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Führende Partei will Referendum durchführen

Vor Wahlen in Nordirland: Befürworter der Wiedervereinigung im Aufwind

Großbritannien, Belfast: Wahlplakate hängen einer Straße entlang vor der Parlamentswahl (Symbolfoto)

Belfast. Rot-Weiß-Blau oder Grün-Weiß-Orange: In Belfast und darüber hinaus sind diese Flaggen Teil des Stadtbildes wie der Pub an der Ecke. Ob sich die Einwohner Nordirlands als stolze Briten fühlen oder sich nach einem „United Ireland“ („Vereinigtes Irland“) sehnen, ist je nach Viertel unschwer zu erkennen. Die Frage, ob die britische Provinz Nordirland sich mit der Republik Irland wiedervereinigen sollte oder nicht, spaltet die Bevölkerung seit mehr als einem Jahrhundert und hat in einem blutigen Bürgerkrieg Tausende Leben gekostet. Doch nun könnte neue Bewegung in die Sache kommen - denn Nordirland wählt an diesem Donnerstag ein neues Parlament.

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2020 sind in Nordirland einem aktuellen Bericht der „Irish Times“ zufolge erstmals innerhalb eines Jahres mehr irische als britische Pässe beantragt worden. In den Umfragen vor der Wahl führt Sinn Fein - also jene Partei, die sowohl in Nordirland als auch in Irland aktiv ist. „Wir glauben an die irische Einheit. Aber es wird die Öffentlichkeit sein, die in dieser Frage eines Tages das Sagen hat“, sagt Spitzenkandidatin Michelle O‘Neill kurz vor der Wahl. Ihre Partei will ein Datum für ein Referendum - eine sogenannte „Border Poll“ - in den kommenden Jahren ansetzen, so steht es im Wahlprogramm. Eine Aussicht, die manche ängstigt und andere strahlen lässt.

Die Entspannten

Jim Donnelly hat früher für seine Ideale zu Waffen gegriffen und versucht heute in Belfast, Jugendliche mit Sportangeboten genau davon abzuhalten. „Das ist die entspannteste Wahl seit langem“, meint er. Lieber gestern als heute würde er für ein vereinigtes Irland stimmen. Die Queen und Prinz Charles seien auch keine besseren Menschen als die Einwohner von Belfast, dafür seien ihm seine Steuern zu schade.

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„Der Wandel wird kommen, egal was passiert“, ist auch Jimmy Toye aus der Stadt Londonderry überzeugt. Er selbst nennt - wie unter Katholiken üblich - seine Stadt nur Derry. Der 69-Jährige hat die blutigen Auseinandersetzungen der „Troubles“ hautnah miterlebt. Nun ist er optimistisch, dass sich die Dinge endlich nach seinen Wünschen entwickeln. Eine Passantin in Derry, Natasha Howlett, bringt die Vorstellung eines vereinigten Irlands sogar zum Strahlen. „Ich bin total bereit dafür, ich würde es lieben“, sagt sie im Vorbeigehen.

Der frustrierte Unternehmer

Robin Mersher teilt diesen Enthusiasmus nicht. „Ich will Teil des Vereinigten Königreichs bleiben“, sagt der Unternehmer, der am Rande Belfasts ein Gartencenter betreibt. Aktuell hat er jedoch andere Sorgen. „Die letzten zwei Jahre waren härter denn je“, sagt er zwischen Rosen und Rankpflanzen. Neue Einfuhrbeschränkungen und teure Brexit-Zertifikate machen Mersher das Wirtschaften schwer. „Die Regeln und Regulierungen müssen weg.“ Niemand brauche all den Papierkram, der aktuell gefordert werde. Er unterstützt die Democratic Unionist Party (DUP), die das Nordirland-Protokoll, das all diese Regeln vorgibt, abschaffen will. Dabei handelt es sich allerdings um ein internationales Abkommen, das die britische Regierung im Brexit-Prozess selbst unterschrieben hat.

Der Resignierte

Auch Stephen Gough ist überzeugter Loyalist, wie die Anhänger der Union mit Großbritannien genannt werden - und ebenfalls klarer Gegner des Nordirland-Protokolls. Allerdings gibt er auch zu: „Wenn man mich zu dem Protokoll befragen würde, wüsste ich vermutlich nicht wahnsinnig viel darüber.“ Sein Vertrauen in die Politik habe er über die Jahre verloren, erzählt der Rentner, der ein kleines Café betreibt. Er hat kein Verständnis dafür, dass die DUP im Februar die Einheitsregierung hat platzen lassen und räumt sogar ein, dass die Sinn-Fein-Kandidatin O'Neill zuletzt die bessere Co-Regierungschefin gewesen sei. Für ihr Ziel der Wiedervereinigung hat er trotzdem nichts übrig. „Das Gras ist auf der anderen Seite immer grüner. Aber es ist nicht immer so grün, wie man denkt.“

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Die junge Progressive

Die Alliance Party - laut aktuellen Umfragen auf Platz drei - grenzt sich bewusst von den zwei Lagern ab. An einem sonnigen Abend Ende April zieht die Kandidatin Sorcha Eastwood mit einigen Wahlhelfern durch eine Siedlung in ihrem Wahlkreis Lagan Valley, einen Packen Flyer unter dem Arm. „Wir sind eine Cross-Community-Partei, die für die Zukunft arbeitet“, erzählt die 36-Jährige an einer Haustür. Die alten Grabenkämpfe sollen aus Sicht ihrer Partei der Vergangenheit angehören. Ihr Wahlkreis war einst eine Hochburg der Loyalisten, nun könnte ihre Partei der DUP gefährlich werden. Von der Debatte über ein Referendum hält Eastwood wenig. „Es wird benutzt, um den Menschen hier Angst zu machen.“

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Die Iren auf der anderen Seite

Im irischen Letterkenny, rund 25 Kilometer von der nordirischen Grenze entfernt, sieht man einem vereinigten Irland positiv-gelassen entgegen - auch wenn die Kosten steigen könnten. „Das wird passieren, zu 100 Prozent“, ist sich Marc Ceiran Bonner sicher, der vor einem Pub in der Kleinstadt ein wenig frische Luft schnappt.

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Es ist kaum spürbar, dass man auf der Fahrt aus Londonderry hierher eine Grenze überquert, sogar eine EU-Außengrenze. Nur die Verkehrsschilder, die auf einmal Kilometer statt Meilen angeben, verraten es. Dass es hier keine Grenzposten gibt, ist Prinzip des mühsam ausgehandelten Friedensvertrags, mit dem der blutige Bürgerkrieg 1998 beendet wurde. Spricht man in Letterkenny über Nordirland, fällt kaum auf, dass dabei von einem anderen Staat die Rede ist. „Wir nennen es „den Norden““, sagt Bonner.

RND/dpa

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