Wahl in Sachsen-Anhalt: Warum die Umfragen so danebenlagen

  • In den Wahlumfragen sah alles nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU und AfD in Sachsen-Anhalt aus.
  • Doch der erwartete Showdown zwischen CDU und AfD blieb am Wahlsonntag aus.
  • Wie kann es sein, dass die Demoskopen so sehr danebenlagen?
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Keine einzige Umfrage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt sah die CDU bei über 30 Prozent. Im Gegenteil: In den vergangen zwei Wochen sahen Wahlforscher die Partei von Ministerpräsident Reiner Haseloff zum Teil deutlich unter der 30-Prozent-Marke und nahezu gleichauf mit der AfD. Im letzten INSA-Stimmungsbild in Sachen-Anhalt zwei Tage vor der Wahl kam die CDU auf 27 Prozent, dicht gefolgt von der AfD mit 26 Prozent. Von den tatsächlichen Wahlergebnissen (CDU: 37,1 Prozent, AfD: 20,8 Prozent) waren die Umfragen weit entfernt.

Auffällig dabei ist: Diesmal haben die Demoskopen der AfD mehr zugetraut und die Partei im Vergleich zum Wahlergebnis sogar überschätzt. Bei den vergangenen Landtagswahlen in anderen Bundesländern hatten Wahlforscher in den Umfragen die AfD in der Regel immer unterschätzt und ihr weniger Stimmenanteile vorhergesagt. Eine RND-Analyse zeigt, dass die Meinungsforscher bei keiner Partei so häufig danebenlagen wie bei der AfD. Besonders auffällig ist dies bei Wahlen in Ostdeutschland.

Wahl in Sachsen-Anhalt: Ministerpräsident gewinnt

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In den Umfragen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt trennten CDU und AfD nur wenige Prozentpunkte. Das Wahlergebnis fiel dann jedoch ganz anders aus. Warum lagen die Demoskopen so weit daneben? Der Geschäftsführer von Infratest Dimap, Michael Kunert, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „In Sachsen-Anhalt hat sich offenbar eine Entwicklung wie im Herbst 2019 in Brandenburg, Thüringen und Sachsen wiederholt: Bei allen diesen Wahlen hat sich ein erheblicher Teil der Wählerschaft auf den letzten Metern hinter dem Ministerpräsidenten beziehungsweise seiner Partei versammelt“. Außerdem könnte die Berichterstattung von einem Kopf-an-Kopf-Rennen „dazu beigetragen haben, dass sich der Trend zugunsten der CDU auf der Zielgerade noch einmal verstärkt hat“, so Kunert gegenüber dem RND.

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INSA-Chef: Fans anderer Parteien haben sich hinter Haseloff gestellt

„Umfrageergebnisse können auch Wahlabsichten verändern“, erklärt Geschäftsführer Hermann Binkert vom Meinungsforschungsinstitut INSA gegenüber dem RND. Die Wahl in Sachsen-Anhalt lief auf die Frage hinaus, ob entweder die CDU oder die AfD stärkste Kraft wird. Eine solche Entweder-oder-Situation habe Folgen auf das Wahlverhalten: „Wie beim Fußball stellen sich die Fans anderer Mannschaften hinter eines der beiden Teams, die um den Sieg spielen“, meint Binkert. Übertragen auf die Wahl in Sachsen-Anhalt heißt das: Vor allem die CDU habe Fans von Grünen, SPD, FDP und Linke für sich gewinnen können, so das Fazit des INSA-Geschäftsführers. „Es war ein Votum für den populären Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und die CDU als stärkste Kraft“.

Demnach könnte das knappe Kopf-an-Kopf-Rennen in den Umfragen so manchen Stammwähler einer anderen Partei dazu veranlasst haben, sein Kreuz bei der CDU zu setzen. Einen solchen Einfluss der Umfragen sieht INSA-Chef Binkert aber positiv: „Das Ergebnis entsprach wahrscheinlich eher den Wünschen der Wähler, als wenn sie die politische Stimmung nicht gekannt hätten und bei ihrer ursprünglichen Wahlabsicht geblieben wären“.

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AfD in Umfragen erst unterschätzt – jetzt überschätzt

Dass ausgerechnet die AfD häufiger unterschätzt und bei dieser Wahl überschätzt wurde, sei „keine parteipolitische Schieflage“, so Infratest-Dimap-Geschäftsführer Kunert. Es werde „mal die eine Partei überschätzt und mal eine andere Partei“.

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Eine weitere Erklärung für die deutlichen Unterschiede zwischen den Umfragen und dem Wahlergebnis könnte im Fall der AfD die sogenannte „soziale Erwünschtheit“ sein. Zu diesem Schluss kommen die Sozialforscher Knut Bergmann und Matthias Diermeier in einer Studie für das Institut der deutschen Wirtschaft. Befragte verweigern sich demnach den Umfragen oder antworten absichtlich unwahr, weil ihnen bewusst ist, mit ihren Angaben sonst gegen soziale Normen zu verstoßen. „Viele AfD-Anhänger lehnen es ab, mit uns zu sprechen. Aus Erfahrungswerten vergangener Wahlen korrigieren wir das Ergebnis daher im Rahmen einer Dunkelziffer nach oben“, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Genau das Gegenteil sei bei Grünen-Anhängern der Fall: „Dort gibt es eine geradezu überschwängliche Bereitschaft, fast eine Begeisterung, an Umfragen teilzunehmen. Das korrigieren wir mit einer negativen Dunkelziffer.“

Welche Partei-Anhänger gehen wirklich wählen?

Ob die soziale Erwünschtheit auch bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ein Hemmfaktor war, ist fraglich. Denn Michael Kunert von Infratest Dimap berichtet von anderen Erfahrungen: „AfD-Anhänger haben in der Regel keine Scheu, Ihre Haltung in unseren Befragungen auch zum Ausdruck zu bringen“. Allerdings werde nicht nur abgefragt, welche Partei man bevorzuge, sondern auch, ob man an der Wahl teilnehme. „Hier gibt es aus sozialer Erwünschtheit ein deutliches Overreporting“, bestätigt Kunert. Viele Menschen geben also an, zur Wahl gehen zu wollen, weil sie davon ausgehen, dass diese Antwort gesellschaftlich gewünscht ist. Viele gehen am Wahltag aber doch nicht zur Urne. Die Frage der Mobilisierung der jeweiligen Parteianhänger spiele daher eine entscheidende Rolle für den Wahlausgang, sagt Kunert dem RND.

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