Parteitag der US-Demokraten: Alle gegen Donald Trump

  • Zum Auftakt ihres überwiegend virtuellen Parteitags in Milwaukee geben sich die Demokraten demonstrativ geschlossen.
  • Der linke Senator Bernie Sanders fordert seine Anhänger ohne Vorbehalte zur Wahl von Joe Biden auf.
  • Michelle Obama spricht dem US-Präsidenten in beispielloser Schärfe die charakterliche Eignung für das Amt ab.
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Milwaukee. Zwei Stunden voller Zoom-Gespräche und Videobotschaften können lange sein. Man braucht Geduld, um einen Parteitag ohne dramaturgische Inszenierung, visuelle Reize und Publikumsreaktionen durchzustehen.

Doch dann gibt es Auftritte wie den von Kristin Urquiza, die aufrüttelnd vom Covid-Tod ihres Vaters berichtet. Leidenschaftliche Appelle wie den von Bernie Sanders, der ohne Wenn und Aber zur Unterstützung seines einstigen Kontrahenten aufruft. Und eine Botschaft von Michelle Obama, die so klar und präzise mit dem Amtsinhaber im Weißen Haus abrechnet wie keine Ex-Präsidentengattin zuvor. Und plötzlich kommt einem der Abend historisch vor.

Einzigartig sind die diesjährigen Conventions der US-Demokraten ohnehin. Bis zu 50.000 Delegierte, Presseleute und Zuschauer sollten sie eigentlich in den Swing State Wisconsin locken, um dort dem Präsidentschaftswahlkampf von Joe Biden einen entscheidenden Schub zu verschaffen. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

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Der Mammutkongress wurde erst verschoben, dann angesichts der hohen Infektionszahlen in den USA immer weiter geschrumpft. Am Ende kündigte Biden an, dass er seine Nominierungsrede im Heimatstaat Delaware halten werde. Damit war klar, dass der Parteitag überwiegend virtuell stattfinden würde – ein Novum.

Der erste der vier Abende, die zur besten Sendezeit von vielen US-Sendern übertragen werden, offenbarte die Möglichkeiten und die Grenzen des Formats. So kamen in Clips und kurzen Zoom-Schalten viel mehr normale Menschen zu Wort, als dies bei einem üblichen Parteikonvent möglich wäre. Doch manche entweder live oder als Konserve eingespielte Politikerrede wirkte ohne Publikum, ohne Applaus oder auch Missfallenskundgebung doch etwas aseptisch.

Um Inhalte geht es eher am Rande

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In diesem Rahmen konnte es nicht darum gehen, über inhaltliche Fragen eines Regierungsprogramms zu diskutieren. Die Botschaft des Abends war umfassender: Die Demokraten wollen der Polarisierung unter Donald Trump eine inklusive Politik entgegensetzen, die alle Bevölkerungsteile einbindet und die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden versucht.

Deshalb kamen Weiße, Schwarze, Latinos, Arbeiter und Manager, Konservative und Linke zu Wort. Breiten Raum räumten die Organisatoren ehemaligen republikanischen Amtsträgern und Trump-Wählern von 2016 ein, die dieses Mal für Joe Biden stimmen wollen.

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“Unser Land befindet sich an einer Kreuzung”, mahnte der ehemalige Gouverneur von Ohio und einstige republikanische Präsidentschaftskandidat John Kasich und warnte vor vier weiteren Jahre Trump. “Joe ist ein guter Mann”, empfahl er den Kandidaten der Konkurrenzpartei.

Noch eindrücklicher geriet die kurze Passage, in der eine Bürgerin namens Kristin Urquiza ihren Vater betrauerte: “Er sollte heute Abend hier sein, aber er ist es nicht.” Der Mann aus Arizona sei ein Trump-Anhänger gewesen und habe sich auf dessen Worte verlassen.

Im Mai ging er mit Freunden in eine Karaokebar, wenige Wochen später starb der ansonsten gesunde 65-Jährige an Covid-19. “Seine einzige Vorerkrankung war, dass er Donald Trump vertraute”, sagte Urquiza: “Dafür zahlte er mit seinem Leben.”

Die politisch wichtigste Rede für den Kandidaten Joe Biden hielt an diesem Abend wohl sein einstiger Konkurrent Bernie Sanders. Der linke Senator dankte seiner hochmotivierten und vielfach jüngeren Anhängerschaft für ihre Unterstützung und forderte sie ohne Einschränkungen und Vorbehalte auf, für Biden zu stimmen.

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“Die Zukunft der Demokratie steht auf dem Spiel. Wir müssen zusammenkommen, Donald Trump schlagen und Joe Biden wählen”, mahnte Sanders. “Der Preis eines Scheiterns ist zu gewaltig, um ihn sich auch nur vorzustellen.”

Dass die ehemalige First Lady Michelle Obama mit einer knapp 20-minütigen Rede am Ende des Abends die Herzen vieler Zuschauer erobern würde, konnte man angesichts ihrer großen Popularität erwarten. Eine Überraschung war aber, wie schonungslos die 56-Jährige weniger mit der Politik als mit dem Charakter von Trump abrechnete.

“Immer wenn wir aus dem Weißen Haus eine Form von Führung, Bestärkung oder Stetigkeit erwarten, bekommen wir Chaos, Spaltung und das totale Fehlen von Empathie”, monierte sie. Ruhig und mit warmer Stimme schilderte sie, wie die von Trump beförderte Polarisierung auf alle Bereiche des amerikanischen Alltagslebens abstrahlt und sie vergiftet.

“Donald Trump ist der falsche Präsident für unser Land”, urteilte Obama in beispielloser Schärfe: “Er ist der Aufgabe nicht gewachsen. Er kann einfach nicht der sein, den wir bräuchten.” Als wäre dieses Urteil noch nicht hart genug, setzte Obama scheinbar lakonisch einen Satz hinzu, den Trump in Bezug auf die Corona-Pandemie gebraucht hatte: “Es ist, wie es ist.”

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Bei einem normalen Parteitag wären die Delegierten jetzt jubelnd von den Stühlen gesprungen. In den virtuellen Zeiten verschwindet die Mahnerin irgendwann wie ein guter Geist aus einer anderen Zeit vom Bildschirm.

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