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  • USA: Donald Trump verliert Unterstützung der Christen - Wiederwahl in Gefahr

Christen wenden sich ab: Trumps gottverlassene Präsidentschaft bröckelt

  • Christliche Wähler in den USA, Katholiken vorneweg, wenden sich ab vom Präsidenten.
  • Ein Megatrend ist im Gang, der Amerika verändern und die Wahl im November entscheiden könnte.
  • Im Wahljahr 2016 waren Evangelikale, Protestanten und Katholiken für Donald Trump eine der wichtigsten Stützen.
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Am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr meldete sich in der katholischen Kirchengemeinde von El Paso, Texas, ein Anrufer aus Europa. Er wolle ausdrücklich die Solidaritätsaktion der Gemeinde für den von der Polizei getöteten schwarzen Amerikaner George Floyd loben, sagte der Anrufer.

Unter Leitung des örtlichen Bischofs Mark Seitz hatten Gemeindemitglieder sich außerhalb der Kirche in der Öffentlichkeit für mehr als acht Minuten hingekniet. Dies entspricht der Zeit, die verstrich, während ein Polizist sein Knie auf den Hals von Floyd gedrückt hatte. Die Katholiken von El Paso versammelten sich hinter dem gleichen Slogan, der anderswo auch Nichtreligiöse und linke Aktivisten zusammenführt: “Black lives matter.”

So sei es gut, so müsse es weitergehen mit der katholischen Kirche in den USA, sagte der Anrufer aus Europa – über den sich der völlig überraschte Bischof Seitz seither maßlos freut. Denn der Anruf kam aus Rom, von allerhöchster Stelle: Papst Franziskus persönlich gab den Aktivisten in der texanischen Provinz seinen Segen.

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Obamas Dank an die junge Generation
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Der ehemalige US-Präsident sich bedankte in einem Livestream bei den jungen Demonstrierenden, die in seinen Augen schon so viel bewirkt haben.  © Matthias Koch/Reuters

Neue Mehrheiten finden zueinander

Die kleine Begebenheit ist Teil eines Trends, der der Trump-Präsidentschaft ein Ende setzen könnte. Stärker noch als die Corona-Epidemie, stärker sogar als die nachfolgende ökonomische Depression könnte sich die inzwischen allerorts spürbare neue Distanz religiöser Amerikaner zu Trump auf die Wahlen auswirken.

Schon beim vorigen Mal, im Jahr 2016, war es für Trump denkbar knapp. Die Mehrheit der Wähler hatte für Hillary Clinton gestimmt, nur das nach Bundesstaaten sortierte Wahlmännersystem bewirkte den Sieg Trumps. Wie aber künftig noch einmal eine Mehrheit für Trump zustande kommen sollte, wird von Woche zu Woche schleierhafter.

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Auf Gedenkfeier für George Floyd: Al Sharpton prangert Rassismus in den USA an
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Er sprach auf einer ersten Trauerfeier für George Floyd in Minneapolis.  © Matthias Koch/Reuters
  • “Swing States” schwingen gegen Trump: Zu allen Zeiten war entscheidend, wie sich die Stimmung in den “Swing States” entwickelt, jenen US-Bundesstaaten, in denen mal die Demokraten und mal die Republikaner die Nase vorn haben. Ein Beispiel: Wenn Trump diesmal in Ohio, Michigan und Wisconsin verliert, hat er die gesamte Wahl verloren – selbst wenn er alle anderen Staaten, in denen er 2016 vorn lag, wieder gewinnt. Genau danach sieht es aber bereits jetzt aus. Nicht nur in diesen drei Staaten hat Trump keine regionalen Umfragemehrheiten mehr. Die Liste der Staaten, in denen es neuerdings nicht mehr gut aussieht für Trump, wird laut CNN immer länger.
  • Eine neue Mehrheit formiert sich: Eine Umfrage von Reuters/Ipsos aus dieser Woche zeigt, dass Trump, grob gesagt, den passenden Ton nicht trifft und sich nun in den USA neue soziokulturelle Mehrheiten formieren – an ihm vorbei. 64 Prozent der befragten Amerikaner bekundeten ihre “Sympathie mit denen, die jetzt aus Protest auf die Straßen gehen”. Nur 27 Prozent verneinten dies. Damit erscheinen Trumps Drohungen, das Militär im Inland einzusetzen, nicht nur als verfassungsrechtlich problematisch, sondern auch als kommunikativer Fehler. In der gleichen Umfrage sagten 47 Prozent, sie würden wohl im November Joe Biden wählen, 37 Prozent bekannten sich zu Trump. Zahlen wie diese sind allerdings in so großer zeitlicher Entfernung zur eigentlichen Wahl nur von begrenzter Bedeutung.
  • Religiöse Wähler wenden sich ab: Demoskopisch interessanter als die Wahlabsichten sind derzeit die längerfristig wirksamen soziokulturellen Trends. So ist laut einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Public Religion Research Institute (PRRI) eine massenhafte Abkehr von Katholiken, Protestanten und Evangelikalen von Trump im Gang. Am ungünstigsten für Trump ist das schnelle und massenhafte Umdenken bei den weißen Katholiken. Unter ihnen sehen jetzt nur noch 37 Prozent den Präsidenten positiv, noch im März dieses Jahres waren es 60 Prozent. Bei den weißen Protestanten ging der Anteil der Trump-Freunde seit März von 62 auf nunmehr 51 Prozent zurück. Die hartnäckigsten Anhänger Trumps sind die weißen Evangelikalen, aber auch unter ihnen ging der Anteil derer, die den Präsidenten positiv sehen, zurück – von 77 Prozent im März auf jetzt 62 Prozent. Im Jahr 2016 hatten 81 Prozent der amerikanischen Evangelikalen für Trump gestimmt.

