Von Mahnern und Warnern

  • Virologen, Funktionäre und Politiker versuchen in der Pandemie maßgeblich, die öffentliche Meinung zu bestimmen.
  • Dabei sind es vor allem Ärztevertreter, die die Schlagzeilen beherrschen.
  • Was treibt sie an und wer spricht eigentlich für wen und vertritt welche Interessen?
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

sind wir mal ehrlich: Hätten Sie – wenn Sie nicht gerade niedergelassener Arzt oder Ärztin sind – vor anderthalb Jahren gewusst, wer Klaus Reinhardt ist? Oder Andreas Gassen? Wahrscheinlich nicht, denn in der Vergangenheit bestand die Aufgabe von Reinhardt, Facharzt für Allgemeinmedizin in Bielefeld und Präsident der Bundesärzte­kammer, vor allem darin, Klientelpolitik zu betreiben. Ähnlich Gassen, Orthopäde in Düsseldorf und Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Doch seit Beginn der Pandemie gehören Gassen, Reinhardt und Co. zu jenen Protagonisten und Protagonistinnen, die die öffentliche Debatte zunehmend befeuern. Reinhardt beispielsweise machte bundesweit Schlagzeilen, als er den Sinn von Alltagsmasken öffentlich in Zweifel zog. Das war bei Markus Lanz. Am Tag darauf hagelte es Rücktritts­forderungen.

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Gassen hingegen kritisierte in regelmäßigen Abständen die scharfe Lockdownpolitik der Bundesregierung. Der Funktionär stand plötzlich im Kreuzfeuer, denn nicht nur in Politik und Öffentlichkeit lösten die Forderungen heftige Kritik aus. Auch die eigenen Landesverbände liefen teilweise Sturm. „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben“, hieß es beispielsweise aus Hessen.

Der Philosoph sucht die Erkenntnis. Der Funktionär die Öffentlichkeit. Die Frage ist oft nur: Welche?

Für wen genau erheben Reinhardt und Co. ihre Stimme? Geht es um Honorar­forderungen und Terminknappheit in den Praxen, so dürfte auch die Ärzteschaft geeint sein. Doch in der Pandemie war das anders. Da warnten beispielsweise Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte vor den seelischen Folgen der Lockdownpolitik, während Intensivmediziner angesichts volllaufender Stationen nach härteren Maßnahmen riefen. „Die Ärztefunktionäre kamen quasi über Nacht in eine Rolle, wie sie beispielsweise Wirtschaftsbosse gegenüber dem Aktienkurs haben. Ein falsches Wort und die Corona-Republik wackelt“, schreibt dazu Eva Quadbeck, stellvertretende Chefredakteurin des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) und Leiterin des Hauptstadtbüros in Berlin.

Doch der Funktionär ist eben auch Arzt. Und dem geht es um die Menschen. Im Gespräch mit Quadbeck beklagt Reinhardt beispielsweise, die Kommunikation einiger Akteure in der Pandemie habe sich darin erschöpft, Panik zu verbreiten. „Aber zugleich lautet ein eherner ärztlicher Grundsatz: Mache niemals deinem Patienten Angst.“ Der Grat zwischen redlicher Information und unredlicher Panikmache ist schmal.

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Testplicht zum Ferienstart?

In Bayern ist heute letzter Schultag, morgen startet der Süden Deutschlands endlich auch in die Ferien. Das bedeutet: Es wird voll an deutschen Stränden und Check-in-Schaltern, denn bis zum 1. August haben für ein Wochenende alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland Sommerferien. Da wundert es nicht, dass ausgerechnet Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident und selbst ernannter Vorsitzender des Teams Vorsicht in der Pandemie, noch mal die Debatte um die Testpflicht für Reiserück­kehrende befeuert hat. Geht es nach Söder, ist die Einführung zum 1. August praktisch so gut wie beschlossen. Kann das klappen?

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Gestern bestätigte dann auch der Rechtsexperte der SPD-Fraktion, Johannes Fechner, dem RND: „Justiz-, Gesundheits- und Innenministerium arbeiten bereits an einer Gesetzesänderung und sind schon auf der Zielgeraden.“ Noch im August plane die große Koalition laut SPD eine Sondersitzung des Bundestages, um durch eine Änderung des Infektions­schutz­gesetzes eine allgemeine Testpflicht für Reiserück­kehrerinnen und ‑rückkehrer einführen zu können. Anders ausgedrückt: Es könnte eng werden mit der Testpflicht zum bayerischen Ferienstart.

