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Vorurteile und fehlende Diversität in der Bundespolitik: „Manche sehen in uns nur Migranten“

  • Der schwarze SPD-Politiker Karamba Diaby wurde 2013 in den Deutschen Bundestag gewählt.
  • In diesem Jahr treten mehrere afrodeutsche Kandidatinnen und Kandidaten zur Bundestagswahl an. Awet Tesfaiesus (Grüne) ist eine von ihnen.
  • Wir haben beide zusammengebracht für ein Gespräch über Identität, Diversität in der Politik – und das Gefühl, manchmal nur für die Hautfarbe gesehen zu werden.
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Es galt als Novum, als der schwarze SPD-Politiker Karamba Diaby aus Halle an der Saale 2013 in den Deutschen Bundestag gewählt wurde. 2021 will Awet Tesfaiesus, Kandidaten der Grünen in Kassel und auf Landeslistenplatz neun, es ihm gleichtun. Ein Gespräch über fehlende Diversität im Deutschen Bundestag, Definition von Identität – und Vorurteile in der Politik.

Herr Diaby, Frau Tesfaiesus, Sie leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Wie schauen Sie auf Ihre Geburtsorte Marsassoum im Senegal und Asmara in Eritrea?

Diaby: Ich bin als Waisenkind in Marsassoum aufgewachsen. Meine Schwester, die 17 Jahre älter ist, hat mich mit ihrem Mann großgezogen. Ich habe dort eine große interfamiliäre Solidarität genossen. Deswegen verbindet mich mit dieser Zeit und mit meiner Schwester eine große Dankbarkeit.

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Tesfaiesus: Ich bin bereits als Kind nach Deutschland gezogen, daher ist meine Bindung nach Asmara nicht so groß. Ich habe viele Verwandte, die überall in der Welt verstreut sind. Mein enger Familienkreis ist größtenteils im Ausland. Dennoch hat mich die Kultur mitgeprägt und ist Teil meiner Identität.

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Aus den USA kennt man den Begriff der Bindestrich­identität. Fühlen Sie eine solche?

Diaby: Ich bin männlich, habe einen senegalesischen Migrations­hintergrund, bin Natur­wissenschaftler, Familienvater, Sozialdemokrat und ein Liebhaber des deutschen Klein- und Schreber­garten­wesens. Das alles ist Teil meiner Identität. Ich will nicht auf eines der genannten Merkmale reduziert werden. Ich bin quasi deutsch plus. Alles, was ich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erlebt habe, prägt mich kulturell. Was davor war, ist aber auch Teil meiner Identität.

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Tesfaiesus: Das sehe ich genauso. Was uns als Bindestrich­identitäten prägt, ist, dass wir in verschiedenen Facetten denken. Natürlich prägt mich meine eritreische Kultur: Es ist die Sicht auf die Welt, die ich zuerst gelernt habe. Das Deutsche kam erst später hinzu. Genauso stark gehört zu mir, dass ich Migrantin bin. Diese Migrations­erfahrung verbindet mich mit vielen anderen Menschen. Zu mir gehört aber auch, dass ich aus Mannheim komme und nun schon lange in Kassel lebe.

Diaby: Da möchte ich gern ergänzen, dass ich einen Bindestrich vergessen habe. Ich fühle mich natürlich als Ostdeutscher – ich bin waschechter Ossi. Das Schicksal, dass ich erlebt habe, teile ich mit vielen Ostdeutschen: die gebrochenen Biografien und dass wir immer wieder neu anfangen mussten.

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Tesfaiesus: Die Stadt, in der man lebt, ist wichtig für die eigene Identität. Ich wohne fast schon 20 Jahre in und um Kassel. Was Kassel geprägt hat, prägt auch mich.

Karamba Diaby (SPD) und Awet Tesfaiesus (Grüne) im Videogespräch mit RND-Autorin Alisha Mendgen. © Quelle: screenshot

Herr Diaby, Sie betonten gerade, dass Sie ein „waschechter Ossi“ sind. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie beweisen müssen, als Schwarzer auch Ostdeutscher sein zu können?

Diaby: Mir begegnen oft Überraschung, Bewunderung und Unverständnis, dass ich als Schwarzer in Halle an der Saale lebe. Aber lassen Sie mich ausholen: Meine erste Kandidatur im Jahr 2013 wurde mit einem riesigen Presserummel begleitet. Mehr als 100 Journalist:innen sind aus aller Welt gekommen, von Al Jazeera bis „Superillu“. Auslöser war ein „Spiegel“-Artikel mit dem Titel „Experiment: Ein Schwarzer kandidiert in der Hochburg der Nazis“. Nach dem Motto: Was ist das für ein Mensch, der sich als Schwarzer traut, in Halle zu kandidieren. Ich hatte das Gefühl, dass sie das Bild eines kräftigen, schwarzen Sumoringers im Kopf hatten, der sich jeden Tag mit Nazis prügelt, wieder aufsteht und ein Held ist. Bis heute muss ich immer wieder begründen, dass Halle meine Heimat ist.