Warum wedelt Trump mit der Bibel?

Die Enttäuschung vieler religiösen Wähler dürfte inzwischen sogar noch zugenommen haben. Die PRRI-Umfrage war bereits abgeschlossen, bevor neue Misshelligkeiten Führungspersönlichkeiten diverser Glaubensrichtungen entsetzten. Als ärgerlich und unwürdig empfanden es viele, dass Trump friedliche Demonstranten vertreiben ließ, um sich gegenüber dem Weißen Haus vor der Kirche von St. John mit einer Bibel in der Hand für ein Foto aufzustellen.

“Trump zitiert nichts aus der Bibel, er benutzt sie nur, als ein Aushängeschild im Wahlkampf": Der amerikanische Präsident am 1. Juni vor der Kirche St. Johns in Washington. © Quelle: imago images/UPI Photo
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Einige Unentwegte nahmen die Geste zwar freudig auf, ganz im Sinne Trumps: Hier steht der Mann, der in einer Zeit der Unruhe für das Gute kämpft, mit Gott an seiner Seite. Andere sprachen von einer Schande; gerade wenn man die Bibel ernst nehme, dürfe man nicht so eiskalt handeln und die Nation so sehr spalten wie Trump.

Katherine Stewart, Journalistin und Buchautorin (“The Power Worshippers”), die sich viel mit der religiösen Rechten beschäftigt hat, sieht in der Geste Trumps mit der Bibel ein Zeichen, das sie an Victor Orban in Ungarn und an Recep Tayyip Erdogan in der Türkei erinnert. Autoritäre Führer liebten es, sich mit religiösen Symbolen zu umgeben. “Trump zitiert nichts aus der Bibel”, sagte Stewart der “New York Times”. “Er benutzt sie nur, als ein Aushängeschild im Wahlkampf.”

Televangelist tadelt Trump

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Sobald es an Inhalte geht, an Werte gar, knirscht es im Verhältnis zwischen Trump und den Religiösen. Nicht mal mehr auf den ultrakonservativen Televangelisten Pat Robertson kann Trump sich verlassen. Der nahm es sich raus, Trump zu tadeln wie einen dummen Jungen: “So etwas tut man einfach nicht.” Trump drohe mit einem Einsatz von Truppen, sogar gegen den Willen von Gouverneuren, dabei sei dies jetzt eine Zeit, in der man einander die Hand reichen müsse, mahnte Robertson, Gründer des Senders Christian Broadcasting Networks.

Regelrecht verstörend müssen auf Trump die abschließenden Worte Robertsons gewirkt haben: “Wir müssen einander lieben”, sagte Robertson. “Wir sind alle eine einzige Rasse, wir sind alle von Gott geschaffen.”

Bislang wähnte Trump seine Gegner immer im Lager der “linken Spinner”. Jetzt wird es auf ganz neue Art kompliziert für den Präsidenten. Trumps komplette Überforderung, intellektuell wie charakterlich, war noch nie so mit Händen zu greifen wie in diesen Tagen. Endlich spüren es auch jene, die ausgerechnet in ihm – ein schauderhafter Irrtum – jemanden sehen wollten, den der Himmel geschickt hat.






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