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Verleger Christoph Links: „Wir brauchen in einer Demokratie einen offenen Diskurs“

Der Verleger Christoph Links.

Herr Links, Sie scheiden aus dem Verlag aus, den Sie selbst 1989 gegründet haben. Mit welchem Gefühl tun Sie das?

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Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch im Verlag und räume auf. Denn ich werde zwar noch eine Zeit lang als freier Lektor für den Verlag arbeiten, aber meine Zeit als Chef des Verlages endet jetzt. Dabei gehe ich mit einem guten Gefühl. Zwar ist der politische Sachbuchmarkt, von dem wir in erster Linie leben, coronabedingt um etwa ein Drittel eingebrochen. Die historische Erfahrung bewahrheitet sich auch diesmal: Menschen wollen sich in Krisenzeiten nicht noch mit anderen Problemen belasten. Wir haben das Jahr allerdings ohne Verlust beenden können, da wir rechtzeitig gegengesteuert haben.

Inwiefern?

Wir sind bereits im Frühjahr in Kurzarbeit gegangen, haben staatliche Zuschüsse bekommen und zumindest ein Buch mit Mitteln aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) realisiert, das wir sonst nicht hätten publizieren können. Im Übrigen hat uns der Aufbau-Verlag, unter dessen Dach wir jetzt arbeiten, die Liquidität und damit das Überleben gesichert.

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Wenn Sie auf die letzten über 30 Jahre zurückschauen – was steht da auf der Habenseite?

Wir sind im Herbst 1989 gegründet worden, um Tabus der DDR zu brechen und weiße Flecken der ostdeutschen Geschichte aufzuarbeiten. Da waren wir, denke ich, recht erfolgreich – etwa mit Büchern wie „Chronik der Wende” oder „Chronik des Mauerfalls”. Wir haben dann auch die Geschichte der Vereinigung mit zahlreichen Büchern begleitet und auf die schweren Verwerfungen hingewiesen, die sie mit sich brachte. Das ist jetzt im Bewusstsein vieler Menschen angekommen und muss weiter bearbeitet werden. Außerdem haben wir Trends gesetzt bei der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, die lange verdeckt wurde durch die NS-Geschichte. Dabei ging es zum Beispiel in einem Buch von Jürgen Gottschlich um die deutsche Beteiligung am Völkermord an den Armeniern, das nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass es später eine entsprechende Resolution im Bundestag gab.

Was hätte besser laufen können?

Wir hatten einen nicht so großen Durchsatz im Buchhandel, wie ihn manche Bücher zweifellos verdient hätten. Mit dem Vertriebssystem des Aufbau-Verlages dürften wir künftig in den großen Ketten besser vertreten sein, als uns das bisher gelungen ist.

Wie geht es – jenseits von Corona – mit den Verlagen weiter?

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Die Lage des Buchhandels ist durch einen starken Konzentrationsprozess gekennzeichnet. Dieser hat sich enorm beschleunigt. Dabei hat sich Amazon weiter ausgedehnt. Nur noch ungefähr die Hälfte aller Bücher wird vom stationären Buchhandel vertrieben. Das hat die Lage für uns mittelständische Verlage, die vor allem vom unabhängigen, inhabergeführten Buchhandel leben, nicht einfacher gemacht. Da müssen wir gegensteuern. Denn Monopole werden oft genutzt, um Lieferanten zu erpressen. Milchbauern fahren mit ihren Treckern vor die Zentrale von Aldi, um gegen zu niedrige Einkaufspreise zu protestieren. Ich hoffe nicht, dass wir das eines Tages vor den großen Zentrallagern der Buchhandelsketten auch tun müssen; das wäre schrecklich. Für unsere Branche ist die Buchpreisbindung existenzsichernd und muss erhalten werden. In Großbritannien wurden Bücher nach ihrer Aufhebung teurer, das Angebot wurde schmaler. Das wollen wir nicht, und das wäre auch für die Kunden nicht gut.

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter? Als Ruheständler kann man sich Christoph Links kaum vorstellen.

Ich bin froh, mit 66 Jahren jetzt einen ruhigeren Rhythmus zu finden. Ich habe aber weiterhin viel vor. Ich werde in den Stiftungsgremien des Aufbau-Verlages tätig sein und arbeite bereits an einer Gesamtdarstellung der ostdeutschen Buchhandelsgeschichte. Ich bin außerdem nach wie vor im PEN-Zentrum engagiert, um mich für verfolgte Autoren und Verleger sowie die Meinungsfreiheit starkzumachen. Da bleibt viel zu tun, auch bei uns. Man sollte niemandem das Wort verbieten – es sei denn, er verlässt den Boden des Grundgesetzes. Wir müssen uns auch mit unliebsamen Argumenten auseinandersetzen.

Sehen Sie hier Gefahren?

Es gibt in Deutschland zum Glück keine Zensur. Doch es werden zum Beispiel immer wieder Lesungen gestört. Unser Verlag hatte mehrfach mit Rechtsextremisten zu tun. Wir mussten manche Lesungen sogar unter Polizeischutz abhalten. Andere Häuser haben ähnliche Erfahrungen mit Linksextremisten gemacht. Es gibt mehr Konfrontation und weniger Toleranz. Wir brauchen in einer Demokratie aber einen offenen Diskurs, an dem alle mitwirken können.

Apropos Ruhestand. Sie wohnen in Berlin-Pankow, das seit der Eröffnung des neuen Flughafens BER nicht mehr in der Einflugschneise des Flughafens Tegel liegt. Zumindest da dürfte jetzt wirklich Ruhe herrschen.

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Ja! Wir können jetzt auf dem Balkon sitzen und uns unterhalten. Das Fernsehbild bleibt nicht mehr stehen, wenn ein Flugzeug im Landeanflug über unser Haus donnert. Wir können ohne Lärmbelästigung durch den Park laufen und frische Luft schnappen. Es ist ein wunderbares neues Leben.

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