Von der großen Klimakrise und den kleinen Orten der Hoffnung

  • Zwei Tage vor der Bundestagswahl hat Fridays for Future zum globalen Klimastreik aufgerufen.
  • Zehntausende werden laut Polizei allein im Berliner Regierungsviertel erwartet. Die Klimaschützer betonen, keine Lobbyarbeit für die Grünen betreiben zu wollen.
  • Wie man die Zukunft selbst in die Hand nimmt, zeigt der kleine Ort Harsdorf in Oberfranken, dort kämpfen die Bewohner gemeinsam und parteiübergreifend für eine klimagerechte Zukunft.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute, zwei Tage vor der Bundestagswahl, meldet sich auf Deutschlands Straßen eine Generation zu Wort, von der große Teile zwar noch nicht über das Wahlrecht verfügen, aber mehr Gestaltungswillen an den Tag legen als so mancher Politiker oder manche Politikerin zwischen Nordseeküste und Bodensee. Fridays for Future (FFF) hat zum globalen Klimastreik aufgerufen. In Berlin wird auch Greta Thunberg erwartet.

Werden die Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten so kurz vor der Wahl den Grünen noch mal einen Schub geben? Möglich, aber das ist nicht ihr Anliegen. Thunberg erklärte im Vorfeld gegenüber dem „Tagesspiegel“ sicherheitshalber, ihr Kommen sei keineswegs als Lobbyarbeit für die Grünen zu verstehen. Und auch die deutsche FFF-Aktivistin Luisa Neubauer, die selbst Mitglied bei den Grünen ist, ruft zwar zur Wahl auf, hält sich mit Kritik aber keineswegs zurück: „Kein Wahlprogramm ist mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar“, sagt Neubauer im Interview mit meinen Berliner Kollegen Jan Sternberg und Alisha Mendgen. Und zwar ausnahmslos.

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Noch schnell eine Wahlempfehlung abgeben? Nein, auch das ist nicht die Sache der jungen Kämpferin fürs Klima. Neubauer spricht von einem „Menschheitsproblem“. Was im Umkehrschluss bedeutet: Um an Lösungsstrategien zu arbeiten, müssten alle an einem Strang ziehen. Auch das meinen die Aktivistinnen und Aktivsten ausnahmslos.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer kritisiert den Wahlkampf aller Parteien – und hofft auf eine ehrliche Klimapolitik nach der Bundestagswahl. © Quelle: Thomas Banneyer/dpa

Der Jugend geht es um Visionen, nicht um eine Politik der kleinen Schritte, womit Bundeskanzlerin Angela Merkel einst ihren Stil beschrieb. Altbundeskanzler Helmut Schmidt polterte während seiner Amtszeit sogar, wer Visionen habe, der solle besser zum Arzt gehen. Es ist möglich, dass aus diesem Satz damals auch ein Stück weit Neid sprach.

Doch den jungen Menschen auf der Straße geht es nicht um Luftschlösser, sondern um Ideen, wie die nächste Bundesregierung die Megaheraus­forderungen der Klimakrise bewältigten will. Wenn also heute die Klimaschützerinnen und Klimaschützer durchs Regierungsviertel ziehen, um zwischen Reichstag und Kanzleramt ihre Vision von einer klimagerechten Zukunft einzufordern, geht es drinnen weiter um den Ausgleich von Interessen, den bestmöglichen Kompromiss. Die einen nennen das Klein-Klein, für die anderen ist es das Wesen von Politik. Und natürlich geht es auch um Macht. Das zeigt sich immer dann am deutlichsten, wenn diese neu verteilt werden soll.

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Der Wahlkampf, schreibt mein Kollege Jan Sternberg, hat dabei nicht viel zur Rettung des Klimas beigetragen. „Er war eher dafür geeignet, die Gräben zu vertiefen – die zwischen den Parteien und die zwischen Stadt und Land.“ Dass man große Visionen aber auch im Kleinen umsetzen kann, zeigt das Beispiel Harsdorf.

