Fünf erste, kurze Lehren aus der US-Wahlnacht

  • Eine Entscheidung zur US-Wahl könnte noch etwas länger auf sich warten lassen.
  • Erste Erkenntnisse lassen sich aus der Wahlnacht trotzdem bereits ziehen.
  • Nicht alle lassen einen optimistisch auf die kommenden Wochen blicken.
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Berlin. Welche Schlüsse lassen sich bisher aus der US-Wahl ziehen? Ein Überblick:

Die Demoskopen gehören zu den Verlieren

Die meisten US-Umfrageinstitute hatten einen Erdrutschsieg oder mindestens einen deutlichen Sieg für Joe Biden prognostiziert. Die Demokraten hofften darauf. Dies ist definitiv nicht passiert, wie die Hochrechnungen und Ergebnisse zeigen. Besonders drastisch lagen die Wahlforscher im Swing State Florida daneben. Diesen konnte Trump entgegen vieler Vorhersagen gewinnen.

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Erklärbar ist dies wohl unter anderem mit einem Phänomen, das Forscher „soziale Erwünschtheit” nennen. Bedeutet: Im Vorfeld befragte Wähler verschweigen gegenüber Wahlforschern ihre wahren Absichten, weil sie befürchten, von diesen oder ihrem sozialen Umfeld für ihre Unterstützung von Trump verurteilt zu werden.

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US-Präsident Donald Trump will die Stimmauszählung per Gerichtsbeschluss stoppen lassen. Unerhört, findet der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer.  © RND

Das Phänomen der “roten Fata Morgana”

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In einem Punkt scheinen die Umfrageinstitute und Politikwissenschaftler aber richtig gelegen zu haben: Sie prognostizierten, dass Donald Trump und seine Republikaner (die mit der Farbe rot assoziiert werden) in vielen Swing States in der Wahlnacht bei der Auszählung zunächst gut dastehen würden – dies aber nicht viel Aussagekraft hätte. Der Grund liegt in der Briefwahl, die diesmal in manchen Bundesstaaten coronabedingt bis zu zwei Drittel der Wähler genutzt haben.

Deren Auszählung dauert in den meisten Bundesstaaten sehr viel länger als die Auszählung der Stimmen aus den Wahllokalen. In Michigan beispielsweise wird erst am Mittwochnachmittag vollständig ausgezählt sein, in Pennsylvania könnte es sogar noch länger dauern. Die Annahme ist: Demokraten wählen häufiger per Briefwahl, weil sie eine Ansteckung durch Corona stärker fürchten als Republikaner, die die Krankheit oft für harmlos oder gar für einen Schwindel halten.

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Störungen und Krawalle sind (bisher) ausgeblieben

Anders als vor allem von vielen Beobachtern befürchtet ist es vor Wahllokalen nach ersten Berichten nicht zu nennenswerten Störungen gekommen. Viele Beobachter waren in Sorge, dass vor allem bewaffnete Unterstützer von Donald Trump vor Wahllokalen aufziehen könnten, um Wähler einzuschüchtern oder sie gar von der Wahl abzuhalten. Es scheint aber nicht ausgeschlossen, dass es vor allem in umstrittenen US-Staaten in den kommenden Tagen noch zu größeren Auseinandersetzungen auf den Straßen kommen könnte.

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Die Zurückhaltung der (sozialen) Medien

Anders als bei vergangenen Wahlen waren die US-Sender wie CNN, MSNBC und in Teilen sogar Fox News diesmal verhältnismäßig zurückhaltend mit frühzeitigen Prognosen für einzelne Bundesstaaten. In vielen Swing States ist das Rennen extrem eng.

Und sogar Twitter scheint – wie vorher angekündigt – vorschnelle Schlüsse und Propaganda unterbinden zu wollen. So kennzeichnete das soziale Netzwerk am Mittwochmorgen einen Tweet Donald Trumps als „möglicherweise irreführend”, in dem dieser erklärte: „Sie versuchen uns die Wahl zu stehlen. Wir werden das nicht zulassen.“

Die Wahl wird die Welt noch lange in Atem halten

Am Mittwochmorgen ist klar – die Abstimmung wird die USA und die Welt noch lange beschäftigten. Die Propagandaschlacht hat bereits begonnen: Die relative Zurückhaltung der US-Medien steht im krassen Gegensatz zum Verhalten der politischen Lager. Ein Horrorszenario scheint sich zu bewahrheiten: Trump zieht die Legitimität der Wahl grundsätzlich in Frage und erklärte – obwohl das Rennen noch offen ist: „Wir haben die Wahl gewonnen.”

Auch Joe Biden hat sich bereits positioniert. Er erklärte vorsorglich via Twitter: „Es ist nicht an mir oder Donald Trump, einen Gewinner zu küren – sondern an den Wählern.”

Selbst wenn in einigen Tagen alle Briefwahlstimmen ausgezählt sein werden (was Trumps Team wohl verhindern will), dürfte der „Krieg der Anwälte” dann erst richtig beginnen. Juristen beider Seiten werden in einem oder mehreren Bundesstaaten darum streiten, ob bestimmte Wählerstimmen zählen oder ob es zu Betrug gekommen ist.

Am Ende könnte diese Entscheidungen tatsächlich vor dem obersten Gericht, dem Supreme Court, landen. Dort hat Trump in seiner Amtszeit für eine konservative Mehrheit gesorgt. Trump hat dies in seinem Statement am Wahlabend auch angekündigt.

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