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„Utopischen Überschuss verloren“: Neues Buch über die Grünen zieht kritisch Bilanz

  • Die Grünen sind so erfolgreich wie nie.
  • Ja, sie könnten unter günstigen Umständen sogar ins Kanzleramt einziehen.
  • Der „taz“-Autor Ulrich Schulte beschreibt in einem Buch, worauf dieser Erfolg fußt.
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Wer die Geschichte der Grünen von Anfang an verfolgt hat, den befällt bisweilen Melancholie. Es fehlt – um es mit einem Wort zu sagen – der Hans-Christian-Ströbele-Anarchismus.

Das Gefühl erfährt eine intellektuelle Unterfütterung durch das Buch des „taz“-Redakteurs Ulrich Schulte, das am Dienstag erscheint: „Die Grüne Macht. Wie die Ökopartei das Land verändern will.“ Schulte ist ein Kenner der Grünen und legt sich auch mal mit ihnen an.

Im ersten Teil lesen sich die 222 Seiten manchmal wie ein Beziehungsroman. Da geht es um Annalena (Baerbock) und Robert (Habeck), die 2018 Opfer einer politischen Zwangsheirat wurden und die Grünen so erfolgreich wie nie führen. Zwar haben sich die beiden versprochen, als Team zu agieren. Nur sind Baerbock und Habeck sehr unterschiedlich.

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„Folgt man einer altmodischen Weltsicht, ist Baerbock der Mann und Habeck die Frau“, schreibt Schulte, ohne in Wahrnehmungsklischees zu verfallen. „Sie blickt kühler auf die Dinge als er. Sie neigt nicht zu emotionalem Überschwang. Sie ist kontrollierter, spricht präziser und macht weniger Fehler.“

Kollegialität und Konkurrenz

Hinzu kommt, dass das Konkurrenzmoment von außen hinein getragen wird mit Fragen wie: Wer ist charismatischer? Wer sachlich stärker? Wer kommt medial besser weg? Habeck sagt: „Wir arbeiten in einer Welt voller Eifersucht.“ So ist es.

Anfangs hatte er den besseren Ruf und die größeren Interviews. Mittlerweile heißt es mit Blick auf die Kanzlerkandidatur: Wenn sie wolle, dann sei ihr die Kandidatur in einem rein männlichen Bewerberfeld nicht mehr zu nehmen.

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Schulte notiert, sobald das Rennen entschieden sei, „entsteht eine neue Situation. Dann wäre automatisch eine Hierarchie eingezogen, die bisher fehlt.“ Ausgang ungewiss.

Baerbock und Habeck, deren einladender Stil mit Recht gewürdigt wird, wären jedenfalls nicht das erste politische Gespann, das, um im Bilde zu bleiben, vor dem Scheidungsrichter landet. Und Kollegialität und Konkurrenz liegen nicht allein in Parteien dicht beieinander.

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Der größere Teil des Buches beleuchtet die inhaltliche Entwicklung der Grünen – und ihre Art, Politik zu machen. Hier fällt die Bilanz des Autors zunehmend kritisch aus. Gehörten kontroverse Debatten, verwegene Ideen und mehr als ein Schuss Systemkritik einst zum Charme der Partei, so ist dies unter Baerbock und Habeck anders.

Zwar sprechen sie nicht mehr für die Flügel, sondern für alle. Das ist ein Fortschritt. Dafür finden Auseinandersetzungen nicht mehr oder nur noch intern statt. „Die Grünen sind eine Machtpartei geworden“, findet Schulte und zitiert einen Beteiligten: „Wir stehen eben zum Modell Zentralkomitee.“ Die Parteiführung weiß: Streit kostet Wählerstimmen, und sie handelt danach.

Inhaltlich steuern die Grünen einen Kurs, der sie dem Autor zufolge zur „Projektionsfläche“ macht, niemandem weh tut – und bei Widerständen nachgibt, ob in der Klima-, der Flüchtlings-, oder der Steuerpolitik. Das gilt in grün-mitregierten Ländern wie Baden-Württemberg und Hessen sowieso, aber auch im Bund – und wird mit vielen Beispielen unterlegt.

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Auch positive Impulse

Die Veränderungsbereitschaft endet da, wo negative Reaktionen an der Wahlurne drohen. Eine These des Buches lautet daher: Die Grünen seien nicht erfolgreich, weil Menschen von ihnen einen grundlegenden Wandel erwarteten – sondern weil sie ihn nicht erwarteten.

„Die Grünen haben sich im Laufe der Jahre so perfekt in die Welt der Realpolitik eingefügt, dass sie ihren utopischen Überschuss verloren haben“, schließt Schulte, ohne viele positive Impulse zu vernachlässigen. Ob die Reste in einer schwarz-grünen Koalition verdampfen würden, bleibt demnach abzuwarten.

Ulrich Schulte: Die Grüne Macht. Wie die Ökopartei das Land verändern will. Rowohlt Verlag, 16 Euro

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