Von Soforthilfen und Sport im Krisenmodus

  • Unbürokratisch und schnell will die Bundesregierung die Soforthilfen an die Flutopfer in Deutschland auszahlen.
  • Es gilt, Vertrauen wieder­herzustellen, das möglicherweise in der Corona-Krise gelitten hat.
  • In Japan dagegen starten mitten im Corona-Notstand die Olympischen Spiele – auch in Fukushima wird um Medaillen gekämpft.
|
Anzeige
Anzeige

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel heute um 11 Uhr zum letzten Mal in Amt und Würden den Fragen der Hauptstadt­journalistinnen und ‑journalisten stellen wird, dann wird es auch darum gehen, Bilanz zu ziehen. Wie hat Deutschland die vergangenen Monate im Dauerkrisen­modus gemeistert, und ist das Land vorbereitet genug, wenn, wie jetzt an Ruhr und Ahr, die Natur mit voller Wucht zuschlägt? Denn Geschichte wiederholt sich bekanntermaßen manchmal schneller, als einem lieb ist.

So musste die Bundesregierung gestern mal wieder ihre Krisenhilfe­schublade öffnen. Wie schon zu Beginn der Corona-Pandemie, als Bundeswirtschafts­minister Peter Altmaier am 23. März 2020 versprach, „wir lassen niemanden allein“, geht es auch jetzt wieder um schnelle, unbürokratische Hilfen. Im Eilverfahren hat Berlin Gelder für die Menschen in den Hochwasser­gebieten gebilligt. Wieder soll es keine Bedarfs­prüfungen geben, keine komplizierten Antragsformulare oder langwierigen Fristen. Und wieder stellt sich die Frage: Wie viele Krisen dieses Ausmaßes können wir uns eigentlich noch leisten?

Anzeige
Video
Mayschoß schwer vom Hochwasser betroffen: Zugang nur über Schotterweg, drei Tote, zwei Vermisste
1:57 min
Die Straßen und Bahn­verbindungen nach Mayschoß sind nach dem Hochwasser zerstört. Es werde Jahre dauern, bis sie wieder repariert sind, vermutet man hier.  © RND

Allein wegen der Pandemie hat Deutschland im vergangenen Jahr so viele Kredite wie noch nie zuvor in einem Jahr aufgenommen. Im internationalen Vergleich gelten wir – zumindest finanzpolitisch – dennoch als Strebernation. Und auch Ökonomen zeigen sich größtenteils optimistisch. Denn so gut wie Deutschland hat kaum ein anderes Land in den vergangenen Jahren gewirtschaftet. Hinzu kommt: Konjunktur­programme sollen der Wirtschaft helfen. Und wenn die wieder schnurrt, dann fließen auch die Steuern.

Trotzdem: Zusagen sind immer schnell gemacht. Für die Menschen in den betroffenen Hochwasser­gebieten zählt am Ende, ob sie auch gehalten werden. Mein Kollege und RND-Chef­korrespondent Thoralf Cleven kommentiert zu Recht, dass das „Vertrauen auf schnelle finanzielle Unterstützung durch monatelange Verzögerungen bei der Corona-Überbrückungs­hilfe stark gelitten hat“. Und so wiederholt der Bundes­finanzminister mit beinahe stoischer Gelassenheit, dass es am Geld nicht scheitern werde.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".
Anzeige

Beim Thema Sicherheit streitet Deutschland gerade über ein System, das in anderen Ländern längst Standard ist, hier aber bis vor wenigen Tagen noch kaum jemandem ein Begriff war. Das Cell-Broadcast-Warnsystem. Was das genau ist, steht in der Brüsseler Richtlinie 2018/1972. RND-Chefautor Matthias Koch hat nachgelesen und ist dabei über Artikel 110 gestolpert, der die Überschrift „Öffentliches Warnsystem“ trägt. Demnach sind alle EU-Mitglieds­staaten verpflichtet, bis zum 21. Juni 2022 sicherzustellen, dass Mobilfunk­netzbetreiber ihren Nutzerinnen und Nutzern öffentliche Warnungen zu „drohenden oder sich ausbreitenden größeren Notfällen und Katastrophen“ übermitteln. Viele Länder nutzen diese „digitale Sirene“ längst, so auch die Niederlande. Als sich dort die Wassermassen anbahnten, schrillten die Handys der Einwohnerinnen und Einwohner auf. Menschen verließen ihre Häuser, Krankenhäuser wurden evakuiert. In den Niederlanden gab es keine Toten.

Notstandsspiele

Anzeige

Auch in Futaba, am anderen Ende der Welt auf dem japanischen Archipel, wissen die Menschen, was eine Katastrophe bedeutet. Gut 6000 Einwohnerinnen und Einwohner lebten einst in Futaba, „das man heute Geisterstadt nennt“, wie unser Japan-Korrespondent Felix Lill berichtet. Doch dann, am 11. März 2011, bebte erst die Erde, anschließend brach ein Tsunami über die Küste herein. 20.000 Menschen starben. Als wäre das nicht genug gewesen, havarierte auch noch das in Futaba gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.

