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  • Virologe Christian Drosten: Wie gut ist er für seine Rolle in der Öffentlichkeit geschaffen?

Christian Drosten – öffentlicher Virologe wider Willen

  • Christian Drosten, Deutschlands mittlerweile bekanntester Virologe, erwägt einen Rückzug aus der Öffentlichkeit.
  • Er begründet das mit der Berichterstattung über ihn.
  • Tatsächlich ist Drosten für seine neue Rolle nur bedingt geschaffen, kommentiert Markus Decker.
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Christian Drosten hat am Dienstag zum vorläufig letzten Mittel gegriffen: der Erwägung seines Rückzugs aus den Medien.

In seinem täglichen NDR-Podcast zur Coronakrise sagte der Chef der Virologie an der Berliner Charité, in einer E-Mail sei er persönlich für den Tod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer (CDU) verantwortlich gemacht worden. Damit sei die Grenze einer vernünftigen Diskussion überschritten.

Wenn das nicht aufhöre, so Drosten, müsse die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten. Sprich: Er selbst.

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Es ist nicht das erste Mal, dass der Mediziner sich an den Medien reibt. Und es ist allenfalls bedingt deren Schuld.

Gigantische Verantwortung

Zunächst einmal sind die aktuellen Umstände natürlich außergewöhnlich. Nach dem Aufkommen der Debatte um die Klimakrise erleben wir mit der Coronakrise erneut eine Situation, in der Wissenschaftlern eine wesentliche Aufgabe zukommt: Sie müssen existenzielle Antworten auf existenzielle Fragen geben – mit dem Unterschied, dass die Antworten in der Coronakrise noch etwas dringlicher sind.

Von den Einschätzungen und Ratschlägen der Virologen hängt kurz- und mittelfristig wahnsinnig viel ab – nicht allein medizinisch, sondern ebenso ökonomisch, sozial und politisch. Damit kommt ihnen eine gigantische Verantwortung zu – eine Verantwortung, die sie eigentlich gar nicht tragen können.

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Da die Bundesregierung neben der Expertise des Robert-Koch-Instituts und seines Chefs Lothar Wieler vor allem auf die Expertise Drostens zurückgreift, ergibt sich daraus logisch, dass er zu einer öffentlichen Figur wird – einer Figur übrigens, der überwiegend Sympathien zufliegen. Fraglos ist Drosten ein angenehmer Zeitgenosse: reflektiert, sachkundig, zurückhaltend. So einer ist in Talkshows selten.

Reflektiert, sachkundig, zurückhaltend

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Dass Drosten sich an den Medien reibt, hat ferner weniger mit den Medien zu tun als mit den Folgen von Berichterstattung. Das zeigt sich am Fall Schäfer exemplarisch. Zuletzt hatte sich ja – nicht zuletzt durch Äußerungen des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (ebenfalls CDU) – der Eindruck verfestigt, sein Finanzminister habe den furchtbaren Freitod gewählt, weil er mit der Bewältigung der Coronakrise nicht zu Recht kam.

Tatsächlich ist das aber lediglich eine Mutmaßung, die – selbst wenn sie stimmen würde – nur sehr indirekt auf den Virologen aus der Charité zurück ginge. Dass irgendjemand ihn persönlich für Schäfers Tod verantwortlich macht, ist der ganz normale Wahnsinn einer Zeit, in der Hass und Hetze regieren – gegen Politiker, gegen Journalisten und in Zeiten einer wachsenden Irrationalität immer häufiger auch gegen Wissenschaftler.

Wer das persönlich nie erfahren hat, der muss sich daran gewöhnen. Manche gewöhnen sich nie daran.

Überhaupt ist Drostens Medienkritik manchmal überzeugend – und manchmal nicht. Mit Recht hat der Wahl-Berliner moniert, dass zu Beginn der Krise noch Fragen gestellt wurden „nach leeren Fußballstadien und dem CDU-Parteitag“. Damals kreuzte sich die Berliner Routine mit einer heraufziehenden Pandemie, deren Dimension zahlreiche Journalisten auf Anhieb so wenig erkannten wie der Rest des Landes. Schließlich hatte kein Mensch derlei je erlebt.

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Später jedoch hat Drosten beklagt, dass der „Stern“ ein Interview mit ihm wie folgt wiedergab: „Keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten“. Er schrieb dazu auf Twitter: „Diese Zuspitzung und Selbstverkürzung durch den Stern ist mir peinlich und entspricht nicht dem Zusammenhang des Interviews.“ Drosten zeigte sich „schockiert“.

Dabei hatte das Magazin korrekt gearbeitet. Denn Drosten hatte wortwörtlich gesagt, er glaube „überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.“ Zugespitzt war da nichts. Es geht Drosten wohl so, wie es manchen im Umgang mit Medien unerfahrenen Menschen geht: Sie erschrecken sich dann und wann über das, was sie selbst gesagt haben.

In seinem aktuellen Podcast nimmt Drosten Anstoß daran, dass in Talkshows immer noch versucht werde, Konflikte zwischen Wissenschaftlern zu schüren und zu überzeichnen, dass Forscher immer mehr als Entscheidungsträger dargestellt sowie Karikaturen von Wissenschaftlern veröffentlicht würden, bei denen ihm schlecht werde.

Dabei ist beispielsweise der Gegensatz zwischen Drosten und dem Virologen Alexander S. Kekulé von der Uni Halle offensichtlich. Während Kekulé anfangs rigoroser durchgreifen wollte, von der Bundesregierung aber nicht gehört wurde, war es bei Drosten umgekehrt. Er äußerte sich eher vorsichtig – und trat mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Bundespressekonferenz auf.

Kekulé suchte die Öffentlichkeit, Drosten wurde in sie hinein gestoßen und hadert nun mit den Konsequenzen.

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Keine Kontrolle über das eigene Bild

Der Fachmann mag nicht einsehen, dass – wer in den Medien in Erscheinung tritt – zwangsläufig ein Stück Kontrolle über sein öffentliches Bild verliert. Wäre es anders, gäbe es sehr rasch keine Pressefreiheit mehr, sondern bloß noch Werbung. Kein Minister, kein Sportler, kein Musiker und kein Schriftsteller wird immer happy sein über das, was über ihn in der Zeitung steht. Das liegt in der Natur der Sache.

Augenscheinlich ist Christian Drosten für die öffentliche Rolle, die er neuerdings spielen muss, nur bedingt geschaffen. Erst wenn all das vorüber ist, wird er ihr entkommen können.

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