Harsdorf liegt in Oberfranken. Der Ort hat knapp 1000 Einwohnerinnen und Einwohner und befindet sich in der Nähe der Autobahn 70, wo ein Windrad steht, das demnächst vom Netz genommen werden soll. Im Gemeinderat sind die CSU vertreten, die Freien Wähler und die SPD. Grüne gibt es dort nicht. Gemeinsam hat der Gemeinderat in diesem Sommer eine Klimaschutz­erklärung beschlossen.

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„Auch wenn Harsdorf nur eine sehr kleine Gemeinde ist, fällt uns eine Verantwortung zu“, steht darin. Gemeinsam kämpft der kleine Ort seitdem für das Windrad an der Autobahn und noch für weitere – sogar, wenn diese näher als im Rest von Bayern an der Wohnbebauung stehen sollten. Harsdorf will sich eine dezentrale Stromversorgung sichern. Die vielen Pendlerinnen und Pendler sollen schließlich ihre E‑Autos auch in Zukunft sorgenfrei betreiben können. Denn, auch das steht in der einstimmig beschlossenen Erklärung des Gemeinderats, „der Klimawandel ist auch in Oberfranken messbar“.

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Zitat des Tages

Ich bin wohl der freundlichste CSU-Vorsitzende, den je ein CDU-Vorsitzender erleben durfte.

Markus Söder, CSU-Chef

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Am Sonntag ist nicht nur Bundestagswahl, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern sind die Wählerinnen und Wähler aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Erstmals in der Geschichte des Bundeslands könnte die SPD die absolute Mehrheit im Land bekommen. Zumindest rein rechnerisch könnte es für Ministerpräsidentin Manuela Schwesig reichen. Was dafür geschehen muss und welche Rolle die Grünen und die FDP dabei spielen, rechnet ein Politologe aus Rostock vor.

Termine des Tages

  • Offizielle Abschluss­veranstaltungen der Parteien vor der Bundestagswahl: Um 15 Uhr spricht SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in Köln, mit dabei sind auch die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Die Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock tritt gemeinsam mit ihrem Co-Parteichef Robert Habeck um 15.30 Uhr in Düsseldorf auf. Unionskanzler­kandidat Armin Laschet spricht um 16.30 Uhr in München, mit dabei sind CSU-Chef Markus Söder und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Spitzenkandidaten der Linken, Janine Wissler und Dietmar Bartsch, reden um 16 Uhr in Berlin. Die Schlussveranstaltung der AfD ist für 17 Uhr ebenfalls in Berlin geplant. Ab 19 Uhr geht die FDP in Berlin mit Spitzenkandidat Christian Lindner in den Wahlkampf­abschluss.
  • Gipfel im Weißen Haus: US-Präsident Joe Biden empfängt die Regierungschefs aus Japan, Australien und Indien – Suga Yoshihide, Scott Morrison und Narendra Modi – im Weißen Haus.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier redet heute als erster Bundespräsident seit fast 40 Jahren vor der UN-Vollversammlung. Der erste und bisher einzige Bundespräsident, der vor dem UN-Gremium auftrat, war Karl Carstens 1983. Normalerweise wird Deutschland in der Generaldebatte vom Außenminister oder vom Bundeskanzler beziehungsweise von der Bundeskanzlerin vertreten. © Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Podcast des Tages

Geyer & Niesmann bilanzieren mit Friedrich Küppersbusch den Wahlkampf: Sieht Deutschland am Sonntag schwarz oder rot? Woran sind die Grünen gescheitert? Kann es eine Regierung ohne Christian Lindner geben? Ist ein Votum für eine „sonstige“ Partei eine weggeworfene Stimme? Plus: Die Europa-Korrespondentin des „Economist“ in Berlin, Vendeline von Bredow, erklärt, welche überraschende Wahlempfehlung das wirtschaftsliberale Blatt aus London den Deutschen gibt.

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