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Wie im Stammland des Kapitalismus die Arbeitskräfte knapp werden

  • Nach der Corona-Pandemie erholt sich die US-Wirtschaft in rasantem Tempo. Doch plötzlich gibt es ein neues Problem: Überall fehlt es an Personal.
  • Sind die Löhne zu niedrig? Oder ist die Arbeitslosenhilfe der Biden-Regierung zu hoch, wie die Republikaner behaupten?
  • Das Problem ist komplexer, wie ein Ortsbesuch an der Küste von New Jersey zeigt.
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Wildwood. Mit seinen Tarnnetzen über dem schwimmbadgroßen Becken und den Kanonenrohren rings um das Wasser macht das „Boat Tag“ an der Strandpromenade von Wildwood einen martialischen Eindruck. Normalerweise können vergnügungssüchtige Gäste hier für ein paar Dollar Schiffe versenken. Trifft man mit einem abgefeuerten Plastikball auf ein herumfahrendes Boot, schießt eine mächtige Fontäne in die Luft.

Doch an diesem Morgen herrscht Waffenstillstand an der Ballerbude. „Bitte nicht betreten“, steht auf einem weiß-blauen Schild. Erst am frühen Abend wird die Seeschlacht eröffnet. Auch die wenige Schritte entfernte Achterbahn „Great White“, die mit 80 Stundenkilometern fast 30 Meter in die Tiefe stürzt, steht derzeit tagsüber still. Und der Aquapark mit der wilden Riesenrutsche ist von montags bis freitags ganz geschlossen.

Rekordandrang nach Corona-Pause

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Bei angenehmen Temperaturen über 20 Grad, viel Sonne und dem Wegfall aller Corona-Restriktionen könnte eigentlich die Hochsaison beginnen in Wildwood, einem rummeligen Strandort am Südzipfel von New Jersey, dessen Bevölkerung im Sommer regelmäßig von 5000 auf 250.000 Menschen anwächst. Der Nachholbedarf nach den Monaten der Pandemie ist groß.

„Wir erwarten dieses Jahr eine Rekordandrang“, sagt Denise Beckson, die Vizepräsidentin des großen Vergnügungsparks Morey’s Piers. Trotzdem arbeiten mehrere Fahrgeschäfte und Attraktionen auf den drei Seebrücken noch im Vorsaisonmodus. Auf dem hölzernen Boardwalk, wo laute Spielhöllen, trashige T-Shirt-Läden und Zuckerwatteverkäufer locken, sind manche Läden ganz geschlossen.

Auf kleiner Flamme läuft das Geschäft im Olympic Flame am Boardwalk von Wildwood. Ein Schild an der Kasse verrät die Ursache: Es fehlt an Personal. © Quelle: Karl Doemens

Der Grund wird deutlich, wenn man die bei amerikanischen Familien beliebte kilometerlange Promenade abläuft, an der irgendwann in den 1970er-Jahren die Zeit stehengeblieben zu sein scheint: Es gibt zu wenig Personal. „Help wanted“ (Hilfe gesucht) steht an fast jedem Laden in leuchtend roten Buchstaben.

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„Köche und Tellerwäscher gesucht“, hat auch das Pink Cadillac Diner annonciert und verspricht jedem Bewerber einen „Bonus“. Weil er keinen Bäcker findet, hat Mike Madafias, der Eigentümer des White Dolphin Restaurant nebenan, die beliebte Pizza von der Karte gestrichen.

Wildwood ist kein Sonderfall. Während Amerika angesichts hoher Impfquoten und sinkender Infektionsraten nach dem Stillstand der Corona-Monate mit gewaltigem Tempo zurück in die Normalität steuert und das verpasste Leben nachholen möchte, erlebt die boomende Wirtschaft ein ungewohntes Phänomen: Dem gelobten Land des Kapitalismus gehen die Arbeitskräfte aus.

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Von New Jersey bis Kalifornien ist die Lage ähnlich: Gerade hat Paulina Chaidez, die Inhaberin des beliebten mexikanischen Frühstücksrestaurants Cocina 35 in San Diego, trotz regelmäßiger Warteschlangen vor ihrer Tür erstmals einen Ruhetag eingeführt. „Wir können nicht anders“, hat sie dem Sender NBC erzählt. Chaidez fehlen Köche, Kassierer und Reinigungspersonal. Statt 30 wöchentlichen Bewerbungen wie vor der Pandemie hat sie in den vergangenen zwei Monaten gerade mal zwei bekommen.

