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Von „Nowabo“ bis Klingbeil – die künftige SPD-Spitze formiert sich

  • Fast zwei Dutzend Bewerber, 23 Regionalkonferenzen und eine überraschende Mitgliederabstimmung: Monatelang dauerte das Rennen um die SPD-Spitze.
  • Nun muss sich die GroKo-kritische, designierte Doppelspitze um “Nowabo” und Esken beim SPD-Parteitag in Berlin noch 600 Delegierten stellen.
  • Wer könnte ihnen künftig zur Seite stehen?
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Berlin. Die neue Doppelspitze der SPD sieht die große Koalition überaus kritisch. Um die Partei zu versöhnen, wollen sich Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken nicht nur Gleichgesinnte in die Parteispitze holen. Die Zahl der Stellvertreter soll von sechs auf drei sinken. Auch möglich ist aber, dass sich die Delegierten doch für vier oder fünf Vizeposten entscheiden. Dann wäre der Weg für Juso-Chef Kevin Kühnert und Arbeitsminister Hubertus Heil frei. Oder kommt es am Ende zur Kampf-Abstimmung?

SASKIA ESKEN (58):

Die designierte SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken will von den 600 Delegierten mit breiter Mehrheit bestätigt werden. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa
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Die Digitalexpertin Esken sitzt seit 2013 im Bundestag und setzt sich dafür ein, dass der digitale Wandel nicht nur Eliten nutzt. Gleiche Chancen und Engagement gegen Rechtsextremismus gehören zu den Kernzielen der SPD-Linken. Sie wuchs in Baden-Württemberg auf, arbeitete unter anderem in der Gastronomie, als Fahrerin und Schreibkraft. Später entwickelte sie Software. Erfahrungen sammelte die Mutter von drei Kindern im Landeselternbeirat, in der Politik auf Kommunal– und Kreisebene.

NORBERT WALTER-BORJANS (67):

Er ging als Eskens Partner erfolgreich aus der SPD-Mitgliederabstimmung hervor: Norbert Walter-Borjans, früherer nordrhein-westfälischer Finanzminister. Auch er hofft auf viele Stimmen von den Delegierten. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister gilt als "Robin Hood der Steuerzahler", seit er Daten potenzieller deutscher Steuerbetrüger in der Schweiz kaufte. In die Politik holte ihn 1984 der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Als Kämmerer der Stadt Köln entwickelte der FC-Fan und Vater von vier Kindern später die Bettensteuer. Als Finanzminister verantwortete er einen enormen Aufwuchs an Schulden in dem Bundesland. Eigentlich war "Nowabo" schon Politik-Rentner, bis er sich zur Kandidatur für den SPD-Vorsitz entschied.

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LARS KLINGBEIL (41):

Lars Klingbeil ist seit zwei Jahren SPD-Generalsekretär und soll das auch bleiben. © Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Der Niedersachse ist seit Ende 2017 Generalsekretär der SPD und soll das auch unter den neuen Vorsitzenden bleiben. Der Zwei-Meter-Hüne hat einen Erneuerungsprozess im Willy-Brandt-Haus begonnen und sich in der als Schlangengrube verschrienen Parteizentrale behauptet. Er ist kein Lautsprecher, forciert die Digitalisierung der SPD. In die Politik kam Klingbeil nach eigener Aussage, weil er sich in seiner Heimat als Jugendlicher einsetzte. In Berlin wurde der FC-Bayern-Fan immer mal bei Hip-Hop-Konzerten gesehen.

KLARA GEYWITZ (43):

Die Mitgliederabstimmung hat sie verloren. Nun ist sie als Parteivize nominiert: Klara Geywitz. © Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi

Die Potsdamerin hat an der Seite von Vizekanzler Olaf Scholz im Mitgliederentscheid für die GroKo geworben - und verloren. Ihre Nominierung als Parteivize zeigt, dass die neuen Parteichefs ihr Versprechen wahr machen und ihre Konkurrenten tatsächlich prominent einbinden. Geywitz gilt als ausgewiesene Strategin, die weiß, was sie will. Sie verhandelte schon den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD mit. Sie sitzt schon seit 2017 im Parteivorstand. Von 2008 bis 2013 war sie stellvertretende SPD-Vorsitzende in Brandenburg, danach vier Jahre lang Generalsekretärin im Land.