Heute um 13.30 Uhr starten die deutschen Fußballer gegen Brasilien ins olympische Turnier. Morgen werden in Japan die Spiele auch offiziell eröffnet. Es sollen die Spiele des Wiederaufbaus werden. Und auch in Fukushima-Stadt, die nur 60 Kilometer von der Atomruine entfernt liegt, werden Baseballer und Softballerinnen ohne Publikum um Medaillen kämpfen. Mein Kollege Felix Lill ist im Vorfeld nach Futaba gereist, er hat mit Menschen gesprochen, die damals beim Aufbau geholfen haben. „Das mit den Wiederauf­bauspielen war doch vor allem PR“, sagt zum Beispiel Takanori Asami. Von der Pandemie ganz abgesehen. Japan befindet sich mittlerweile im vierten Corona-Notstand.

Zitat des Tages

Wir entscheiden jetzt, jetzt in diesen Tagen des Julis darüber, wie September, Oktober, November werden.

Jens Spahn, Bundes­gesundheitsminister, warnt vor drastisch steigenden Inzidenzwerten.

Leseempfehlungen

Wie gut ist Deutschland für den Klimawandel gewappnet? Wegen falscher Bauweise und massiver Landnutzung könne Starkregen hierzulande nicht mehr richtig versickern, kritisiert Umweltforscher Josef Settele im RND-Interview. Das Worst-Case-Szenario sei, angesichts Klimawandel und Artensterben weiterzumachen wie bisher. Es brauche eine neue Philosophie – ohne das Credo „Viel Geld bedeutet viel Wohlstand“.

Anzeige

­Urlaub im Hochwasser­gebiet – ist das aktuell vertretbar? Die Folgen von Unwetter und Starkregen durch das Tief „Bernd“ sind verheerend. Dennoch wirbt das Berchtesgadener Land in Bayern um Touristen und Touristinnen. Aber ist es ethisch vertretbar, dort Urlaub zu machen? Ja, sagen zwei Philosophen im Interview mit dem RND, unter bestimmten Bedingungen.

Aus unserem Netzwerk: Sind Partys die neuen Treiber der Pandemie?

Corona-Ausbrüche bei Partys in Hannover: In der niedersächsischen Hauptstadt Hannover steigen die Corona-Zahlen wieder an. Am Mittwoch ist ein Inzidenzwert von 27 verzeichnet worden – erstmals seit Anfang Juni. Die Region führt rund drei Viertel aller Ansteckungen auf Ausbrüche in Clubs, Diskotheken und auf privaten Feiern zurück, wie die „Neue Presse“ (NP) berichtet. Mehr als 3000 Menschen seien deshalb in Quarantäne geschickt worden.

Termine des Tages

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu aktuellen Themen der Innen- und Außenpolitik: Der Termin hat Tradition, jedes Jahr stellt sich die Kanzlerin den Fragen der Hauptstadt­journalistinnen und ‑journalisten in der Bundespresse­konferenz. Doch diese Pressekonferenz (11 Uhr im Bundes­presseamt) wird auch ein Abschied. Es ist die letzte Sommerpresse­konferenz der Kanzlerin im Amt.

Zehnter Jahrestag der rechtsterroristischen Angriffe in Norwegen: Am 22. Juli 2011 tötete ein Rechtsterrorist im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen. Am zehnten Jahrestag der schlimmsten Gewalttat der norwegischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg sind mehrere nationale Gedenk­veranstaltungen geplant.

Anzeige

Wer heute wichtig wird

Künftiger König und großer Fußballfan: Prinz George wird heute acht Jahre alt. Ob der Prinz bereits die Bürde der Verantwortung spürt, die einmal auf ihm lasten wird? Beim Finale der Fußball-EM im Wembley-Stadion sah George in Anzug und Krawatte jedenfalls wie eine Miniaturversion seines Vaters aus. Viele fragten sich, warum er nicht ein Trikot der „Three Lions“ tragen durfte. © Quelle: Duke and Duchess of Cambridge

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihre Nora Lysk

Abonnieren Sie auch:

Crime Time: Welche Filme und Serien dürfen Krimifans nicht verpassen? Mit unserem Newsletter sind Sie up to date. Alle zwei Wochen neu.

Hauptstadt-Radar: Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

What’s up, America? Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur – immer dienstags.

Die Pandemie und wir: Die wichtigsten Nachrichten der Woche, Erkenntnisse der Wissenschaft und Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix und Co. – jeden Monat neu.

Mit RND.de, dem mobilen Nachrichten­angebot des RedaktionsNetzwerks Deutschland, dem mehr als 60 regionale Medienhäuser als Partner angehören, halten wir Sie immer auf dem neuesten Stand, geben Orientierung und ordnen komplexe Sachverhalte ein – mit einem Korrespondenten­netzwerk in Deutschland und der Welt sowie Digitalexpertinnen und ‑experten aller Bereiche.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Chefredakteur Marco Fenske: marco.fenske@rnd.de.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen