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Wie problematisch ist legale Prostitution?

Die Frage der Würde

Eine Frau steht im Eingangsbereich eines Bordells.

Eine Frau steht im Eingangsbereich eines Bordells.

Berlin. Wenn Leni Breymaier die deutsche Prostitutionsgesetzgebung kritisiert, dann geht es schnell ums Ganze. Verfassungswidrig sei sie, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete. Prostitution entwürdige Sexarbeiterinnen und -arbeiter und sei nicht mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes vereinbar. Deshalb wirbt Breymaier dafür, das Kaufen sexueller Dienste zu kriminalisieren – Freier wären dann Straftäter. In wenigen EU-Ländern ist dieses als nordisches Modell bekannte Herangehensweise bereits Gesetz. Der These von der Würdelosigkeit und dem Vorschlag eines Sexkaufverbots wird jedoch vor allem von Prostituierten selbst heftig widersprochen.

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Und auch im Bundestag ist Breymaier mit ihrer Sicht in einer Minderheit – und richtet sich regelmäßig gegen Gesetze, die ihre SPD-Fraktion mit verabschiedet hat. Gemeinsam mit Politikerinnen anderer Parteien – vor allem der CDU/CSU-Fraktion – hat sie sich dem Kampf gegen Prostitution verschrieben. Bei ihrem jüngsten Vorstoß stützt sich die Baden-Württembergerin auf eine aktuelle Studie, in der ein Team um die Psychologin Melissa Farley Interviews mit Freiern auswertete. In sechs Ländern sprachen die Forschenden anonym mit Sexkäufern, die sich auf Inserate des Teams gemeldet hatten.

Hängen Prostitution und Gewalt zusammen?

In Deutschland fanden knapp 100 solcher Interviews statt. Das Ergebnis: „Nicht überraschend“, sagt Farley in Berlin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Breymaier. Die Aussagen der Freier würden sich mit den Geschichten decken, die sie von ausgestiegenen Sexarbeiterinnen kenne: Wer für Sex bezahlt, neige zu höherer sexueller Aggression, auch zu Vergewaltigungen. „Prostitution schadet allen Frauen“, so Prostitutionsforscherin Farley.

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Die deutschen Interviewpartner verteilten sich nahezu gleichmäßig auf Altersgruppen zwischen 18 und 89 Jahren, mehr als die Hälfte gab an, über ein Haushaltseinkommen von mehr als 35.000 Euro zu verfügen. 56 Prozent befanden sich in einer Partnerschaft mit Freundin oder Frau. Das Forschungsteam legte großen Wert darauf, die These von der Würdelosigkeit der Prostitution mit Zitaten der Sexkäufer zu belegen. „Es ist wie auf die Toilette zu gehen“, sagte ein Freier. „Man stillt nur ein Bedürfnis.“ Die Gefahr der Gewalt gegen Prostituierte formulierte ein Freier so: „Wenn ein Mann nicht befriedigt ist, dann nimmt er sich das mit Gewalt.“ Ein anderer erklärte: „Niemand macht es freiwillig.“

Besonderheiten deutscher Freier

In Deutschland ist Prostitution erlaubt, die Sexarbeiterinnen und -arbeiter müssen sich allerdings behördlich anmelden. Laut statistischem Bundesamt arbeiten derzeit knapp 24.000 Prostituierte legal in Deutschland, davon 19 Prozent mit deutscher Staatsbürgerschaft. Farleys Studie nennt einige Besonderheiten der Situation hierzulande.

ARCHIV - 02.06.2022, Berlin: Ein Zimmer des FKK Saunaclubs und Bordells Artemis, aufgenommen am Rande einer Pressekonferenz des Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen anlässlich des Internationalen Hurentags. Ende 2021 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom 01.07.2022 rund 23 700 Prostituierte bei den Behörden angemeldet und damit fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Prostitution zwischen Selbstbestimmung und Elend: Was uns „Layla“ verschweigt

Seit Wochen diskutiert Deutschland über den Ballermannhit „Layla“. Dabei geht es nicht nur um Sexismus, sondern auch um die Frage: Ist Prostitution in Deutschland ein Beruf wie jeder andere, oder ein kriminelles System, in dem Frauen ausgebeutet werden?

