Nach vier Jahren Trump: US-Wähler ziehen Bilanz

  • Am Mittwoch wird Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt.
  • Noch immer zweifeln Menschen trotz fehlender Beweise das Wahlergebnis an.
  • Andere setzen hingegen große Hoffnung in die neue Regierung.
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New York. Hinter den amerikanischen Wählerinnen und Wählern liegen 1400 Tage unter der Präsidentschaft von Donald Trump. Die Nachrichtenagentur AP hat einige von ihnen gebeten, Bilanz zu ziehen nach zwei Wahlen, zwei Amtsenthebungsverfahren, mehr als 26.000 Tweets des Präsidenten und vier Jahren praktisch permanenter Turbulenzen. Wie geht es ihnen heute? Fühlen sie Bedauern oder Wut, Beklommenheit oder Hoffnung?

Einige äußern Zuversicht, dass ihr Land auf einem guten Weg ist, andere fürchten die Zukunft, entweder wegen der gewaltsamen Auseinandersetzungen um das Kapitol in Washington oder weil sie Veränderungen durch die künftige Regierung unter Joe Biden fürchten. Alle beklagen eine Zerrissenheit der Gesellschaft. „Wir sind mehr Demokraten und Republikaner als Amerikaner“, sagt Trump-Anhänger Bobby Mitchell.

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USA: FBI ermittelt gegen "Kapitol-Stürmer"
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Unzähligen Foto- und Videoaufnahmen des Sturms auf das Kapitol in Washington D.C. erleichtern die Ermittlungen des FBI.  © Reuters
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Die einen hoffen auf ein zweites Mal Trump – die anderen auf Kamala Harris

Jeff Butcher hat sich stets als unpolitischer Mann der Mitte betrachtet, bis er seine Begeisterung für Trump entdeckte, „der das Land wie ein Unternehmen führen“ würde. Er findet, Trump habe sich darum bemüht, Arbeitsplätze und ganze Branchen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

Der 51-jährige Schweißer in einer Fertigungsanlage für Gabelstapler in Celina im Staat Ohio hält die Präsidentschaftswahl für manipuliert und glaubt, dass in Wahrheit Linksextremisten hinter dem Sturm auf das Kapitol Anfang Januar stehen. Für beide Behauptungen gibt es keine Beweise. Und während Butcher hofft, dass „alles gut geht“ mit Biden, fürchtet er doch, was die Demokraten tun werden. Sein Wunsch: Trump soll 2024 noch einmal antreten.

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Cynthia Morraz, eine 26 Jahre alte Studentin an der Purdue University in Indianapolis hat in ihrem Bezirk bei der Organisation der Wahlen geholfen. Sie glaubt, die künftige Regierung werde integrativer sein und hoffentlich eine dauerhafte Lösung für junge Einwanderer finden, die als Kinder in die USA gebracht wurden.

Morraz findet, die Herkunft der künftigen Vizepräsidentin Kamala Harris werde hilfreich sein: „Eine nicht weiße Frau in seiner solchen Führungsposition zu sehen und jemanden, der ein Produkt der Einwanderung ist, das ist so motivierend für so viele andere Gruppen.“

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Frank Ayllon hat zwei Mal für Trump gestimmt und bereut es nicht. Der 37-jährige Unternehmensberater für Gastronomie aus Miami hält Trump zugute, der habe der politischen Korrektheit ein Ende gesetzt, Arbeitsplätze aus dem Ausland zurückgeholt und Amerika international wieder Respekt verschafft.

Die Gewalt, die Trump-Anhänger verübten, verurteilt er: „Das Randalieren, Plündern, die Antifa-Methoden. Wir machen genau das gleiche.“ Er glaubt, dass Bidens umsichtiger Charakter dem Land gut tun wird. Ayllon will den gewählten Präsidenten unterstützen. „Schlussendlich bin ich Amerikaner.“

Desinformation in sozialen Medien

Jason Prats hat versucht, mit Latinos zu diskutieren, die Trump unterstützen. Er verwies darauf, dass Trump die Einwanderung begrenzt und die Chancen auf Asyl stark beschnitten habe. Durchgedrungen ist er damit nicht. Prats macht dafür den Einfluss von Desinformationen in den sozialen Medien verantwortlich.

Der 30-Jährige arbeitet in Fort Lauderdale in Florida in der Finanzbranche. Er glaubt, Biden werde ein gutes Vorbild sein und Amerikas Charakter wiederherstellen - gemeinsam mit den Republikanern. „Das wird nicht perfekt. Politik ist niemals perfekt, aber wenigstens ist es nicht mehr so schlimm wie es war.“

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Washington: USA steuern auf Regierungswechsel zu
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Die letzten Stunden von US-Präsident Trump im Weißen Haus sind angebrochen. Dem Regierungswechsel am Mittwoch blicken die USA mit Sorge entgegen.  © dpa
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Sie glauben noch immer an Wahlbetrug

Bobby Mitchell findet, die Behörden hätten nach der Präsidentschaftswahl eine Neuauszählung der Stimmen anordnen sollen, um das Vertrauen in die Abstimmung wiederherzustellen. Der 39 Jahre alte Investor und Veteran der Luftwaffe aus Columbus, Ohio, verurteilt die Auseinandersetzungen am Kapitol. „Kein Patriot sollte solch ein Verhalten unterstützen“, sagt er.

Dennoch findet Mitchell, der schwarz ist, dass die Handlungen von Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung nicht in gleichem Maß kritisiert wurden. Er preist Trump, der in jedem Handelsabkommen Amerikas Interessen in den Mittelpunkt gestellt habe, erklärt aber auch: „Ich glaube nicht, dass ich einen Republikaner kenne, der mit allem einverstanden ist“, was Trump getan hat.

Sandy Atkins hat mit ihren 59 Jahren nach eigener Aussagen nie ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abgegeben. Das änderte sich 2020, als Atkins aus Syracuse in Indiana, die sich als Christin beschreibt, für Trump stimmte. „Es gefällt mir, dass er nicht klein beigibt“, sagt sie.

Bis zum 6. Januar hoffte sie, dass Gott noch eingreifen und Trump die Präsidentschaft für weitere vier Jahre sichern würde. Biden habe nicht fair gesiegt. Wenn doch, „dann glaube ich, dass jeder, sogar Donald Trump, das akzeptiert hätte“. Jetzt gebe es zu viel Hass und Misstrauen, was dazu führen werde, dass die Menschen nicht mehr wählten. Wird sie noch einmal wählen? „Wenn Trump wieder antritt, ja.“

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Feuer unweit des Kapitols versetzt Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft
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Der US-Kapitol-Komplex wurde für etwa eine Stunde am Montag (18. Januar) geschlossen, nachdem ein Feuer in der Nähe ausbrach.  © Reuters
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Latricia Robinson hat Donald Trump nie gemocht. „Für mich ist er der Antichrist, es tut mir leid“, erklärt sie. „Er ist böse.“

Die 48-jährige Schwarze arbeitet in St. Petersburg in Florida in der Gesundheitsbranche. Sie war sehr aufgebracht, als Trump Wählerstimmen in Staaten wie Georgia in Zweifel zog. Dies sei ein Versuch, schwarze Stimmen zu unterdrücken, erklärt sie.

Doch die Wahl von Biden und Harris hat ihr neue Hoffnung gegeben, genau wie die Ergebnisse von zwei Stichwahlen in Georgia für Senatorenposten, wo die demokratischen Kandidaten siegten. „Die afroamerikanischen Frauen haben die Stimmen beschafft. Es sind immer die afroamerikanischen Frauen, die Königinnen.“

RND/AP

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