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Biden feiert den Unabhängigkeitstag – mit Postboten statt Panzern

  • Am amerikanischen Nationalfeiertag liefert Joe Biden bei einer Feier mit mehr als 1000 Gästen einen eindrucksvollen Kontrast zu seinem Vorgänger Donald Trump.
  • Demonstrativ erklärt der Präsident auch die baldige „Unabhängigkeit vom tödlichen Coronavirus“.
  • Doch durch die Obstruktion der Republikaner ist die Impfkampagne in den USA ins Stocken geraten.
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Washington. Langsam setzt die Dämmerung ein. Die roten, blauen und weißen Lampions in den Bäumen beginnen zu leuchten. Eine Marine-Band spielt patriotische Lieder. Und Delano Wilson scheint den heißen Sommerabend im Garten des Weißen Hauses sehr zu genießen. „Eine wunderbare Party ist das“, schwärmt das Mitglied der Briefträger­gewerkschaft, „und es war eine exzellente Rede.“

Genießen die entspannte und friedliche Atmosphäre bei der Party vor dem Weißen Haus: Postgewerkschafter Delano Wilson und seine Töchter Cynthia und Yasmin. © Quelle: Karl Doemens

Der glatzköpfige Afroamerikaner aus Maryland ist einer von mehr als 1000 Gästen, die Präsident Joe Biden zur Feier des Unabhängigkeitstags eingeladen hat. Alles keine Prominenten, sondern Vertreter von Berufen, die während der Corona-Pandemie besonders hart arbeiten mussten und nicht ins Homeoffice flüchten konnten: Krankenschwestern, Rettungssanitäter, Feuerwehrleute oder eben Postboten.

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Als er vor drei Wochen von dem Termin erfuhr, sei er total überrascht gewesen, berichtet Wilson. Schnell stellte er sicher, dass ihn seine beiden Töchter begleiten durften. Beiden gefällt die Veranstaltung. „So eine friedliche und versöhnliche Atmosphäre haben wir lange nicht erlebt“, sagt Cynthia, die Jüngere.

Eine Gartenfeier mit Hüpfburg und Pappmaché-Figuren

Unvergessen ist, wie Trump zur Feier des Nationaltages vor zwei Jahren Panzer neben dem Lincoln Memorial auffahren ließ. Im vorigen Jahr dann wetterte er am 4. Juli über „Linke, Anarchisten und Plünderer“, die er bekämpfen werde, und ließ martialisch mehrere B‑52-Bomber über die Stadt donnern. Größer könnte der Kontrast zur diesjährigen locker-entspannten Gartenfeier mit einer Hüpfburg, übergroßen Pappmaché-Figuren der Gründerväter und einem farbenfrohen Feuerwerk nicht sein.

Vor 245 Jahren hätten die USA ihre Unabhängigkeit vom britischen König erklärt, leitet Joe Biden seine kurze Rede ein: „Heute sind wir näher denn je daran, unsere Unabhängigkeit von einem tödlichen Virus zu erklären.“ Schon vor Wochen hat der Präsident den 4. Juli als Tag der Rückkehr zur Normalität erklärt.

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Die Party auf dem Südrasen des Regierungssitzes ist die bislang größte Veranstaltung seiner Präsidentschaft. „Wir tauchen auf aus der Dunkelheit eines Jahres der Pandemie und der Isolation, eines Jahres des Schmerzes, der Sorge und herzzerreißender Verluste“, sagt Biden.

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Bewusst schlägt der Präsident einen hoffnungsvollen Ton an. Natürlich möchte er damit auch seine eigenen politischen Erfolge herausstellen. Doch der Optimismus ist spürbar gebremst. Biden hat nämlich ein wichtiges selbst gestecktes Ziel verfehlt: Eigentlich sollten bis zu diesem Tag 70 Prozent der erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner zumindest eine Spritze erhalten haben. Tatsächlich sind es erst 66 Prozent.

Hinter der Differenz verbergen sich mehr als ein paar Prozentpunkte: Während die Wirtschaft in den USA mit Macht zur Normalität zurückkehrt und der Arbeitsmarkt boomt, ist die Impfkampagne zuletzt ins Stocken geraten. Statt der mehr als drei Millionen Immunisierungen pro Tag werden nun im Schnitt nur noch eine Million vorgenommen.

Biden will Unentschlossene erreichen

Der Grund: In demokratisch regierten Bundesstaaten wie Maine, Vermont oder New Jersey sind längst mehr als 80 Prozent der Erwachsenen zumindest einmal geimpft. In republikanischen Staaten wie Idaho oder Mississippi liegt der Wert jedoch nur knapp über oder gar unter 50 Prozent – und daran dürfte sich so schnell auch nichts Grundlegendes ändern. Einer aktuellen Umfrage der „Washington Post“ zufolge wollen sich 47 Prozent der republikanischen Wählerinnen und Wähler nicht impfen lassen.

Biden setzt nun alles daran, zumindest die Unentschlossenen zu erreichen: „Die Schlacht gegen Covid ist noch nicht vorbei“, mahnt er am Sonntagabend und appelliert eindringlich an den Nationalstolz der Bürger und Bürgerinnen. Sich impfen zu lassen sei „die patriotischste Sache, die man machen kann“.

Ein Selfie mit Präsidentengattin Jill Biden: RND-Korrespondent Karl Doemens (links) mit der First Lady (Zweite von rechts) bei der Feier im Garten des Weißen Hauses. © Quelle: Karl Doemens
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Doch die Gartenparty ist mehr als eine Werbeveranstaltung für die Immunisierung. Sie ist zugleich so etwas wie eine Demonstration von Bidens Willen, mit Anstand, Empathie und Menschlichkeit das zerrissene Land wieder zusammenzubringen.

Händeschütteln und Selfies

Während sich Trump vor der Kulisse des Weißen Hauses stets mit Pomp selbst inszenierte, beansprucht Biden die Bühne nicht einmal für eine Viertelstunde. Danach mischen sich er und seine Frau Jill unter das Publikum. Ein Händeschütteln hier, ein paar freundliche Worte dort, ein Selfie bei der dritten Gelegenheit. So geht das fast eine Stunde lang.

„Es war unglaublich.“ Feuerwehrmann Cristian Hinojosa ist eigens aus Dallas angereist. Von einem kurzen Gespräch mit Präsident Joe Biden zeigt er sich sehr beeindruckt. © Quelle: Karl Doemens

Irgendwann steht der Präsident auch vor Christian Hinojosa. Der Chef eines Feuerwehrzuges im Norden von Dallas ist stolz in seiner Uniform angereist. Er hat Biden schon als Vizepräsident kennengelernt. Über das Schicksal seines krebskranken Sohnes blieb man in Kontakt. „Ich habe ihm gesagt, dass ich und meine beiden Söhne jeden Abend für ihn beten“, berichtet Hinojosa über das kurze Gespräch bei der Gartenfeier.

„Es war unglaublich“, ist der Mann noch Minuten nach der Zusammenkunft tief bewegt. Der Feuerwehrmann ist fest überzeugt: „Dieser Mann kann unser Land vereinen wie kein Präsident zuvor.“

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