Als Vergleichswerte dienen dabei unter anderem die USA, Schottland und Kambodscha. Deutsche Freier sind der Studie zufolge weniger geneigt, die Polizei einzuschalten, falls sie Anzeichen von Menschenhandel oder Zwangsprostitution sähen. Sie legten bei der Auswahl der Prostituierten außerdem besonders hohen Wert auf ethnische Merkmale wie Hautfarbe. Überdurchschnittlich hoch sei auch der Irrglaube, dass man Sexarbeitende nicht vergewaltigen könne.

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Aber nicht alle Freier sprachen von schlimmen Verhältnissen. „Sie war dann wie eine gute Freundin, die mir zugehört hat“, berichtete einer. Was in der Studie eine Randnotiz darstellt, ist laut Andrea Hitzke ein wichtiger Teil der Sexarbeit in Deutschland. Hitzke leitet die Dortmunder Mitternachtsmission, eine Beratungsstelle für Prostituierte, ehemalige Prostituierte und Opfer von Menschenhandel. „Ich kenne sehr viele Frauen, die das aus freien Stücken machen“, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Und auch die meisten Käufer seien „ganz normale Männer“, oft einsam, oft alt, oft mit speziellen Wünschen. „Es gibt Zuhälter, es gibt auch Menschenhandel“, sagt Hitzke, aber das Feld der Prostitution sei sehr weit – und den meisten Sexarbeitenden sei mit einem Sexkaufverbot nicht geholfen. Viel eher gelte es, den sicheren Rahmen von Sexarbeit auszuweiten und zu stärken, etwa indem man die notwendige Krankenversicherung für Prostituierte erschwinglich mache. Derzeit entschieden sich viele – vor allem Frauen – dazu, illegal zu arbeiten, weil die Versicherung zu teuer ist.

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„Rechte statt Verbote“

Auch Ruby Rebelde, Sexarbeiterin und im Vorstand der Berliner Beratungsstelle für Sexarbeit Hydra, ist gegen ein Sexkaufverbot. „Rechte statt Verbote“, fordert sie im Gespräch mit dem RND, „man hilft keiner Berufsgruppe, indem man ihr die Kundschaft wegnimmt.“ Auch Breymaiers These, dass Prostitution an sich entwürdigend ist, widerspricht sie: „Würdevolle Sexarbeit ist möglich, aber voraussetzungsreich. Wir wollen nicht, dass uns Rechte genommen werden und wir am Ende nur das bekommen, was Frau Breymaier für Würde hält.“

Rebelde bezweifelt nicht, dass die Freier im Gespräch mit Farleys Team über reale Missstände berichteten. „Aber wir müssen doch den Kontext betrachten.“ Würdelose Verhältnisse sehe man vor allem in der illegalisierten Prostitution, vielen Sexarbeitenden sei aber der Weg in die legale Berufspraxis verwehrt. „Man braucht eine Arbeitserlaubnis“, sagt Rebelde, „als migrantische Person wartet man da in Deutschland aber auch gerne mal jahrelang drauf – wenn man sie überhaupt bekommt.“ Die Freier zu bestrafen sei der falsche Weg, stattdessen solle man legale Arbeitsmöglichkeiten für Asylsuchende schaffen. Außerdem müsse man Prostituierte gesetzlich vor Diskriminierung schützen. Rebelde selbst verlor wegen ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin ihren Job an einer Reitschule – so etwas sei aufgrund mangelnden gesetzlichen Schutzes möglich.

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Auch Farleys Studienergebnisse zu sexueller Gewalt bei Freiern sieht Rebelde kritisch, nicht nur weil die Psychologin ihrer Ansicht nach Aktivismus und Forschung vermische. „Schauen Sie doch mal in eine Online-Kommentarspalte“, wirft sie ein. „Die Gesellschaft ist voll von Frauenhass – natürlich kann man den auch bei Freiern finden.“

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