Tesfaiesus: Das erlebe ich so nicht, ich kandidiere aber auch in einer anderen Zeit. Besonders Black Lives Matter hat für eine stärkere Sensibilisierung in der Gesellschaft gesorgt. Ich kriege häufig gespiegelt, dass es toll ist, dass ich für den Bundestag antrete. Aber wenn ich wichtige Themen platzieren möchte, Diversität und Vielfalt zum Beispiel, muss ich das begründen. Da höre ich dann: „Gibt es nicht eigentlich Wichtigeres?“

Warum kandidieren Sie denn für den Bundestag, Frau Tesfaiesus?

Tesfaiesus: Meine Entscheidung, für den Bundestag anzutreten, hat viel mit dem Anschlag in Hanau zu tun. Ich habe mich lange als Ausländerin definiert. Auch die deutsche Staats­angehörigkeit anzunehmen war für mich eine große Hürde. Es fiel mir schwer, mich als Deutsche zu bezeichnen, wenn mich mein Umfeld gar nicht als Deutsche sieht. Irgendwann ist mir klar geworden, dass ich hierhergehöre: Ich habe hier studiert, eine Kanzlei geführt, ich zahle Steuern, habe „einen Deutschen“ geheiratet. Die Diskussion um Thilo Sarrazins Buch und Horst Seehofers Aussage „Mutter aller Probleme ist die Migration“ – das aber nagt schon manchmal an der Gewissheit. Hinzu kam der NSU und der Mord an Walter Lübcke. Ich war am Boden zerstört. Letztlich wollte ich mich aber nicht geschlagen gegeben. Für mich war klar, dass etwas passieren muss. Als Kommunal­politikerin habe ich mich auf Antidiskriminierung konzentriert und war integrations­politische Sprecherin. Jetzt will ich das hauptamtlich machen.

Herr Diaby, hatten Sie auch schon den Gedanken, sich nicht geschlagen geben zu wollen? Sie kommen aus der Stadt, wo ein Rechtsextremist 2019 einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat.

Diaby: Seit mehreren Jahren stehe ich im Fokus von kleinen, aber sehr lauten rechten Gruppierungen. Nachdem Thilo Sarrazin sein Buch veröffentlicht hat, haben wir im Ausländer­beirat unter anderem eine Pressemitteilung veröffentlicht, weil uns die Menschen­feindlichkeit sehr beschäftigt hat. Eine rechtspopulistische Zeitung hat dann aufgerufen, sich bei den Verfassern zu melden. Daraufhin habe ich Hass, Hetze und Mord­drohungen erlebt. Und seitdem wir eine Partei im Bundestag haben, die auf Spaltung und Hass orientiert ist, ist der Ton rauer geworden. Da überlege ich mir schon, wie es in diesem Land weitergehen soll. Aber ich bekomme auch unheimlich viel Solidarität, die stärkt mich und mein Team. Die überwiegende Mehrheit in diesem Land will eine offene Gesellschaft. Deutschland ist zu schön, um es den Menschen zu überlassen, die Hass verbreiten.

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Schauen wir auf den Bundestag: Rund 8 Prozent aller Bundestags­abgeordneten haben einen Migrations­hintergrund, aber es gab bisher nur wenige Afrodeutsche. Hinkt Deutschland hinterher?

Diaby: Es ist ein Armutszeugnis für Deutschland, dass ein Schwarzer im Bundestag eine Sensation ist. Mindestens 400.000 Menschen haben hierzulande einen afrikanischen Migrations­hintergrund. Wir haben viel zu tun in Sachen Diversität, auch was den Frauenanteil im Bundestag angeht. Das Gleiche betrifft Menschen mit Behinderungen. Vielfalt schafft Werte, und vielfältige Perspektiven in bundes­politischen Diskussionen sind ein Reichtum für die Demokratie.

Wie kann man für mehr Diversität im Bundestag sorgen?

Tesfaiesus: Wir müssen in der Gesellschaft ein breites Bewusstsein herstellen, aber auch auf Kommunal- und Landesebene für Diversität sorgen. Schöne Worte reichen nicht. Anti­diskriminierungs­recht ist ebenso wichtig, damit Betroffene ein wirksames Instrument an die Hand bekommen. Grundsätzlich brauchen wir aber ein Diversitäts­management: Es darf nicht dem Zufall überlassen werden, ob mal eine schwarze Frau kandidieren will. In diesen Bereichen ist in den letzten Jahren viel zu wenig passiert.

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Wären Sie für eine Quote für Menschen mit Migrations­hintergrund?

Tesfaiesus: Eine Diversitätsquote kann ein wirksames Instrument sein. Ich will aber nicht, dass eine marginalisierte Gruppe gegen die andere ausgespielt wird. Herr Diaby hat ja eben einige Gruppen aufgezählt, die betroffen sind. Bei den Grünen haben wir ein Vielfalts­statut und setzen uns gerade mit einer Diversitäts­quote auseinander.

