Suizide bei der Polizei: Die Hölle auf dem Kapitolhügel

Unterstützer vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump beim Sturm des Kapitolgebäudes.

Unterstützer vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump beim Sturm des Kapitolgebäudes.

Washington. Der bullige Beamte wirkt nicht, als wäre er leicht aus der Fassung zu bringen. Seit 13 Jahren arbeitet Harry Dunn bei der Washingtoner Kapitolpolizei. Doch als der Afroamerikaner in der vergangenen Woche vor dem Untersuchungsausschuss zum blutigen Putschversuch vom 6. Januar aussagte, konnte er seine Emotionen kaum zurückhalten: „Was wir an diesem Tag erlebt haben, war traumatisierend.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Offen berichtete Dunn von der Therapie, die er anschließend gemacht habe. „Wenn Sie darunter leiden, nehmen Sie bitte Hilfe in Anspruch“, wandte er sich an seine Kolleginnen und Kollegen.

„Was wir erlebt haben, war traumatisierend.“ Harry Dunn, ein Angehöriger der Kapitol-Polizei, musste bei der Anhörung im Parlament mit seinen Emotionen kämpfen.

„Was wir erlebt haben, war traumatisierend.“ Harry Dunn, ein Angehöriger der Kapitol-Polizei, musste bei der Anhörung im Parlament mit seinen Emotionen kämpfen.

Wie ernst der Rat des erfahrenen Beamten ist, wird derzeit auf beklemmende Weise deutlich: Schon im Januar hatten sich zwei Polizisten, die das Kapitol verteidigt hatten, das Leben genommen. Am vergangenen Donnerstag, zwei Tage nach der Anhörung des Untersuchungsausschusses, erschoss sich ein 43-jähriger Washingtoner Polizist in seinem Haus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und am Montag wurde bekannt, dass sich bereits Mitte Juli ein 26-jähriger Kollege das Leben genommen hat. Die Motive sind nicht in allen Fällen klar. Aber die Selbsttötungen haben eines gemeinsam: Alle vier Männer waren beim Kapitolputsch im Einsatz.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Die Szenen, die sich am 6. Januar im und um das Washingtoner Parlament abspielten, sind auch nach mehr als einem halben Jahr schockierend: Ein aufgebrachter Mob bepöbelte die hoffnungslos überforderte Polizei, die das Gebäude sichern sollte, als „Nazis“ und „Verräter“. Harry Dunn berichtete, wie er rassistisch mit dem N-Wort beleidigt wurde, was ihm nie zuvor im Dienst passierte.

Schlimmer als im Irak-Krieg

Es blieb nicht bei verbalen Attacken. Später setzten die Aufrührer Bärenspray und Fahnenstangen gegen die Beamten ein und warfen mit Steinen und Flaschen. Jeffrey S., einer der beiden Polizisten, die sich wenige Tage nach dem Einsatz das Leben nahm, wurde von einer Metallstange am Kopf getroffen. Sein Kollege Aquilino Gonell, ein Ex-Soldat, sagte im Untersuchungsausschuss aus, er habe während des Irak-Krieges nicht so viel Angst gehabt wie an jenem Tag auf dem Kapitol.

Insgesamt 140 Polizisten wurden bei den Unruhen verletzt, die durch eine Rede des Ex-Präsidenten Donald Trump ausgelöst worden waren, in der er seine Anhänger aufrief, „wie der Teufel“ gegen die Zertifizierung des Wahlergebnisses im Parlament zu kämpfen. Ein Polizist erlitt während der brutalen Attacken einen Herzinfarkt und starb am nächsten Tag. Vier Protestler kamen ums Leben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Mit Knüppeln, Elektroschockern und Fahnenstangen stürmten die angeblich „friedlichen“ Trump-Anhänger das Kapitol. 140 Polizisten wurden verletzt.

Mit Knüppeln, Elektroschockern und Fahnenstangen stürmten die angeblich „friedlichen“ Trump-Anhänger das Kapitol. 140 Polizisten wurden verletzt.

Die Familien von Howard L. und Jeffrey S., die sich kurz nach dem versuchten Kapitolsturm das Leben genommen hatten, sehen die beiden Polizisten als Opfer des blutigen Aufstands und kämpfen dafür, dass ihr Tod als Folge der Ausübung des Amtes anerkannt wird.

„Wenn er an dem Tag nicht zur Arbeit gegangen wäre, wäre er noch am Leben“, sagte Erin S., die Witwe von Jeffrey S., der „Washington Post“. Wie zuvor schon diese beiden Beamten, so würdigte Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi am Montag auch Gunther H. als „Helden“. Der Polizist, der sich am vorigen Donnerstag erschoss, hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Trotz dieser tragischen Nachwirkungen wird der 6. Januar von den Republikanern immer stärker verharmlost und umgedeutet. Früh hatten Donald Trump und seine Vertrauten behauptet, die Aufrührer seien in Wirklichkeit linke Antifa-Aktivisten gewesen.

Nun verbreiten ultrarechte Abgeordnete wie Matt Gaetz die Verschwörungserzählung, das FBI habe die Milizen infiltriert und zum Aufstand angestachelt. „Große Teile der Demonstranten waren friedlich“, behauptet Senator Ron Johnson weiter und schürt ebenfalls ohne Belege die FBI-Erzählung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Diese Art von radikaler Realitätsverweigerung, klagt der Polizist Michael Fanone, der am 6. Januar mit einem Elektroschocker malträtiert wurde, mache den Umgang mit dem Erlebten für die Beamten noch schwieriger: „Ich fühle mich, als wenn ich durch die Hölle gegangen bin, um die Leute in diesem Raum zu verteidigen“, sagte der 40-Jährige im Untersuchungsausschuss. „Und nun sagen mir zu viele, dass die Hölle gar nicht existiert oder nicht so schlimm war.“ Für die Gleichgültigkeit, mit der seinen Kollegen begegnet werde, hatte Fanone nur ein Adjektiv übrig: „Erbärmlich“.

Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern: Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: (0800) 111 0 111 (ev.)(0800) 111 0 222 (rk.)(0800) 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Top Themen

Krieg in der Ukraine
 

Letzte Meldungen