Verändert Biden diese Woche die Welt?

  • Selten wurde die Reise eines US-Präsidenten nach Europa mit so vielen Hoffnungen begleitet wie diesmal.
  • Joe Biden will erst den Westen retten – und dann den Rest der Welt.
  • Der Clou ist: Amerika hat tatsächlich gute Chancen, mehr denn je als Freund und Helfer der Menschheit aufzutreten.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die kommenden Tage werden, im Guten wie im Schlechten, die kommenden Jahre prägen, wenn nicht gar die kommenden Jahrzehnte.

Der amerikanische Präsident befindet sich seit gestern Abend in Europa. Ein G‑7-Gipfel in Großbritannien steht an, gefolgt unter anderem von einem Nato-Gipfel in Brüssel Anfang nächster Woche. Am 16. Juni schließlich trifft Joe Biden in Genf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Einen Überblick gibt unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens.

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Können Politiker mit einer einzigen Reise die Welt verändern? Jeder Historiker und jede Historikerin wird sagen: Ja, das können sie – allerdings müssen die Umstände stimmen.

Wenn der Wind des Wandels weht

John F. Kennedy hat es vorgemacht. Mit seinem Auftritt in Berlin im Jahr 1963 hat er einen Pflock eingerammt: Noch Jahrzehnte später wagte es kein sowjetischer Führer, infrage zu stellen, dass am Checkpoint Charlie die von den USA verteidigte freie Welt beginnt.

Besondere Wirkungen entfalten Reisende in der Politik immer dann, wenn sie den Wind den Wandels im Rücken haben und für eine Idee stehen, deren Zeit ohnehin gekommen ist.

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Ankunft in Großbritannien: Joe Biden, Präsident der USA, und First Lady Jill Biden steigen aus der Air Force One auf der Royal Air Force Station Mildenhall in Ostengland. © Quelle: Joe Giddens/PA Wire/dpa

Ein engeres Zusammenrücken von USA und EU beispielsweise ist jetzt nötig und möglich zugleich. Es ist auch strategisch geboten: Die wahren Probleme, das haben Amerikaner wie Europäer inzwischen mitbekommen, siedeln nun mal eher in China und in Russland. Niemand darf sich wundern, wenn nach dieser Reise das transatlantische Verhältnis in völlig neuem Licht erstrahlt.

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Damit nicht genug. Biden hat jetzt die Chance, sein Land der gesamten Menschheit gegenüber mehr denn je als gutwilligen Freund und Helfer auftreten zu lassen. Seine Teams haben die Weisung, eine seriöse Vision zu erarbeiten, wie nach einer Phase kurzsichtiger nationalistischer Impfwettläufe die Pandemie tatsächlich wie eine Pandemie behandelt werden kann: mit einer klugen, wahrhaft weltweiten Anstrengung.

Biden ist in Bewegung – als Mann mit einer Mission

Ein Anfang ist gemacht. Indem Biden Geld und Impfstoff in die Kanäle der internationalen Agentur Covax lenkt, stärkt er den Gedanken des weltweiten Zusammenrückens nach weltweit geltenden Regeln – ohne dies wie China mit stumpfer nationaler Machtpolitik zu verknüpfen. Gestern Abend meldete die „New York Times“, Biden habe Deals mit Pfizer und Biontech gemacht, die darauf zielen, „in 100 Nationen der Erde“ die Impfungen voranzutreiben.

Stehen wir am Anfang einer überraschenderweise doch wieder von den USA dominierten neuen Weltordnung? Biden jedenfalls ist in Bewegung: planvoll, fokussiert, als Mann mit einer Mission.

Im Buch „Sternstunden der Menschheit“ beschreibt der Schriftsteller Stefan Zweig die Reise von Wladimir Iljitsch Lenin von Zürich nach Russland. Der Revolutionär saß zwei Tage lang in einem rumpelnden Zug. Nachdem der sich am 9. April 1917 schnaufend in Bewegung setzte und Fahrt aufnahm, durchbohrte er nach den Worten Stefan Zweigs die Geschichte Europas wie ein „Geschoss“, um schließlich „in St. Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu sprengen“.

Ganz so viel Pathos wäre im Fall Biden nicht passend. Dennoch gilt: Schon in seinen ersten 20 Wochen im Weißen Haus hat der zielstrebige 78-Jährige sehr viel mehr verändert, als die meisten ihm zugetraut hätten.