KEVIN KÜHNERT (30):

Viele halten ihn für den aufstrebenden Star der SPD. Nun will er den nächsten Karriereschritt gehen: Juso-Chef Kevin Kühnert hat es auf einen der Vize-Posten abgesehen. Anders als Geywitz und Rehlinger hat er jedoch keine Empfehlung des Vorstandes bekommen. © Quelle: imago images/Future Image
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Der Juso-Chef ist der Hoffnungsträger der Parteilinken - mit visionären Positionen, aber auch der Fähigkeit zum Kompromiss. Er organisierte die Unterstützung der Jusos für Esken und Walter-Borjans im Wahlkampf. Anfang 2018 war Kühnert der eloquente Kopf der #NoGroko-Kampagne, verzichtete nach der Abstimmung für das Regierungsbündnis aber aufs Nachtreten. An der Spitze der SPD-Nachwuchsorganisation steht er seit 2017, ist im Gespräch freundlich, schnell und nachdenklich.

HUBERTUS HEIL (47):

Arbeitsminister und GroKo-Anhänger Hubertus Heil will ebenfalls einen Vize-Posten. Im Zweifel stelle er sich auch einer Abstimmung, sagt er. Auch er hat keine Empfehlung der Parteispitze bekommen. Am Ende könnte es zu einer Kampfabstimmung kommen. © Quelle: imago images/Christian Thiel

Als Arbeits- und Sozialminister vertritt der Niedersachse Themen wie Rente, Arbeitsmarkt und Hartz IV, die für die SPD besonders wichtig sind. Der Anhänger eines realpolitischen Kurses hat sich auf die Fahnen geschrieben, dabei Weichen für die Zukunft im Strukturwandel zu stellen. Als früherer SPD-Generalsekretär sind Heil die Strömungen und Spaltungstendenzen seiner Partei bestens vertraut. Gerne nutzt der Vater zweier Kinder zur Erläuterung seiner politischen Ziele Begegnungen mit Arbeitnehmern - um zu zeigen, was seine Gesetze bringen oder wozu neue Projekte aus seiner Sicht nötig sind.

ANKE REHLINGER (43):

Die Saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger ist ebenso wie Klara Geywitz für eine der Vize-Positionen vom Vorstand nominiert. © Quelle: imago images/Becker&Bredel
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Die saarländische SPD-Chefin hat eine steile Karriere hingelegt. Sechs Jahre nach dem Parteieintritt wurde sie Landtagsabgeordnete, nach 16 Jahren bereits Wirtschafts- und Verkehrsministerin in ihrem Bundesland. Als solche kämpft sie für Unterstützung der vom Strukturwandel getroffenen Auto- und Stahlindustrie und macht sich für Klimaschutz stark. Die Mutter eines Sohnes liebt das Saarländer Platt und hält noch immer den Landesrekord im Kugelstoßen (16,03 Meter) und den Jugendrekord im Diskuswurf (49,18 Meter). 2016 reichte es noch für den Gewinn der Landesmeisterschaft bei den Senioren.

Serpil Midyatli (44)

Serpil Midyatli nach ihrer Wahl zur SPD-Landeschefin in Schleswig-Holstein. © Quelle: Carsten Rehder/dpa

Die gebürtige Kielerin ist seit 2009 Abgeordnete des Schleswig-Holsteinischen Landtags. Seit 2010 arbeitet sie dort als Vize-Fraktionschefin. Seit 2017 gehört sie dem SPD-Bundesvorstand an. Im März 2019 folgte sie Ralf Stegner im Amt der Cefin des Landesverbands der Partei im Norden.

RND/dpa