Jeden Tag wird das Problem deutlicher: Am vergangenen Wochenende ging an den Tankstellen in Pueblo und Canon City im ländlichen Süden von Colorado das Benzin aus, weil die Tanklaster nicht kamen – es mangelt an Fahrern. Auf den Hamptons, der exquisiten Sommerfrische vieler New Yorker, müssen diesen Sommer möglicherweise einige schicke Beach Clubs geschlossen bleiben, weil sich keine Bademeister finden. Und dem Autobauer General Motors fehlen 450 Voll- und Teilzeitkräfte für ein Werk in Michigan.

Die Stundenlöhne steigen teilweise kräftig

Um die Personalnot zu lindern, zeigen sich viele Unternehmen plötzlich großzügig: Der Versender Amazon setzt seinen Mindestlohn von bislang 15 Dollar auf bis zu 18 Dollar hoch. Der Sportartikelhersteller Under Armour legt gar fünf auf die bisher zehn Dollar pro Stunde drauf. Der Hamburger-Gigant McDonald’s zahlt Einsteigern nun zwischen elf und 17 Dollar, ein Plus von 10 Prozent. Und die Fastfood-Kette Chipotle bietet jedem Beschäftigten, der neue Bewerber anschleppt, abhängig von deren Qualifikation zwischen 200 und 750 Dollar Kopfprämie.

Doch der Engpass besteht weiter. Nach offiziellen Angaben sind derzeit rund neun Millionen Stellen in den USA unbesetzt. Das ist der höchste Wert seit zwei Jahrzehnten.

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Als Personalchefin des größten Vergnügungsparks an der Atlantikküste von New Jersey kennt Denise Beckson das Problem allzu gut. Ihr Unternehmen ist besonders betroffen, weil Morey’s Piers nur im Sommer öffnet. Rund 1500 Saisonarbeiter muss Beckson jedes Jahr anheuern. Wie üblich hat sie damit im Februar begonnen. Doch zum Saisonstart Anfang Mai waren gerade mal 500 Leute gefunden. „Wir konnten es kaum glauben“, berichtet die Managerin.

Die Pferdchen auf dem Karussell stehen still. Weil es an Personal mangelt, sind einige Fahrgeschäfte im Vergnügungspark Morey's Piers noch nicht geöffnet. Personalchefin Denise Beckson hilft gelegentlich selbst am Getränkestand aus. © Quelle: Karl Doemens

Eilig entwarf das Familienunternehmen einen Notfallplan: Es hob den Stundenlohn für ungelernte erwachsene Helfer 2,50 Dollar über den in New Jersey gesetzlich vorgeschriebenen Satz auf 13,50 Dollar an und legte einen Durchhaltebonus von 1,50 Dollar zum Ende des Sommers drauf.

Beckson platzierte Spots bei Google, Spotify und im Radio. Sie warb an Schulen und Universitäten und bahnte eine Kooperation mit der Handelskammer von Puerto Rico an. Gezielt schaltete sie Anzeigen in Bundesstaaten, wo der Mindestlohn kaum über 7 Dollar beträgt. Bei einer Reichweite von einer Million erntete sie sechs Bewerbungen. Niemand trat den Job an.

Äußerst mühsam hat sich seither die Personallücke verkleinert. Immer noch fehlen mehrere Hundert Beschäftigte – vor allem für die absolute Hochsaison nach dem Independence Day. „Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können“, sagt Beckson. Inzwischen hilft der Marketingdirektor als Ticketverkäufer an einem Karussell aus. Die Personalchefin selber arbeitet gelegentlich eine zweite Schicht an einem Getränkestand. Trotzdem werden im Juli nicht alle Fahrgeschäfte angeboten werden können. Die Kunden, sagt Beckson, hätten dafür Verständnis. Sie wüssten ja um das Problem.

Mehr Kunden als Kellner: Wer an der Küste von New Jersey (hier in Wildwoods Nachbargemeinde Cape May) ein Pancake essen will, der muss Geduld haben. © Quelle: Karl Doemens
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Woher aber rührt der plötzliche Personalmangel nach der Pandemie? Für die wirtschaftsliberalen Republikaner ist die Sache klar. Sie machen die vermeintlichen sozialen Wohltaten der Biden-Regierung für den Missstand verantwortlich. Tatsächlich beziehen derzeit 15 Millionen Amerikaner irgendeine Form von Arbeitslosenunterstützung. Zusätzlich zur regulären Leistung, die in New Jersey maximal 713 Dollar in der Woche beträgt, bekommen sie aus Bidens Corona-Hilfspaket bis zum September wöchentlich weitere 300 Dollar.

