentrum – und eine Bastion von Gewerkschaftern und US-Demokraten. Inzwischen aber ist Erie von Deindustrialisierung, Abwanderung und Armut gezeichnet. 2016 stimmten die meisten hier für Trump. Ihre gerade einmal 21.000 Stimmen trugen maßgeblich dazu bei, dass die Republikaner mit dem knappen Vorsprung von 44.000 Stimmen Pennsylvania gewannen und die ausschlaggebenden 20 Wahlmännerstimmen des Bundesstaats an Trump gingen.

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Ausgerechnet Erie, die Arbeiterstadt, ebnete dem Milliardär den Weg ins Weiße Haus.

Trump hofft auf eine Wiederholung. Erst vor wenigen Tagen besuchte der Präsident die Stadt und sprach vor einer Menschenmenge. „Ich liebe Erie“, so Trump. „Ihr seid Arbeiter, ihr seid wie ich. Wir arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ Kurz zuvor war Biden hier. „Ihr gebt euer Bestes, aber es scheint nie genug zu sein“, sagte er vor kleinem Publikum. „Ihr wollt keine Almosen. Ihr wollt eine faire Chance“, so Biden. Die Menschen hier sind es gewohnt, dass ihr Arbeiterstolz gepriesen wird. So als lebte der Stolz auch dann noch fort, wenn die Arbeit längst weg ist.

Die keine 100.000 Einwohner mehr zählende Stadt am Eriesee gleicht vielerorts der Kulisse eines Charles-Dickens-Dramas. Gewaltige Backsteinbauten säumen das Straßennetz, rußige Schlote ragen auf in den wolkenverhangenen Himmel. Die 12. Straße war einst die Hauptschlagader Eries. Dicht an dicht drängen sich hier massive Werkshallen, in denen einst Stahl verarbeitet wurde – zunächst für die Zug-, dann auch für die Autoproduktion.

In einigen Bauten werkeln heute Automechaniker, auch eine Brauerei hat sich hier niedergelassen. Doch die meisten Gebäude stehen leer. Blinde Scheiben, vernagelte Türen. Rostige, bröckelnde Substanz.

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Alles auf Pennsylvania: Halten die Arbeiter Trump die Treue?
3:37 min
US-Präsident Trump und sein Herausforderer Biden sind auf die Stimmen Pennsylvanias angewiesen.

„Trump hat geliefert“

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In einer schmalen, tiefen Halle arbeitet das „Trump Victory Center“ am Sieg des Präsidenten, die örtliche Wahlkampfzentrale der Republikaner. Zwei ältere Damen und eine junge Frau befüllen die Auslage mit Schildern, Aufklebern und Ansteckern, ein älterer Herr blättert durch Wählerverzeichnisse. Mit der Presse reden will niemand. „Dürfen wir nicht“, sagt die junge Frau und verweist an die lokale Parteiführung, die jedoch Mails seit Tagen unbeantwortet lässt. Ein hagerer, schweigsamer Mann deckt sich derweil mit Trump-Schildern und Sticker ein.

Draußen auf dem Parkplatz sucht er das Gespräch. Er möchte reden, wenn auch nicht mit Nennung seines vollständigen Namens. Seine neue Chefin sei Demokratin, er arbeite jetzt in der öffentlichen Verwaltung. Wer weiß, was ihm da drohe, wenn er offen spricht, sagt Bill.

Zweimal stimmte er für Barack Obama. Dann, 2016, für Trump. „Damit sich endlich etwas ändert“, sagt Bill. Auch er arbeitete lange im Lokomotivwerk. Doch dank des US-kanadisch-mexikanischen Handelsabkommens Nafta sei sein Job nach Mexiko verlagert worden. „Ein guter, gut bezahlter Industriejob“, sagt Bill. „Trump hat das Abkommen neu verhandelt – er hat geliefert“, so sieht er das.

Dass der Präsident das Virus nicht in den Griff bekommt, nimmt Bill ihm nicht übel. „Er ist kein Politiker, er ist Geschäftsmann – klar will er die Wirtschaft am Laufen halten.“ Bill verstaut die Trump-Artikel schnell ins Auto, es fängt an zu regnen, doch er will weiterreden.

Die Demokraten bemühen sich wieder um die Arbeiter

Bill spricht von der Notwendigkeit der Mauer zu Mexiko, schwärmt von Trumps klarer, unverstellter Sprache und seiner erfolgreichen Außenpolitik. „Trump hat keinen Krieg angefangen“, sagt Bill. Er jedenfalls werde am Dienstag für Trump stimmen – persönlich. Keine Briefwahl? „Wer trotz Corona in den Supermarkt und in die Kirche geht, wird doch wohl auch ins Wahllokal können“, sagt Bill.

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Vielleicht wäre der Obama-Wähler Bill 2016 nicht ins Trump-Lager gewechselt, wenn die US-Demokraten die Stimmen der Arbeiterschaft nicht seit den Achtzigern für selbstverständlich gehalten hätten. Wenn sie sich ein bisschen mehr um ihre Basis gekümmert hätten in einer Zeit, in der deren Existenzgrundlage wegbricht. Lange Jahre fand kein US-Demokrat von Rang und Namen nach Erie, auch Hillary Clinton nicht. Ein Fehler, wie Wahlstrategen der Partei heute einräumen. Jim Wertz, der junge neue Vorsitzende der Demokratien in Erie, ist fest entschlossen, den Draht zu den Arbeitern wiederherzustellen.

„Wir haben das Gespräch zu Leuten gesucht, die wir früher nicht ansprachen“, sagt Wertz. Da wachse jetzt wieder etwas zusammen, man baue Vertrauen auf. Wertz und seine Mitstreiter haben dazu Volksfeste tief im Hinterland von Erie besucht. Sie haben dort drei Geschäftsstellen eröffnet. Eine von ihnen befindet sich in Union City, Tür an Tür mit dem Trump-Fanshop von Matthew Felion.

Hinter der mit Fahnen und Plakaten verhängten Frontscheibe wartet ein Wahlkampfhelfer der Demokraten auf Besucher. Viel ist nicht los an diesem Mittag. Ob er den Umfragen traue, die Biden vorne sehen? „Wir können nur beten“, sagt der ältere Herr und stockt. Draußen hupt wieder einer für Trump.

“Staat, Sex, Amen”
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