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Ex-Sicherheitsberater Bolton: „Viele fürchten noch immer den Zorn von Trump“

  • Unter Donald Trump war John Bolton Nationaler Sicherheitsberater, zuvor unter anderem US-Botschafter bei der UN.
  • Den Nachgang der US-Präsidentschaftswahl bezeichnete er als „Charaktertest für Trump“.
  • Im RND-Interview zieht Bolton ein vernichtendes Fazit dieses Tests und liefert gleich einen Grund dafür mit: „Trump handelt einfach kindisch.“
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John Bolton (71) diente als Diplomat schon Ronald Reagan und George Bush senior. Er ist Republikaner und gilt wegen seiner harten Haltung gegenüber Moskau, Peking und dem Iran als „Falke“. Unter Donald Trump arbeitete er bis September 2019 als Nationaler Sicherheitsberater im Weißen Haus. Matthias Koch erreichte ihn telefonisch in Washington.

Botschafter Bolton, Sie haben nach der Wahl gesagt, nun beginne ein Charaktertest für Donald Trump. Wie bewerten Sie zwei Wochen später das Testergebnis?

Trump ist glatt durchgefallen. Er hat nicht nur die Wahl verloren, sondern auch danach Tag für Tag eigentlich alles falsch gemacht. Erst flüchtete sich der Präsident in eine Theorie von Wahlbetrug, dann entpuppte sich alles nach und nach als Fantasie. Inzwischen sehen das zum Glück auch andere in meiner Republikanischen Partei immer klarer. Tatsache ist: Joe Biden ist der gewählte Präsident.

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Ein Machtwort dieser Art aus der Führung der Republikaner, etwa im Senat, haben wir aber noch nicht gehört.

Es sind bislang in der Tat zu wenige, die den Sieg Bidens anerkennen. Das stört mich auch. Eigentlich ist es schon jetzt höchste Zeit zu sagen: Wir sehen einer neuen Realität ins Auge und stellen uns darauf ein.

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Strategien mit Blick auf den 5. Januar

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Wovor haben Ihre Parteifreunde Angst?

Viele fürchten noch immer den Zorn von Trump – und denken nicht an den langfristigen Glaubwürdigkeitsverlust, der hier droht. Manche sind verunsichert, weil am 5. Januar die Stichwahl für zwei Senatoren in Georgia ansteht …

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die über Ja oder Nein einer republikanischen Mehrheit im US-Senat entscheidet.

Gerade weil diese Wahlen so bedeutend sind, sollten wir uns dort im Wahlkampf nicht als Partei gespalten zeigen in der Frage, wer die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Damit schaden wir uns nur selbst. Wir sollten den Leuten einfach sagen, wir brauchen jetzt einen republikanisch dominierten Senat als Gegengewicht zu einem künftigen Präsidenten Joe Biden.

Washington mahnt andere Staaten der Welt immer, nur ja die Wahlergebnisse zu respektieren. Den Politikern der Elfenbeinküste etwa empfahl die US-Botschaft in Abidjan just Anfang dieses Monats einen „inklusiven Dialog“ und die „Heilung nationaler Spaltungen“.

Als früherer Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen kenne ich diese Debatten natürlich sehr genau. Aber im Prinzip ist und bleiben diese Mahnungen doch richtig, egal ob man über die Elfenbeinküste redet oder über Deutschland oder die USA. Niemand soll jetzt bitte wegen unserer aktuellen Schwierigkeiten in Washington seinen Glauben an die Demokratie verlieren und an rechtsstaatliche Abläufe. Unsere Probleme liegen ja nicht an irgendeinem Fehler im System. Sie liegen an Donald Trump. Ich bin absolut sicher, dass wir nach der Amtsübergabe am 20. Januar eine ganz neue Lage haben werden.

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Zähne zusammenbeißen, Trump aussitzen

Was raten Sie den Europäern bis dahin?

Zähne zusammenbeißen, abwarten, Trump aussitzen. Die Zeit bis zum 20. Januar erscheint auf den ersten Blick noch lang. Aber bald kommt ja auch Thanksgiving, dann Chanukka, Weihnachten, Neujahr.

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Wahldebakel in den USA: Trump gibt nicht auf
1:12 min
Der amtierende US-Präsident Donald Trump hat in einem weiteren Bundesstaat eine teilweise Neuauszählung der Stimmen beantragt.  © Reuters

Sogar die sonst so coolen Profis bei der Nato beunruhigt aber, dass Trump seinen Verteidigungsminister Mark Esper entlassen hat, einen Mann, der in Europa Vertrauen genoss.

Die Entlassung Espers war wirklich ein großer Fehler. Es ist generell falsch, in einer Übergangsphase nach der Präsidentschaftswahl an den Institutionen der äußeren Sicherheit der USA herumzufummeln. Schon der Ernst der Weltlage spricht dagegen. Aber so ist Trump: Er handelt einfach kindisch. Mit Esper hat er sich in den vergangenen Monaten mehrfach überworfen, deshalb wollte er ihn unbedingt noch rauswerfen – nach seiner eigenen Abwahl als Präsident. Dass damit Gefahren verbunden sind, dass es Risiken und Nebenwirkungen gibt, ist ihm egal.

