Von magischen Nächten und steigenden Zahlen

  • Vor einem Monat begann die paneuropäische Fußball-Europa­meisterschaft, heute findet sie mit dem Finale ihren Abschluss.
  • Die Statistik spricht dabei eher für einen Sieger Italien als für England.
  • Doch neben dem Sportlichen bereitet eine andere Statistik Sorgen.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn Sie diese Zeile lesen, ist der Tag gekommen. Das Finale der Fußball-Europa­meisterschaft: Italien gegen England, um 21 Uhr im Londoner Wembley-Stadion vor 65.000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Jedem Fußballfan oder gar Fußball­romantiker dürfte bei dieser Ankündigung das Herz ein wenig schneller schlagen.

Für diejenigen, deren Puls trotzdem noch unter 60 ist: Allein der Spielort des Finales verspricht Historisches.

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Es ist der Ort des bisher einzigen Titels einer englischen National­mannschaft. 1966 schlugen die „Three Lions“ in einem denkwürdigen WM-Finale die Auswahl der Bundesrepublik Deutschland – mithilfe des legendären Wembley-Tors, bei dem der Ball die Torlinie niemals überquerte.

Weder bei Welt- noch bei Europa­meisterschaften konnten die Engländer erneut triumphieren. Auch deswegen ist das Team um Trainer Gareth Southgate gewillt, die „years of hurt“ zu beenden. Und der Coach hat auch noch eine persönliche Rechnung mit diesem Stadion offen: Im Halbfinale der EM 1996 trat Southgate als sechster Schütze im Elfmeterschießen gegen Deutschland an – in seinem erst neunten Länderspiel.

Der damals 25-Jährige verschoss, Andreas Möller verwandelte anschließend den entscheidenden Schuss. England scheitert, Deutschland siegt – und der Rest ist Geschichte: Nicht die Engländer, sondern die Deutschen sind es, die am 30. Juni 1996 den Pokal in den Londoner Nachthimmel recken.

Das DFB-Team haben die Engländer dieses Mal bereits im Achtelfinale besiegt. Nun warten die Italiener, die die gesamte EM durchweg begeisterten. Im Land fiebern Millionen Menschen wohl nicht nur deshalb dem Finale bereits entgegen, wie Italien-Korrespondent Dominik Straub beschreibt. Neben berauschendem Offensivfußball haben die Italiener zudem eine beeindruckende Zahl im Rücken: Seit satten 33 Spielen ist das Team von Roberto Mancini ungeschlagen. In den bisherigen vier Duellen bei Welt- und Europa­meisterschaften hatte die „Squadra Azzurra“ zudem alle vier Male die Nase vorn. So weit die Statistik.

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EM führte auch zu Infektionen in Deutschland

Es deutet also alles auf eine magische Nacht hin – wäre da nicht noch eine weitere Statistik. Immer mehr Corona-Fälle werden im Zusammenhang mit der paneuropäischen EM bekannt. Laut der europäischen Gesundheits­behörde ECDC haben sich mehr als 2500 Menschen mit dem Virus angesteckt, inzwischen gibt es Fälle in acht Ländern. Dazu zählen Schottland, Finnland, Dänemark, Frankreich, Schweden, Kroatien, die Niederlande und seit Samstag auch Deutschland. Hierzulande sollen sich 18 Personen infiziert haben.

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Uefa-Präsident Aleksander Ceferin zeigt sich von diesen Ergebnissen nur wenig beeindruckt und streitet sie sogar ab. „In den Stadien sind wir sehr strikt, und wenn ich höre, dass Politiker sagen, Menschen hätten sich bei den Spielen infiziert, ohne jeden Beweis, denn enttäuscht mich das ein bisschen“, sagt der 53-jährige Funktionär. Weiter: „Den Fußball zu beschuldigen, das Virus zu verbreiten, ist aus meiner Sicht unverantwortlich.“

Stattdessen geht Ceferin davon aus, dass sich vor allem die schottischen Fans – die den Großteil der Infektionen ausmachen – infiziert haben, die nicht in den Stadien waren, sondern ohne Tickets nach London gekommen seien. Ob sich die Fans in den Stadien, den Fanzonen oder auf der Reise angesteckt haben, ist zwar nicht klar, dennoch macht es sich Ceferin mit seinen Aussagen viel zu einfach.

Bleibt also zu hoffen, dass wir heute einen magischen Abend mit hochklassigem Fußball und einem verdienten Sieger sehen – und dass uns stattdessen nicht die Auswirkungen auf die Pandemie in Erinnerung bleiben.

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