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Zitat des Tages

Im Eifer des Gefechts und mit der Gesamtbelastung, die wir momentan hier haben, habe ich mich in der Wortwahl vergriffen. Es tut mir unendlich leid, ich kann nur aufrichtig um Entschuldigung bitten. Ich wollte niemanden diskreditieren.

Patrick Moster, Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer

Beim olympischen Einzelzeitfahren der Männer kam es zu einem Rassismuseklat rund um das deutsche Radteam. Im Fernsehen war zu sehen und vor allem zu hören, wie der Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer, Patrick Moster, rassistische Aussagen tätigte. Er rief dem Radprofi Nikias Arndt mehrfach „Hol die Kameltreiber!“ zu – in Anspielung auf zwei Radfahrer aus Eritrea und Algerien, die vor Arndt fuhren. Die Aussage sorgte für heftige Kritik, auch ARD-Kommentator Florian Naß zeigte sich schockiert. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bat Moster um Entschuldigung.

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Tödliche Explosion in Leverkusen: Sieben Menschen sind bei der Explosion in Leverkusen am Dienstag ums Leben gekommen. Doch wie ist die Lage eigentlich aktuell vor Ort? Ist der Brand gelöscht? Was ist eigentlich ein Entsorgungs­zentrum? Welche Chemikalien wurden dort gelagert? Unser Panoramateam hat dazu die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengetragen.

­Revolutionär, Populist oder Rassist? Drei Politik­wissenschaftler veröffentlichen die erste Biografie des russischen Oppositions­politikers Alexej Nawalny im deutsch­sprachigen Raum. Sie zeichnen seinen Weg vom Antikorruptions­kämpfer und Straßenaktivisten zur heutigen Symbol­figur in Russland nach. Es entsteht das Bild einer komplexen Persönlichkeit, die im Laufe ihrer Entwicklung verschiedene Kurswechsel vollzieht, berichtet RND-Chefkorrespondent Jan Emendörfer.

Aus unserem Netzwerk: Umstrittenes Naidoo-Konzert verschoben

Verbieten oder nicht verbieten? Monatelang hatte es hitzige Diskussionen um ein Konzert von Xavier Naidoo in Rostock gegeben. Jetzt verschiebt der Sänger, der immer wieder wegen der Verbreitung von Verschwörungs­theorien und rassistischen Thesen aufgefallen ist, den Auftritt selbst um ein Jahr. Grund seien die „anhaltenden pandemiebedingten Einschränkungen“ für Großveranstaltungen.

Termine des Tages

Müssen Influencerinnen ihre Instagram-Posts als Werbung kennzeichnen? Der Bundesgerichtshof (BGH) prüft heute in drei Fällen. Geklagt hat jeweils der Verband Sozialer Wettbewerb. In dem einen Fall geht es um Cathy Hummels, die Ehefrau von Fußballstar Mats Hummels. Ob es schon ein Urteil gibt, ist offen.

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Bericht zum aktuellen Brexit-Streit zwischen London und Brüssel: Derzeit streiten sich die EU und Großbritannien über die Umsetzung des sogenannten Nordirland-Protokolls. In dieser im Brexit-Abkommen enthaltenen Vereinbarung werden Sonderregeln für die britische Provinz festgelegt, die auch nach dem Brexit den Regeln des EU-Binnenmarktes folgt. Das britische Oberhaus legt heute seinen Bericht dazu vor.

Der Tag in Tokio

12.50 Uhr / Turnen

Im Mehrkampffinale Einzel der Frauen hoffen Elisabeth Seitz und Kim Bui auf eine gute Platzierung.

+++ Alle Infos zu den Olympischen Spielen finden Sie in unserem Liveblog. +++

Wer heute wichtig wird

Der Goldhase von Lindt steht heute vor Gericht. Es geht um die Frage, ob der Goldton des Schokohasen als Marke geschützt ist. Ein Konkurrent, die Confiserie Heilemann in Woringen im Allgäu, vertreibt ebenfalls einen Schokohasen in Goldfolie. Dagegen geht Lindt gerichtlich vor. Verhandelt wurde bereits am 27. Mai, heute will der Bundesgerichtshof sein Urteil verkünden. © Quelle: Amelie Sachs/dpa

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Ihre Nora Lysk

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