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Laut „New York Times“ erkundigte sich Trump jüngst nach Optionen für einen Militärschlag gegen den Iran. Droht im Extremfall Krieg?

Das ist sehr unwahrscheinlich. Zwar hat Trump für seine verbleibenden Tage vielleicht tatsächlich den einen oder anderen Plan im Kopf, Dinge zu tun, über die eine Mehrheit bestürzt wäre – in den USA wie im Rest der Welt. Nach wie vor ist er ja wütend, nach wie vor treibt ihn der Gedanke um, man habe ihm die Wiederwahl gestohlen. Doch Trumps Überlegungen, das war immer so, sind am Ende episodisch, erratisch, sie sind nicht irgendwie miteinander verbunden.

Nach Entwarnung klingt das nicht.

Alle, die mit internationalen Beziehungen zu tun haben, wissen hoffentlich, dass sie in den kommenden Wochen eine verstärkte Wachsamkeit zeigen müssen. Für mich unterstreicht dies jedenfalls einmal mehr die Notwendigkeit, dass die Republikaner jetzt wirklich aufstehen, auf Trump zugehen und ihm sagen: Pass mal auf, du hast die Wahl verloren, Präsident bist du nur noch bis zum 20. Januar – und bis dahin organisierst du jetzt den Übergang.

Bis Mitte Januar will Trump aber noch seine Basis bedienen und schnell die amerikanischen Truppen in Afghanistan reduzieren, von 4500 auf 2500. Was sagt dazu der frühere Nationale Sicherheitsberater der USA?

Das ist keine gute Idee. Es beginnt ja schon damit, dass die Zahl 2500, die putzigerweise auch im Irak gelten soll, in beiden Fällen absolut willkürlich gegriffen wurde. Das sind politische Zahlen – ohne Verbindung zu den militärischen Anforderungen in den jeweiligen Ländern. Trump interessiert sich nicht für den konkreten internationalen Kontext, in dem dies alles geschieht. Und er zeigt keinerlei Respekt gegenüber der kommenden Biden-Administration, der nun gar nichts anderes übrig bleiben wird, als je nach Lage der Dinge sowohl in Afghanistan als auch im Irak über die Truppenstärke neu zu entscheiden.

Wer ist hier „ein echter Trottel“?

Vor ein paar Tagen hat Trump über Sie auf Twitter geschrieben, Sie seien „ein echter Trottel“ und „einer der dümmsten Menschen“, mit denen er in seiner Regierung zu tun gehabt habe. Wie reagieren Sie darauf?

Ich schreibe jedenfalls nichts zurück. Wie soll man reagieren auf eine Beleidigung, die von jemandem kommt, dem es offenkundig an Reife mangelt? Das eigentliche Problem ist doch, dass dieser Mann sich selbst entblößt – und damit das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten beschädigt.

War es angesichts all dieser Entwicklungen nicht der Fehler Ihres Lebens, dass Sie im Jahr 2018 überhaupt angefangen haben, für Trump im Weißen Haus zu arbeiten?

Als ich damals an Bord ging, habe ich geglaubt, die Schwere und die Bedeutung des Präsidentenamts würden einen Effekt haben auf Trump. Bei allen anderen Präsidenten, die ich erlebt habe, gab es diese Veränderung. Doch dann stellte ich fest: Bei Trump gab es sie nicht. Diesen Erkenntnisprozess habe ich ausführlich beschrieben in meinem Buch „Der Raum, in dem alles geschah“. War diese Erfahrung für mich bitter? Ja. Bin ich frustriert? Ja, klar. Aber würde ich unter den damals gegebenen Umständen heute anders entscheiden? Nein. Wenn man um Rat gebeten wird vom Präsidenten der USA, dann versucht man nun mal, sein Bestes zu geben, schon um des Landes willen.

Als Nationaler Sicherheitsberater der USA auf der Weltbühne: Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verhandelte John Bolton im Jahr 2019 über Möglichkeiten zur nuklearen Rüstungsbegrenzung.

Ihr Vater war Feuerwehrmann in Baltimore, Sie haben es dann als Jurastudent an die Yale University geschafft. Erklärt das Ihren realistischeren Blick auf manche Dinge – im Gegensatz zum einen oder anderen Millionär oder Milliardär in Ihrer Partei?

(Lacht) Könnte sein. Aber ganz ehrlich: Meine Lebensgeschichte ist gar nicht so anders als die von Millionen anderer Amerikaner. Es geht in diesem Land um Chancen, um Offenheit, um Aufstiegsmöglichkeiten. Diese Dynamik macht Amerika aus. Und die Politik der Republikaner war immer darauf gerichtet, diese Dynamik aufrechtzuerhalten.

Botschafter Bolton, vielen Dank für dieses Gespräch.

“Staat, Sex, Amen”
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