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Zitat des Tages

Im Grunde bereitet er sich seit 50 Jahren darauf vor.

Jen Psaki, Sprecherin von Joe Biden, zu einer Reporterin, die bei einem White-House-Briefing wissen wollte, wie der Präsident sich auf die Reise nach Europa vorbereitet habe.

Leseempfehlungen

Open-Air-Kino in ganz Berlin: Gestern Abend ist die Sommerausgabe der diesjährigen Berlinale gestartet. Nach der langen pandemiebedingten Pause scheint die Branche in Deutschland wieder zu sich zu finden. „Bislang ist das befürchtete große Kinosterben ausgeblieben“, notiert Stefan Stosch in seiner großen Reportage unter dem Titel „Nach dem Filmriss“. Klar sei aber, dass manche Umwälzungen gerade erst begonnen haben: „James Bond allein kann es nicht richten.“

Khaby Lame arbeitete in einer Fabrik in Norditalien, als die Corona-Pandemie Europa erreichte. Der heute 21-Jährige verlor seinen Job – und meldete sich bei Tiktok an. Heute ist er, wie Geraldine Oetken berichtet, der Influencer mit dem weltweit größten Zuwachs: Innerhalb eines Jahres gewann er 67,6 Millionen Follower.

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Aus unserem Netzwerk

Die Stadt Lübeck hat einem privat betriebenen Corona-Testzentrum die Öffnungserlaubnis entzogen. Personen sollen dort noch vor dem Abstrich ein negatives Testergebnis per E‑Mail erhalten, berichten die „Lübecker Nachrichten“.

Termine des Tages

Gesundheitsminister Jens Spahn stellt heute um 12 Uhr „Cov Pass“ vor, das System zum digitalen Impfnachweis.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde stellt sich ab 14.30 Uhr in Frankfurt bei einer Onlinepresse­konferenz den Fragen von Journalistinnen und Journalisten aus Europa und der Welt. Mit wachsender Spannung wird an den Märkten derzeit jede auch noch so indirekte Andeutung verfolgt, die möglicherweise in Richtung wieder steigender Zinsen weisen könnte.

Die 16 Ministerpräsidentinnen und ‑präsidenten beraten ab dem Mittag ohne und ab 15 Uhr mit der dazugeschalteten Kanzlerin über eine Reihe von Themen, bei denen diesmal Corona nicht zwingend im Mittelpunkt steht. Unter anderem geht es auch um die Umsetzung der Energiewende.

Die 16 Kultusminister und ‑ministerinnen sprechen heute über organisatorische Fragen im Schuljahr 2021/2022. Die derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD, Brandenburg), will am Freitag eine Bilanz ziehen.

Der Bundestag plant die Verabschiedung zahlreicher Gesetze, darunter die umstrittene Ausweitung von Befugnissen für Verfassungsschutz und Bundespolizei bei der Telekommunikations­überwachung.

Wer heute wichtig wird

Das Schicksal des Russen Andrej Piwowarow (39) gehört zu den Themen, mit denen sich heute das Europaparlament beschäftigt. Der Kremlkritiker wollte zu den Wahlen im September antreten. Er war am Montagabend bei einer versuchten Ausreise nach Warschau an Bord eines Flugzeugs in St. Petersburg festgenommen worden. Polizisten hatten die bereits rollende Maschine gestoppt. Ihm drohen bis zu sechs Jahre Haft wegen „Mitarbeit in einer unerwünschten Organisation“. © Quelle: Hannah Wagner/dpa

Der Podcast des Tages

In der zweiten Folge schaut Tanja noch einmal zurück auf die Zeit von Sohn Damion im ersten Nachwuchs­leistungs­zentrums (NLZ) eines Profivereins: des FC Ingolstadt. Sie gibt Einblicke, wie sich das Verhältnis der beiden entwickelt, welche Fortschritte der seinerzeit 14-Jährige macht – und warum er ein Probetraining beim FC Bayern absolvierte, aber sich doch für Ingolstadt entschied. Vieles ist neu, als dann der Wechsel in die Jugend des 1. FC Köln ansteht – vom Vertrag bis zur Beratersuche.

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Matthias Koch

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