So kann durchaus ein Stundenlohn von 20 Dollar zusammenkommen. „Die Regierung hat einen Anreiz geschaffen, zu Hause zu bleiben, statt zur Arbeit zurückzukehren“, wettert Kevin Stitt, der republikanische Gouverneur von Oklahoma. Inzwischen 25 republikanische Gouverneure und ein demokratischer Kollege aus Louisiana haben deshalb zu einem radikalen Schritt gegriffen: Sie zahlen die 300-Dollar-Sonderhilfe des Bundes einfach nicht mehr aus.

Linke Ökonomen wie der Berkeley-Professor Robert Reich halten die Argumentation für verdreht. „Es gibt keinen Arbeitskräftemangel. Es gibt nur einen Mangel an Arbeitgebern, die bereit sind, ihren Beschäftigten einen Lohn zu zahlen, von dem sie leben können“, hält der Ex-Arbeitsminister von Bill Clinton dagegen.

Doch gibt es auch grundsätzliche Zweifel, ob das Geld tatsächlich der entscheidende Faktor für die Lage am Arbeitsmarkt ist. „Wir haben den Jobmarkt im vergangenen Jahr praktisch abgebrannt“, analysiert Melissa Swift, die Expertin der Beratungsfirma Korn Ferry auf der Nachrichtenseite Axios: „Eine Art, wie Menschen mit dem Burn-out umgehen, ist, dass sie ihren Arbeitgeber wechseln.“

Hinzu kommen nach der Beobachtung von Beckson ganz praktische Gründe: Solange die Schulen nicht wieder normal arbeiten, haben viele Eltern ein Betreuungsproblem. Manche Menschen mit Vorerkrankungen fühlen sich an einem Arbeitsplatz mit viel Publikumsverkehr immer noch nicht wohl. Und angesichts der starken Nachfrage können Jobsuchende auch etwas wählerischer sein.

Zudem hat die Gastronomie- und Tourismusbranche in den USA noch mit einem besonderen Handicap zu kämpfen: dem Wegfall der meisten Arbeitskräfte aus dem Ausland. Durch die einwanderungsfeindlichen Trump-Restriktionen und aufgrund der Corona-Bestimmungen war die Zahl der Arbeitsvisa schon im vorigen Jahr um die Hälfte auf 700.000 eingebrochen.

Die Erteilung sogenannter J-Visa für Au-pair-Mädchen und -Jungen sowie Austauschstudenten aus Asien, Großbritannien, Deutschland oder der Türkei kam zum Erliegen. Zwar dürfen diese Ferienjobber theoretisch nun wieder ins Land. Doch bei den Botschaften gibt es einen monatelangen Antragsstau. Außerdem müssten Europäer eine zweiwöchige Quarantäne durchlaufen.

Helfer aus Europa fallen komplett aus

Normalerweise kommen 500 der 1500 Saisonkräfte bei Morey’s Piers über das Summer-Work-Program des US-Außenministeriums aus Übersee: Die Studenten jobben bis zu 16 Wochen und können dann für vier Wochen das Land bereisen. Eine schöne Idee. Beckson schwärmt von den vielsprachigen Begegnungen und dem internationalen Austausch. Doch im Mai schafften es gerade einmal 15 Austauschstudenten nach Wildwood. Inzwischen sind es 85. Keiner kommt aus Europa. Viel mehr werden es dieses Jahr kaum werden.

Trotzdem, da ist sich Beckson sicher, wird der Vergnügungspark das 52. Jahr seines Bestehens überleben. Auch Wilhelm’s Bier Garten auf dem Mariner Pier hat inzwischen bis spätabends geöffnet. Dort kann man wie Firmengründer Will Morey bei Hefeweizen, Bratwurst und Pretzels vom Münchner Oktoberfest träumen.

Sorgen macht sich die Personalchefin hingegen um einige kleine Läden am Boardwalk, die mit der Pleite kämpfen: „Es gibt so viele Betriebe, die die Pandemie tapfer durchlitten haben. Wenn sie jetzt in der Erholungsphase dichtmachen müssten, weil sie kein Personal finden, wäre das wirklich bitter.“

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