• Startseite
  • Politik
  • Verdirbt Politik den Charakter? Neues Buch über Ängste und Süchte der Mächtigen

Verdirbt Politik den Charakter? Neues Buch über Ängste und Süchte der Mächtigen

  • Wie arbeiten, leben und leiden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages?
  • Die Parlaments-Korrespondenten Peter Dausend und Horand Knaup haben das für ihr neues Buch recherchiert.
  • Herausgekommen ist eine schonungslose Bestandsaufnahme des Politikbetriebes.
Sophie Schade
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Der Deutsche Bundestag ist nicht das Weiße Haus. Und die meisten Abgeordneten haben auch wenig Ähnlichkeiten mit Frank Underwood, dem finsteren Titelhelden der US-Kultserie “House of Cards”. Aber auch unter Deutschlands Parlamentariern lässt sich das Phänomen beobachten, dass politische Ämter nicht spurlos an den Menschen vorbeigehen, die sie ausüben.

Macht kann süchtig machen, einerseits. Andererseits kann sie auch beängstigend sein. Wer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, ist heute permanenter Kritik ausgesetzt. Die Stimmung ist aggressiver geworden in den vergangenen Jahren. Vor allem Frauen und Abgeordnete mit Migrationsgeschichte berichten von persönlichen Attacken.

Über den Zwiespalt zwischen der Lust am Gestalten und dem Frust über den Verlust der Privatheit haben die Berliner Politik-Journalisten Peter Dausend und Horand Knaup mit Abgeordneten aller Parteien Hintergrundgespräche geführt. Die Ergebnisse haben sie in einem Buch mit dem Titel “Alleiner kannst du gar nicht sein” zusammengetragen. Es ist in dieser Woche erschienen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

“Der Bundestag bildet ab, was in der Gesellschaft los ist”, sagte Parlamentsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) anlässlich der Präsentation der Neuerscheinung. Dazu gehörten die gleichen Konflikte und Härten, wie sie überall in der Gesellschaft vorkommen.

“Drohungen mit sexueller Gewalt oder Mord”

Diese Härten erleben vor allem Abgeordnete aus Gruppen, die nicht adäquat im Bundestag repräsentiert sind. Im Parlament liegt zum Beispiel der Frauenanteil bei etwa 30 Prozent, obwohl Frauen die Hälfte der deutschen Bevölkerung ausmachen. Die parlamentarische Arbeit sei deshalb durchdrungen von veralteten Rollenbildern, sagt Roth. “Der Lautstärkepegel geht hoch, sobald eine Frau ans Pult geht”.

Das Klima wird rauer - im Parlament und auch außerhalb. Weibliche Abgeordnete sehen sich immer häufiger Drohungen von sexueller Gewalt oder sogar Mord ausgesetzt. Was das mit dem Menschen hinter dem Politiker macht, darüber berichtet Roth in “Alleiner kannst du gar nicht sein”.

Ähnliches erleben Abgeordnete mit Migrationsgeschichte, die nur zu einem Bruchteil im Bundestag vertreten sind. Dass Sexismus und Rassismus einen gewissen Platz im Parlament haben, liegt Claudia Roth zufolge auch daran, dass die AfD seit 2017 im Bundestag vertreten ist.

Aber wie schützen sich Abgeordnete vor persönlichen Angriffen, wie gehen sie mit Hass und Hetze um? Wer das wissen will, fragt am besten den langjährigen CDU-Parlamentarier Wolfgang Bosbach. “Man muss sich ein dickes Fell wachsen lassen", sagt der Mann, der von 1994 bis 2017 dem Parlament angehört hat. “Aber bitte auch nicht so dick, dass man ohne Rückgrat stehen kann”, fügt Bosbach hinzu.

Amt und Persönlichkeit trennen

Was sowohl Roth als auch Bosbach in ihren Jahren als Parlamentarier gelernt haben: Es sei wichtig, sich nicht ausschließlich über das Mandat zu definieren. Wenn sie für ein Radiointerview angefragt werde, erklärt Claudia Roth, dann passiere das ja nicht aus Sympathie für ihre Person, sondern vor allem auf Grund ihres Amtes. Diese Unterscheidung sei wichtig, um nach der politischen Karriere nicht in ein Loch zu fallen - gerade dann, wenn diese unerwartet zu Ende geht. Deshalb sei ein Leben neben der Parteipolitik so wichtig.

Verdirbt Macht den Charakter? Zumindest kann sie Menschen verändern. Auf die Euphorie nach der Wahl ins Parlament folgen nicht selten Ängste. Das beginnt schon bei dem Zwiespalt zwischen den eigenen Überzeugungen und der Fraktionsdisziplin bei Abstimmungen. Folgen Abgeordnete dem eigenen Gewissen, gelten sie schnell als Abweichler. Stimmen sie mit der Linie ihrer Partei oder gehen Kompromisse ein, um zumindest politische Teilziele zu erreichen, wird ihnen mangelnde Glaubwürdigkeit vorgeworfen. Das Risiko, sich in diesem permanenten Konflikt aufzureiben, ist hoch.

Anzeige

Autor Peter Dausend berichtete von Gesprächen mit Ehefrauen von Abgeordneten, die charakterliche Veränderungen bei ihren Männern beobachtet haben. Ihr Amt bringe das Negative in ihren Partnern hervor.

Dass sich so viele Abgeordnete den Autoren Peter Dausend und Horand Knaupt geöffnet und über ihre Ängste gesprochen haben, ist vielleicht ein erster Schritt, um solche Entwicklungen zu vermeiden.

Peter Dausend, Horand Knaup: “Alleiner kannst du gar nicht sein”, erschienen bei dtv. 463 Seiten, 22 Euro.



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen