Verschwörungsmythen befeuern Geschichtsrevisionismus

  • Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft stellt die neue Umfrage „Memo 2021“ vor.
  • Sie untersucht, wie die Deutschen zur nationalsozialistischen Vergangenheit stehen.
  • Eine Erkenntnis ist, dass das Ausmaß der Zwangsarbeit immer noch stark unterschätzt wird.
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Berlin. Menschen, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie an Verschwörungstheorien glauben, sind eher bereit, die deutsche Bevölkerung von Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit zu entlasten. Sie neigen eher dazu, das Leiden der NS-Opfer mit dem der Täter gleichzusetzen und sie zweifeln eher an der Verfolgung der Juden in der Nazizeit.

Das ist eine Kernaussage der Studie „Multidimensionaler Erinnerungsmonitor – Memo 2021“, die am Mittwoch vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld in Berlin vorgestellt wurde.

Die jährliche Befragung, die von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert wird, richtete in ihrer neuesten Welle zu Jahresbeginn den Blick auch auf geschichtsrevisionistische Vorfälle bei Corona-Demonstrationen und versuchte zu erkunden, wie Umfrageteilnehmer auf NS-Vergleiche reagieren.

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Geheime Organisationen

Die Studie zeigt, dass knapp 90 Prozent der Befragten es bei direkter Nachfrage ablehnen, das Leiden der deutschen Bevölkerung während der Covid-19-Pandemie mit dem Leid von Menschen während der NS-Zeit gleichzusetzen. Aber 29 Prozent stimmen der Aussage zu, es gebe geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Und 22 Prozent stimmen der Aussage zu, Politiker und andere Entscheidungsträger seien nur Marionetten der hinter ihnen stehenden Mächte.

Wie der Leiter des IKG, Prof. Andreas Zick, erläuterte, sind diejenigen Befragten, die stärker an Verschwörungserzählungen glauben, historisch weniger gut informiert und blicken häufiger mit revisionistischen Perspektiven auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Auf die Frage, ob die deutsche Bevölkerung während der NS-Zeit genauso stark gelitten habe wie Gruppen, die durch das Hitlerregime verfolgt wurden, antworten 57 Prozent in zwei Abstufungen mit Nein. Aber über 23 Prozent befinden „teils/teils“, fast 10 Prozent sagen „stimme eher zu“ und 8  Prozent stimmen sogar „stark zu“.

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Geschichtliche Wissenslücken

Die Mehrheit der rund 1000 Befragten ist der Meinung, dass Deutschland mit seiner Art der Geschichtsaufarbeitung Vorbild für andere Länder sein könnte. Aber während viele Befragte die NS- Erinnerungskultur als bedeutsam und sich selbst als gut informiert einschätzen, zeigen sich Lücken im tatsächlichen Wissen über die Geschichte und im Bewusstsein für die Kontinuitäten menschenfeindlicher Einstellungen heutzutage.

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Auf die Frage, welches Ereignis in der jüngeren Vergangenheit in einem direkten Zusammenhang mit der NS-Geschichte stand, konnten oder wollten die meisten Befragten, nämlich 46 Prozent, keine Antwort geben.

Bezüge zur Gegenwart

Zick sagte dazu: „Wenn der Anspruch gilt, aus der NS-Geschichte gelernt zu haben, dann sollten Menschen in der Lage sein, Bezüge zur Gegenwart zu erkennen.“ 24 Prozent der Umfrageteilnehmer nannten Angriffe und Anschläge, wie etwa auf die Synagoge in Halle/Saale 2019, Attentate des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) oder den Anschlag in Hanau im vergangenen Jahr, als Ereignisse im Zusammenhang mit der Nazizeit. Knapp 10 Prozent nannten „gesellschaftspolitisch rechte Entwicklungen“.

„Wir finden in unseren Studien wiederholt das Bild einer ‚historisch sensibilisierten‘ Gesellschaft, das sich bei genauem Nachfragen aber nicht immer bestätigt“, kommentierte Projektkoordinator Michael Papendick von der Uni Bielefeld. So schätzen die Befragten die Anzahl der Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland mit etwa vier Millionen Menschen deutlich geringer ein, als es die historischen Schätzungen tun. Diese gehen von über 13 Millionen Zwangsarbeitern im damaligen „Deutschen Reich“ aus.

Unkritische Selbstsicht

Mehr als 80 Prozent der Befragten verneinen, dass ihre eigenen Vorfahren Zwangsarbeiterinnen oder Zwangsarbeiter in ihren Unternehmen, in ihren Haushalten oder auf ihren Höfen arbeiten ließen. „Dabei war Zwangsarbeit nahezu allgegenwärtig und in nahezu allen Bereichen zu finden“, betonte Dr. Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der EVZ-Stiftung.

„Die Ausbeutung und Vernichtung durch Arbeit hatte Methode – in Fabrikhallen ebenso wie auf Bauernhöfen oder in Privathaushalten.“ Ein zentrales Anliegen der vor 20 Jahren mit Geldern der Bundesrepublik und der Wirtschaft gegründeten EVZ-Stiftung ist es, die Erinnerung an das gegenüber Zwangsarbeitern begangene Unrecht wachzuhalten.

Wie viele Menschen mussten in der NS-Zeit zwangsarbeiten? Die Umfrageteilnehmer sind unterteilt in Altersgruppen von 16 bis über 75. Bei den jüngsten fallen die Schätzungen höher aus (5,4 Millionen), bei den älteren niedriger (zwei Millionen). © Quelle: IKG Universität Bielfeld

Im Studienzeitraum von Dezember 2020 bis Januar 2021 wurden die Teilnehmer im Alter von 16 bis 87 Jahren auch befragt, wie offen sie für digitale Vermittlungsangebote zum Thema Nationalsozialismus sind.

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Dabei zeigte sich, dass die überwiegende Mehrheit dieses eher ablehnt. Am deutlichsten wurde das bei der Frage, ob sie sich der NS-Geschichte auch über ein Computerspiel nähern würden. Darauf antworteten über 80 Prozent ablehnend, 67,2 Prozent mit „überhaupt nicht“ und 13,4 Prozent mit „eher nicht“.

Skepsis gegenüber Digitalformaten

Auch das Format Audiopodcast schnitt schlecht ab, am ehesten waren die Befragten noch einem Gespräch mit einem digitalen Zeitzeugen zugetan: Hier antworteten 18,4 Prozent „sehr gern“ und 21,8 Prozent „eher gern“. Eine virtuelle Besichtigung einer KZ-Gedenkstätte können sich 26 Prozent vorstellen.

Sowohl Zick als auch Despot räumten ein, dass die eher ablehnende Haltung gegenüber digitalen Erinnerungsformaten auch mit der Schwere der Materie zu tun hat. Despot leitete davon den „strategischen Auftrag“ ab, Überlegungen anzustellen, wie man bei dem Thema weiter vorankomme, denn die Erinnerungskultur werde daran nicht vorbeikommen. Die EVZ-Stiftung fördert jährlich rund 300 Projekte in 20 Ländern.

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