Diaby: Über eine Diversitäts­quote sollten wir nachdenken, das sehe ich ähnlich. Die Erfahrung der SPD ist, dass es sich lohnt, bei der Listen­aufstellung auf die Repräsentanz von Frauen zu achten. Wir haben in der Fraktion einen Frauenanteil von über 40 Prozent. Außerdem sollten wir Vorbilder sichtbar machen. In dieser Legislatur­periode haben wir den Parlamentskreis Vielfalt und Antirassismus gegründet, in dem alle Fraktionen, die die Vielfalt in unserem Land befürworten, vertreten sind. Ich hoffe sehr, dass wir mit Frau Tesfaiesus eine Mitstreiterin bekommen.

Sollte es ein Wahlrecht für alle dauerhaft in Deutschland lebenden Menschen geben?

Diaby: Ich bin für ein kommunales Wahlrecht für Drittstaaten­angehörige. Für ein Wahlrecht auf Bundesebene müsste ein Schritt erreicht werden, der von den Konservativen blockiert wird: die doppelte Staats­bürgerschaft, also Mehr­staatigkeit, damit bekäme man automatisch das Wahlrecht. Das Einbürgerungs­gesetz muss so geändert werden, dass die Menschen einen leichteren Zugang zur deutschen Staats­bürgerschaft haben. Die Bürokratie muss abgebaut und Hürden gesenkt werden.

Tesfaiesus: Inhaltlich stimme ich mit Herrn Diaby überein. Der richtige Weg ist, den Menschen die Einbürgerung zu erleichtern. Das Gegenteil ist aber in den vergangenen Jahren passiert: Die Hürden wurden größer. Wir hatten auch schon die Diskussion, unter gewissen Bedingungen die Einbürgerung abzuerkennen. Das ist unsäglich. Wie sollen Menschen sich in Deutschland beheimatet fühlen, wenn sie solche Signale gesendet bekommen? Menschen, die hier jahrelang leben und aufgewachsen sind, sollten viel leichter an die deutsche Staats­bürgerschaft kommen.

Herr Diaby, Sie sind Integrations­beauftragter der SPD-Fraktion. Allerdings sagten Sie mal, dass sie nicht der Fachmann für Integration sein wollen. Hat sich das mittlerweile geändert?

Diaby: Mir ist es wichtig, dass Menschen nicht nur auf eine Fähigkeit oder Eigenschaft reduziert werden. Ich bin Natur­wissenschaftler, Umwelt­politiker und Experte für Bildung. Ich würde gern mehr zum Thema Bildung oder Klimawandel gefragt werden. Natürlich ist es wichtig, über Migrations­erfahrungen zu sprechen, aber das sollte nicht so im Mittelpunkt stehen, wie das zu Anfang meiner politischen Laufbahn war. Die Summe der gesamten Erfahrungen sollte berücksichtigt werden.

Tesfaiesus: Wenn Fachbereiche verteilt werden, sehen manche in uns nur einen Migranten. Nicht alle versuchen zu erfahren, was wir wirklich können. Nach dem Motto: Man braucht Diversität, dann nimmt man sich eine „vielfältige Person“, die für Vielfalt zuständig ist.

Haben Sie das auch persönlich erlebt?

Tesfaiesus: In meinem Fall ist das kein Problem, weil ich für das Thema brenne und dazu auch im Bundestag arbeiten will. Aber ein Beispiel: Ich möchte für Diversität kämpfen, mir wird aber auf Podien oft das Thema Integration zugewiesen, als ob man beides gleichsetzen kann. Dabei beinhaltet das Thema Diversität auch queere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Frauen. Viele sehen ein schwarzes Gesicht und haben ein bestimmtes Bild im Kopf. Es ist schwer, diese Bilder zu durchbrechen.

Trotzdem können Bilder auch sehr mächtig sein. Stichwort: Repräsentation.

Diaby: Richtig, Sichtbarkeit ist wichtig. Die Tatsache, dass man im Bundestag ein schwarzes Gesicht sieht, zeigt die Vielfältigkeit Deutschlands. Deswegen würde ich mich freuen, wenn Frau Tesfaiesus in den Bundestag einziehen würde. Auch für die SPD treten bei dieser Bundestags­wahl viele Menschen mit Migrations­hintergrund an. Ich erinnere mich noch an die Konstituierung des aktuellen Bundestags, da war ich als Schriftführer eingesetzt und saß neben einer Kollegin der Grünen und Wolfgang Schäuble. Das Bild ging um die Welt, weil eine junge Frau, ein Schwarzer und ein Mann im Rollstuhl im Bundestag nebeneinander zu sehen waren.

Tesfaiesus: Repräsentation ist unheimlich wichtig. Menschen müssen sich gesehen fühlen. Ich denke da immer an Kinder und junge Menschen mit Migrations­hintergrund, die sich in Parlamenten nicht repräsentiert sehen. Das löst in ihnen aus, dass sie glauben, dort auch nicht hinzugehören, als stünde es ihnen nicht zu, dort zu sein. Es ist wichtig, ein Bild zu haben, dass einem sagt, dass es möglich ist. Das hat große Symbolkraft.

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