Venezuela: Das Virus ist schlimm, der Hunger vielleicht schlimmer

  • Stephanie Maiwald ist Leiterin des Goethe-Instituts in der venezolanischen Hauptstadt Caracas.
  • Wegen der Corona-Krise musste sie das Land vorübergehend verlassen.
  • Maiwald fürchtet, dass die ohnehin schwierige Lage in Venezuela nun noch sehr viel schwieriger wird.
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Frau Maiwald, Sie sind jetzt in Dietzenbach bei Frankfurt am Main und nicht in Caracas. Warum?

Ich bin hier bei meinen Eltern im Homeoffice gestrandet, und zwar schon Mitte März, kurz nachdem bekannt wurde, dass es auch Corona-Infizierte in Venezuela gibt. Daraufhin gab es große Sicherheitsbedenken von meinem Arbeitgeber, dem Goethe-Institut, aber auch der zuständigen Auslandsvertretung, und man hat sich entschieden, die deutschen Mittlerorganisationen aus Venezuela temporär abzuziehen. Ich habe schließlich noch eines der letzten kommerziellen Flugzeuge bekommen. Und jetzt bin ich hier. Dabei versuche ich, den Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen zu halten – soweit das möglich ist. Denn die Internetverbindungen sind in vielen Teilen Venezuelas sehr bescheiden.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für das Land?

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Die Corona-Krise trifft auf eine bereits bestehende Krise – besser gesagt: Krisen. Es gibt eine Wirtschaftskrise mit Hyperinflation, eine Krise des Gesundheitssystems sowie eine Energie- und Wasserkrise. Auf diesen Kontext trifft die Pandemie.

Was bedeutet das konkret?

Das Ganze verwandelt sich möglicherweise sehr schnell in einen toxischen Cocktail – zumal das Land vom Ölverkauf lebt. Denn der Ölpreis sinkt derzeit, wie wir wissen. Es ist jedenfalls noch nicht klar, wie sich die Situation entwickelt, wenn kaum mehr Einnahmen in die Staatskasse fließen.

Stephanie Maiwald; Goethe Institut. © Quelle: RND
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Wie ist der Stand der Corona-Infektionszahlen? Wird überhaupt getestet?

Ja, es wird getestet – und zwar mit Tests, die die Chinesen gespendet haben. Es wird zum Beispiel in der U-Bahn getestet. Wie verlässlich diese Tests sind, ist umstritten. Die Zahlen, die die Regierung kommuniziert, sind sehr niedrig. Zuletzt lag sie bei etwas über 300. Die Gefahr, sich in Deutschland anzustecken, wäre demnach höher als in Venezuela. Das hat aber auch mit den krassen Maßnahmen zu tun, die die Regierung sofort ergriffen hat. Sie war sich offenbar bewusst, welche Folgen die Pandemie in diesem vulnerablen Kontext, den ich eben beschrieben habe, haben kann. Die Regierung hat das Land deshalb innerhalb von drei Tagen komplett herunter gefahren.

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Was geschieht, wenn man erkrankt? Gibt es Behandlungsmöglichkeiten? Gibt es Intensivstationen, wie wir sie in Deutschland kennen? Oder ist man dann von vornherein verloren?

Die Chance auf eine Intensivbehandlung ist sehr gering. Ein Viertel der Krankenhäuser hat zum Beispiel kaum Wasser. Das heißt, man kann dort noch nicht einmal die Hygieneregeln einhalten. Es gibt zwar ein paar Privatkliniken, in denen mehr möglich ist. Aber da entscheidet wie an so vielen Orten in der Welt der Dollar. Und je länger dieser Lockdown geht – er ist jetzt nochmal bis Mitte Mai verlängert worden -, desto mehr nimmt auch der Hunger zu.

Warum?

Die Inflation hat jetzt noch einmal einen Riesensprung gemacht. Die Lebensmittel sind extrem teuer. Außerdem ist die Versorgung unter anderem wegen des Mangels an Benzin nicht mehr flächendeckend gewährleistet. In den sozialen Medien kursiert deshalb nicht nur das Coronavirus, sondern auch der Corona-Hambre. Hambre bedeutet Hunger. Es gibt viele Menschen, die sagen, dass mehr Menschen an Hunger sterben werden als am Virus selbst – auch weil sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Ohnehin erfolgt diese Arbeit vielfach inoffiziell. Manche backen etwa einen Kuchen, nehmen ihn mit zur Arbeit und versuchen, ihn dort zu verkaufen. Von so etwas leben viele.

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Venezuela: Von Hunger und Überfluss
1:35 min
Weil die Benzinpreise wegen der US-Sanktionen extrem nach oben gegangen sind, kommt das Gemüse nicht mehr von den Feldern in die Läden.  © Markus Decker/Reuters

Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie?

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Ich hoffe, dass das Virus unter Kontrolle bleibt. Ich hoffe auch, dass die Menschen wieder ihrer Arbeit nachgehen können, ohne sich in Gefahr zu bringen. Schon heute ist für ein Drittel der Venezolaner nach Angaben des World Food Programmes die tägliche Ernährung nicht gesichert. Diese Zahl wird noch steigen.

Wie fühlen Sie sich angesichts dieser Gemengelage in Dietzenbach?

Extrem privilegiert. Und wenn man täglich Kontakt hat mit den eigenen Kolleginnen und Kollegen und deren Problemen, weil sie nur eine halbe Stunde Wasser am Tag haben und wegen Stromausfalls nicht antworten konnten, dann fragt man sich schon manchmal, ob die Klagen hier eine Berechtigung haben. Ich befürchte im Übrigen, dass Länder wie Venezuela durch die Pandemie noch weiter ins Hintertreffen und aus dem Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten.

Wann können Sie zurückkehren?

Sobald der Flugverkehr wieder aufgenommen wird, im Juni könnte es soweit sein. Das wäre mein Wunsch. Ich hoffe außerdem, einen Ort vorzufinden, in dem wir weiterhin als Goethe-Institut unsere Arbeit machen und die Zivilgesellschaft vor Ort unterstützen können.

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Weil die Benzinpreise wegen der US-Sanktionen extrem nach oben gegangen sind, kommt das Gemüse nicht mehr von den Feldern in die Läden.  © Markus Decker/Reuters
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