Wahl entschieden – das Rennen ums Kanzleramt weit offen

  • Die SPD ist im Bund stärkste Partei geworden.
  • Ob Olaf Scholz aber die nächste Regierung anführen wird, ist alles andere als klar.
  • Alles, was Sie zum Start der Nach-Wahl-Woche wissen sollten.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

was für ein Wahlabend. Die Union stürzt auf ihren historischen Tiefstwert, die lange totgesagte SPD kommt wieder nach oben und die beiden langjährigen Koalitionspartner landen bei der Prognose um 18 Uhr auf Augenhöhe – auf einem für Volksparteien niedrigen Niveau von jeweils einem Viertel der Wähler.

Aber je mehr Stimmen ausgezählt werden, desto größer wird der – kleine – Unterschied für die Partei von Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Dennoch ist nicht sicher, ob der bisherige Vizekanzler nun Bundeskanzler werden wird. Denn die einzige Chance, die sein Konkurrent Unionskanzlerkandidat Armin Laschet hat, politisch am Leben zu bleiben, ist sein Griff nach der Macht auch als Zweitplatzierter.

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Es ist ein Politkrimi. Die Wählerinnen und Wähler haben ganze Arbeit geleistet. Man kann die Veranstaltung im Konrad-Adenauer-Haus vom Sonntagabend nicht Party nennen. Aber sie heißt nun mal Wahlparty. Zum Feiern war allerdings niemandem zumute. Als Angela Merkel vor vier Jahren das bis dahin schlechteste Wahlergebnis seit 1949 eingefahren hatte, hatte sie für die Union dennoch die Macht gesichert. Die Stimmung war 2017 deshalb nicht ausgelassen, aber man war zufrieden. Hauptsache, regieren.

Diese Devise verfolgt Laschet nun auch. Er spricht von einer „Ausnahme­situation“ und meint damit, dass es wahrscheinlich erstmals seit 60 Jahren ein Bündnis von drei Partnern im Bund geben werde. Eine Ausnahmesituation ist aber auch, wenn der Wahlverlierer die Regierung anführen will.

Video
„Ein Dilemma, das sich schwer auflösen lässt“: Erste Analyse zum knappen Wahlausgang
5:14 min
Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Wahlsieg bei der Bundestagswahl zwischen SPD und Union. Was das nun bedeutet, analysiert Eva Quadbeck im Video.  © RND

FDP-Chef Christian Lindner hat in der „Elefantenrunde“ mit den Parteivorsitzenden bei ARD und ZDF einen klugen Schachzug gemacht: Erst mal müssten sich Grüne und Liberale verständigen, wie das mit einer gemeinsamen Koalition gehen könnte – und dann mit SPD oder Union sprechen. Annalena Baerbock, der die Enttäuschung anzumerken war, dass sie aus der ersten Kanzlerkandidatur für ihre Partei nur den dritten Platz gemacht hat, wirkte durchaus überrascht.

+++ Zahlen, Daten, Grafiken: die Ergebnisse im Überblick +++

Wenn sich Grüne und FDP nun verbünden, können sie die Geschicke des Landes bestimmen und es kann ihnen egal sein, wer unter ihnen Kanzler ist, schreibt unsere stellvertretende Chefredakteurin und Hauptstadt­büroleiterin Eva Quadbeck in ihrem Leitartikel. Damit könnte auch eine tiefe Wunde der FDP heilen, die 2017 die Jamaika-Koalitions­verhandlungen hingeworfen hat, weil Union und Grüne zu wenig Rücksicht auf die Liberalen genommen hätten. Das will Lindner nicht noch einmal erleben.

Die Sozialdemokraten liegen dem so lange geschmähten Olaf Scholz – den sie nicht zum Parteichef machen wollten – derweil zu Füßen, wie meine Kollegen Andreas Niesmann und Tobias Peter beschreiben. Erfolg meldet die SPD auch von den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In der Hauptstadt liegt Ex-Bundesfamilien­ministerin Franziska Giffey laut vorläufigem Ergebnis vorn. Eine Zitterpartie, die meine Kollegin Alisha Mendgen beobachtet hat.

Wie lange wird Angela Merkel noch im Amt bleiben? © Quelle: Getty Images

Im Bund wird ab heute über Merkels Erbe verhandelt. Ihre 16 Jahre Kanzlerinschaft neigen sich dem Ende zu. Es wird so oder so eine Zäsur sein. Auch für die Union. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff mahnte in der ARD-Sendung „Anne Will“, in der ich zu Gast sein durfte, einen Moment innezuhalten. Haseloff hatte sich für CSU-Chef Markus Söder statt Laschet als Kanzlerkandidaten ausgesprochen. Im Osten, wo die AfD stark punkten konnte, hätte er mehr Stimmen für die Union geholt als Laschet, sind sich die Söder-Unterstützer in der CDU sicher.

Wenn Laschet nicht Kanzler wird, dürfte seine Politkarriere beendet sein. Für den Unions­fraktionsvorsitz im Bundestag will er an diesem Dienstag offenbar nicht kandidieren. Wenn die Union aber in die Opposition muss, könnte der Fraktions­vorsitzende auch die Partei führen wollen. Laschet wäre es dann nicht.

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihre Kristina Dunz

Die wichtigsten Analysen auf einen Blick

Der Leitartikel von Eva Quadbeck: Der Poker um die Macht hat begonnen

Olaf Scholz: Wird der SPD-Retter auch Kanzler?

Die Union historisch schlecht: Laschets Ausnahmesituation

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„In der Haut von Laschet möchte man heute nicht stecken“: CDU-Chef nach Wahl unter Druck
6:11 min
Wer wird Kanzler? Olaf Scholz liegt vorn, Armin Laschet ist trotzdem noch im Rennen: RND-Hauptstadt­korrespondent Andreas Niesmann mit der Wahlanalyse im Video.  © RND

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­Blumensträuße und Beratungen: Wie es heute weitergeht

Der Montag wird ganz im Zeichen der Parteien und ihrer Beratungen stehen. Vor allem bei SPD und Union steht ein Sitzungsmarathon bevor, der jeweils um 9 Uhr beginnen wird. Für 11 Uhr plant die SPD, vor die Hauptstadtpresse zu treten. Für 13.30 Uhr ist eine Pressekonferenz mit Armin Laschet angesetzt.

Die Grünen wollen sich gegen 14.15 Uhr zu den Ergebnissen äußeren – Annalena Baerbock und Robert Habeck sollen dann vor die Journalisten treten.

Für 11.30 Uhr hat die FDP ein Statement angekündigt.

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